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Gesundheit

Zukunft der Medizin: Technologie für Menschlichkeit

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Lars-Peter Kamolz, Lejla Pock & Eva Schubert-Vadon

Lars-Peter Kamolz, Lejla Pock & Eva Schubert-Vadon © Martin Schönbauer

Künstliche Intelligenz, Robotik, Tele-Rehabilitation, personalisierte Medizin und neue Versorgungsmodelle: Die Medizin steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Doch was bedeutet Innovation konkret für Menschen und Einrichtungen? Darüber diskutierten Expert:innen beim großen Round-Table-Gespräch des BUSINESS MONAT.

Die Medizin befindet sich in einer Phase tiefgreifender Veränderung. Künstliche Intelligenz unterstützt Diagnosen, Robotik eröffnet neue Möglichkeiten, digitale Anwendungen begleiten Patient:innen auch außerhalb klassischer Versorgungseinrichtungen. Gleichzeitig steht das Gesundheitssystem unter Druck: demografischer Wandel, Fachkräftemangel, steigende Kosten und die Frage, wie Menschen nicht nur älter, sondern auch gesünder älter werden können.

Doch bei aller Technologie bleibt die zentrale Frage: Wird die Medizin der Zukunft dadurch distanzierter oder im besten Fall wieder menschlicher? Darüber diskutierten Lars-Peter Kamolz, Chirurg und Leiter der Klinischen Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie an der Med Uni Graz sowie im Bereich Innovation tätig, Lejla Pock, Geschäftsführerin des steirischen Life-Science-Clusters Human.Technology Styria, und Neurologin Eva Schubert-Vadon vom Radkersburger Hof – Zentrum für Gesundheit und Rehabilitation.

BUSINESS MONAT: Wenn wir über die Zukunft der Medizin sprechen – was verändert sich gerade am stärksten?

Lars-Peter Kamolz: Aus meiner Sicht gibt es seit Jahren drei große Megatrends in der Medizin. Der erste ist die regenerative Medizin. Da bewegen wir uns weg von einer reinen Symptommedizin hin zu Ansätzen, bei denen echte Regeneration möglich wird. Der zweite große Bereich ist Artificial Intelligence. KI ist eine disruptive Technologie, die sehr viel verändern wird. Und der dritte Bereich ist Robotik – in der Chirurgie, aber auch in vielen anderen medizinischen Feldern. Wichtig ist mir dabei: KI und Robotik sollen den Menschen nicht ersetzen. Sie sollen Ärzt:innen, Pflegekräfte und andere Gesundheitsberufe unterstützen. Im besten Fall schaffen sie wieder mehr Zeit, damit wir uns den Patient:innen zuwenden können.

Lars-Peter Kamolz @ Martin Schönbauer
Lars-Peter Kamolz, Leiter der Klinischen Abteilung Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie der Med Uni Graz & Bereich Innovation Med Uni Graz © Martin Schönbauer

Lejla Pock:Ich sehe das sehr ähnlich. Aus technologischer Sicht ist ein zentraler Punkt, dass wir heute über viel mehr Gesundheitsdaten verfügen als früher. Diese Daten entstehen im Gesundheitssystem, in der Diagnostik, in der Therapie, in der Genomik und zunehmend auch im Alltag von Patient:innen. Der entscheidende Punkt ist: Wie nutzen wir diese Daten intelligent und verantwortungsvoll?

Da geht es um KI-gestützte Früherkennung, um Mustererkennung, um personalisierte Medizin und auch um die Nutzung sogenannter Real-World-Data. Klinische Studien bleiben unverzichtbar, finden aber unter definierten Bedingungen statt. In der Realität haben Patient:innen oft mehrere Begleiterkrankungen, unterschiedliche Lebenssituationen und individuelle Voraussetzungen. Wenn wir diese Versorgungsdaten sinnvoll nutzen, können wir Krankheiten bessser verstehen, Therapien gezielter entwickeln und die Versorgung langfristig verbessern.

Eva Schubert-Vadon: Digitalisierung und KI spielen auch in puncto Wissenstransfer eine wesentliche Rolle. Meine Generation hat sehr viel implizites Wissen durch Erfahrung aufgebaut. Heute eröffnet KI ganz neue Möglichkeiten, dieses Wissen schneller verfügbar zu machen und jüngeren Kolleg:innen besser weiterzugeben.

Aber gerade in der Rehabilitation bleibt eines zentral: Zeit für Patient:innen. Bei einfachen Dingen mag ein kurzer Kontakt reichen, aber bei komplexen Erkrankungen braucht es Beziehung, Vertrauen und genaues Hinschauen. Digitalisierung kann dabei helfen – aber nur, wenn sie richtig eingesetzt wird.

Künstliche Intelligenz klingt für viele noch abstrakt. Wo kommt sie heute schon konkret zum Einsatz?

Schubert-Vadon: In der Rehabilitation sehe ich besonders großes Potenzial in der Tele-Rehabilitation nach dem stationären Aufenthalt. Drei oder vier Wochen Reha sind wichtig, aber entscheidend ist, was danach passiert. Wenn Patient:innen zu Hause weiterüben, wäre es enorm hilfreich, den Verlauf digital begleiten zu können: Machen sie die Übungen? Schleichen sich Fehler ein? Gibt es Rückschritte? Dazu kommt die Robotik. Gerade in der neurologischen Rehabilitation sind Wiederholungen zentral. Exoskelette oder robotische Trainingssysteme können helfen, Bewegungsabläufe kontinuierlich und intensiv zu trainieren. Das ersetzt keine Therapeut:innen, aber es erweitert die Möglichkeiten.

