Neue Bewährungsprobe
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Robotik und Künstliche Intelligenz revolutionieren die gesamte Wirtschaft. © Shutterstock
Der Grazer Volkswirtschaftler Heinz Dieter Kurz ortet in der steirischen Wirtschaft Nachholbedarf im Bereich Digitalisierung. Bei zunehmender Automatisierung sei die digitale Qualifizierung eine Überlebensfrage für den Standort Steiermark.
Mit seinen Forschungsschwerpunkten zur Wirtschaftstheorie und zur Geschichte des ökonomischen Denkens und als Gründer und ehemaliger Leiter des Schumpeter-Zentrums an der Uni Graz beschäftigt sich Heinz Dieter Kurz aktuell insbesondere mit dem Strukturwandel infolge von Digitalisierung und Automatisierung – auch im Rahmen eines FWF-Forschungsprojektes.
Corona verstärkt die Digitalisierung. Wo sehen Sie hierzulande Verbesserungsbedarf?
Heinz Dieter Kurz: Nur leicht übertreibend könnte man sagen: in beinahe allen Bereichen. Das beginnt bei der verfügbaren digitalen Infrastruktur: Breitband, Zugriff auf Endgeräte; es setzt sich fort in der digitalen Ausbildung von Jugendlichen und Lehrern, der digitalen Durchdringung der öffentlichen Administration, aber auch in der Nutzung der digitalen Möglichkeiten durch zahlreiche Firmen, dem Einsatz digitaler Instrumente in der Pandemiebekämpfung – man denke nur an die chaotischen Verhältnisse bei der Anmeldung zur Impfung und Probleme beim „Contact Tracing“ und so weiter. Das Bewusstsein zahlreicher Entscheidungsträger und ihrer Berater bezüglich der sich bietenden Chancen und Risiken lässt sehr zu wünschen übrig. Schließlich: Das Neue löst immer einen „Prozess schöpferischer Zerstörung“ aus, wie der Grazer Ökonom Joseph A. Schumpeter sich ausdrückte. Da gibt es nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer. Eine inklusive Gestaltung, die nur wenige Verlierer zurücklässt, verringert Widerstände gegen das Neue und Reibungsverluste.
Wie steht die Steiermark allgemein in puncto Digitalisierung da?
Was man sagen kann, ist, dass Segmente der steirischen Wirtschaft und mehrere größere und kleinere Hightech-Firmen sehr gut mit der Herausforderung umgehen und international in etlichen Nischen auf der Welt führend sind. Dies ist sehr erfreulich und hat entscheidend auch mit der hohen Forschungsquote in Bezug auf die Grundlagen- und die angewandte Forschung im Land zu tun.
Ihr letztes Forschungs-Projekt „Wie smarte Maschinen Österreichs Wirtschaft verändern“ schaute sich an, wie Österreichs Wirtschaft für den digitalen Wandel gewappnet ist: Ihr Fazit?
Zum Teil sehr gut, aber nicht überall. Wichtig ist die erfolgreiche Digitalisierung bezüglich der international handelbaren Güter und Dienstleistungen, denn dort ist der Wettbewerb besonders intensiv und die Gefahr, aus dem Markt geworfen zu werden, besonders groß.

Die Pandemie birgt die Gefahr des Entstehens einer großen Gruppe von digitalen Analphabeten und mittelbar wirtschaftlich Abgehängten. Dies kann die weitere Entwicklung sehr beeinträchtigen und zu beachtlichen sozialen Spannungen führen.
Heinz D. Kurz
Volkswirtschaftsprofessor an der Uni Graz
Robotik und KI und die daraus folgende Schlüsseltechnologie der smarten Maschinen, so schreiben Sie, werden einen tiefgreifenden Strukturwandel auslösen. Lassen sich solche Wandlungsprozesse bereits beobachten?
Die neuen Technologien, mit denen wir es zu tun haben, sind sogenannte „General Purpose Technologies“ – Allgemeinzwecktechnologien. Diese sind gekennzeichnet durch breite Anwendbarkeit, gute Kombinierbarkeit untereinander und ein großes Potenzial für Folgeinnovationen. Sie revolutionieren über kurz oder lang die gesamte Wirtschaft mit tiefgreifenden Auswirkungen auf Gesellschaft, Kultur und Politik. Sie vernichten gewisse Arbeitsplätze beziehungsweise ändern merklich deren Tätigkeitsprofile und schaffen neue. Besonders negativ betroffen sind routinebasierte, mittelbar durch Künstliche Intelligenz (KI), aber auch gewisse qualifizierte Tätigkeiten.
Was ist zu tun?
Die „Skillprofile“ der Arbeitsplätze ändern sich laufend, und die Frage wird unter anderem sein: Gelingt es, die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Arbeitskräfte mit den neuen Anforderungsprofilen in Einklang zu bringen? Dies ist gerade auch eine Herausforderung für das Ausbildungs- und Erziehungswesen. Ist Österreichs Schulsystem dafür gewappnet? Ich habe da meine Zweifel. Mangelnde Kompetenzen beziehungsweise ihre ungleiche Verteilung können durch die Beseitigung von Hürden bei der Nutzung abgebaut werden. Wer keinen Laptop hat, kann ihn auch nicht nutzen. Die Zugriffsmöglichkeiten auf Endgeräte in Schulen, auf mobile Daten und Ähnliches muss schleunigst verbessert werden. Die Pandemie birgt die Gefahr des Entstehens einer großen Gruppe von digitalen Analphabeten und mittelbar wirtschaftlich Abgehängten. Dies kann die weitere Entwicklung sehr beeinträchtigen und zu beachtlichen sozialen Spannungen führen.
Es gibt viele steirische Traditionsunternehmen. Können sie die Heraus-forderungen unter pandemisch erschwerten Bedingungen meistern?
In traditionellen Unternehmen sind die Beharrungskräfte oftmals groß und Innovationen nur langsam durchsetzbar. Die Fortexistenz der Unternehmung ist ja der lebende Beweis dafür, dass man alles richtig gemacht hat. Warum nicht weiter so? Aber Rezepte, die in der Vergangenheit geholfen haben, können sich bei neuen Herausforderungen als untauglich erweisen. Die Digitalisierung bietet einerseits die Möglichkeit, neue Produkte, neue Märkte und neue Geschäftsmodelle zu erschließen, beinhaltet jedoch andererseits die Gefahr, aus dem Markt geworfen zu werden. Ein gravierendes Problem besteht darin, dass die heutigen Formen des technologischen Fortschritts und die parallel dazu entwickelten Geschäftsmodelle, insbesondere die Plattformwirtschaft, wie Ökonomen sagen, dynamisch steigende Skalenerträge aufweisen.

Was ist damit gemeint?
Die „vierte industrielle Revolution“ basiert stark auf KI, Robotern, selbstlernenden Systemen, Maschinen und Algorithmen, die – anders als der Mensch – nie schlafen und, während sie arbeiten, ständig ihre Leistungsfähigkeit verbessern. Sammlung und Auswertung von Feedbackdaten optimiert die Effizienz des Systems und erweitert seinen Anwendungsbereich. Je größer die kumulierte Menge an verarbeiteten Daten, desto besser die Performance. Wer einmal vorne liegt, ist nur noch schwer einholbar. Was groß ist, wird noch größer. Es entstehen „Superstarfirmen“ mit geringer Beschäftigung und hohem Automatisierungsgrad. Wie sollen sich traditionelle Firmen, noch dazu im Lockdown, gegen Giganten wie die „Big Five“ – Amazon, Apple, Facebook, Google und Microsoft – behaupten, zumal wenn diese steuerlich und wirtschaftspolitisch begüns-tigt werden? Ein größeres Firmensterben ist unter den gegebenen Bedingungen unvermeidlich.
Wie sehen Sie die Entwicklung neuer Technologien in diesem Bereich hierzulande?
Die österreichische Wirtschaft heute kann man sich vorstellen als das Ergebnis einer jahrhundertelangen Aufhäufung von Wissen und Erfahrung. Ein Teil dieses Wissens und der gemachten Erfahrungen werden durch technologisch-organisatorische Fortschritte obsolet und sollten in ihrer Bedeutung für das heutige Tun immer mehr in den Hintergrund treten. Geschieht dies nicht, dann verkrustet das System und verliert an Elastizität. Seine Lernfähigkeit entscheidet über seinen Erfolg. „Gehirn“ ist heutzutage weit mehr gefragt als „Muskel“. Steirisches Blut, das wissen wir, ist kein Himbeersaft. Jetzt muss sich das steirische Gehirn aufs Neue bewähren.
In welchen technologischen Bereichen könnte die steirische Wirtschaft noch viel mehr reüssieren?Wichtig ist es zu sehen, dass man großräumig denken und operieren muss. Würde man nur die Steiermark im Blick haben, so liefe dies auf eine Themenverfehlung hi-naus. Dies ist den international agierenden und erfolgreichen steirischen Firmen wohl bewusst. Sie werden versuchen, ihre Stärken auf zahlreichen Gebieten, darunter denen der Mikro- und Nanoelektronik, der Stahlerzeugung, des Tunnelbaus, der Automotive, des Maschinenbaus usw., zu bewahren beziehungsweise auszubauen. Sie werden bezüglich der Lieferketten, auf die sie angewiesen sind, diversifizieren, um nicht in einseitige Abhängigkeiten zu geraten. Und sie werden Kooperationen mit anderen, vor allem europäischen Firmen anstreben, um die Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationstätigkeit zu bündeln und kostspielige Doppelgleisigkeiten zu vermeiden. Die Innovations- und Industriepolitik der Europäischen Union ist diesbezüglich von größter Bedeutung. Zahlreichen Leuten in Österreich ist anscheinend noch immer nicht hinreichend bewusst, dass Österreich wirtschaftlich und politisch ein Teil der europäischen Schicksalsgemeinschaft ist.