Eva Schubert-Vadon @ Martin Schönbauer
Eva Schubert-Vadon, Neurologin am Radkersburger Hof – Zentrum für Gesundheit und Rehabilitation © Martin Schönbauer

Kamolz: Es gibt bereits viele sogenannte Decision-Support-Systeme, die Ärzt:innen bei Entscheidungen unterstützen. In Graz gab es frühe Entwicklungen etwa im Bereich Blutzucker- und Diabetesmanagement. Auch in meinem Bereich, der plastischen Chirurgie, gibt es Systeme, die helfen können, die Tiefe einer Gewebeschädigung einzuschätzen.

Man muss sich KI im Grunde wie einen erfahrenen Kollegen vorstellen. Sie lernt aus vielen Datensätzen, so wie Ärzt:innen aus vielen Fällen lernen. Natürlich ersetzt das nicht die ärztliche Entscheidung, aber es kann eine wichtige Unterstützung sein.

Pock: Ein großes Anwendungsfeld ist die Früherkennung von Krankheiten. KI kann große Mengen an Gesundheitsdaten analysieren und Muster erkennen, die für den einzelnen Menschen oder auch für medizinisches Personal nicht unmittelbar sichtbar wären. Dazu kommen digitale Gesundheitsanwendungen, Remote Monitoring und die Begleitung chronischer Erkrankungen in Echtzeit. Der entscheidende Unterschied ist: Wir haben nicht mehr nur eine Momentaufnahme beim Arztbesuch, sondern können Entwicklungen über einen längeren Zeitraum beobachten – etwa Blutzuckerwerte, Temperatur, Herzfrequenz oder Bewegungsdaten. Dadurch können Risiken früher erkannt, Therapien individueller angepasst und die Versorgung insgesamt verbessert werden.

Viele Menschen haben Angst vor KI und digitalen Technologien. Wie berechtigt ist diese Sorge?

Pock: Sorgen sollte man immer ernst nehmen. Gleichzeitig ist es wichtig zu verstehen, dass der Gesundheitsbereich zu den am stärksten regulierten Bereichen überhaupt zählt. KI-Anwendungen in der Medizin unterliegen strengen gesetzlichen Vorgaben und müssen umfangreiche Anforderungen hinsichtlich Sicherheit, Qualität und Nachvollziehbarkeit erfüllen. Die Verantwortung für Diagnosen und Therapieentscheidungen bleibt beim Menschen. Darüber hinaus spielen Datenschutz, Cybersecurity und der sichere Umgang mit Gesundheitsdaten eine zentrale Rolle. Genau deshalb werden solche Technologien vor ihrem Einsatz intensiv geprüft und laufend überwacht.

Lejla Pock, Geschäftsführerin Human.Technology Styria © Martin Schönbauer
Lejla Pock, Geschäftsführerin Human.Technology Styria © Martin Schönbauer

Ein oft genannter Vorwurf lautet: Je digitaler die Medizin wird, desto unpersönlicher könnte sie werden.

Pock: Ich glaube, man muss zuerst ehrlich sagen: Auch heute erleben viele Patienten Versorgung nicht immer als besonders persönlich. Viele Patient:innen erleben kurze Arztkontakte, viel Dokumentation, wenig direkte Aufmerksamkeit. Technologie soll nicht Menschlichkeit verdrängen, sondern genau dort entlasten, wo heute wertvolle Zeit verloren geht.

Gleichzeitig geht es um Demokratisierung von Medizin. Nicht jeder Mensch lebt in der Nähe einer Universitätsklinik oder eines spezialisierten Gesundheitszentrums. Ich komme ursprünglich aus Kroatien – einem Land mit vielen Inseln, auf denen medizinische Expertise nicht überall unmittelbar vorhanden ist. Digitale Lösungen, Telemedizin und intelligente Unterstützungssysteme können dazu beitragen, Versorgung näher zu den Menschen zu bringen und den Zugang zu medizinischem Wisssen zu verbessern.

Schubert-Vadon: Entscheidend ist, dass wir die Verbindung schaffen: Daten, Wissen und technische Unterstützung einerseits und die persönliche Untersuchung, das Gespräch und die Beziehung andererseits. In der Rehabilitation ist Motivation ein zentraler Faktor. Die entsteht nicht allein durch Technologie, sondern durch Kontakt, Vertrauen und Begleitung.

Die Steiermark gilt als starker Standort für Medizin, Forschung und Life-Sciences. Was macht diesen Standort besonders?

Kamolz: Wir haben hier eine außergewöhnliche Dichte. Es gibt das Universitätsklinikum, die Medizinische Universität, Forschungs- und Entwicklungszentren, den HTS-Cluster, Joanneum Research, Start-ups und Unternehmen. Das alles liegt räumlich relativ nah beieinander. Diese kurzen Wege sind nicht zu unterschätzen. Innovation entsteht oft nicht in langen formalen Prozessen, sondern bei einem Kaffee, in einem kurzen Gespräch. Das macht Zusammenarbeit schneller und niederschwelliger.

Pock: Die Steiermark hat tatsächlich eine besondere Ausgangsposition. Es gibt Regionen, die stark in Biotech sind, andere in Medtech, andere in Produktion oder Forschung. Hier haben wir sehr viel entlang der gesamten Innovations- und Wertschöpfungskette: von der medizinischen Forschung über Biotech, Medtech und digitale Gesundheitstechnologien bis hin zur industriellen Produktion und Anwendung in der Versorgung. Der Cluster hat die Aufgabe, Wissenschaft, Industrie und Gesundheitsversorgung zu vernetzen. Gerade durch die Digitalisierung ist die Gesundheitsversorgung selbst zu einem wichtigen Innovationspartner geworden. Denn Innovation entfaltet ihren Wert erst dann, wenn sie dort ankommt, wo Patient:innen tatsächlich behandelt wird und davon profitiert.

Schubert-Vadon: Auch im Reha-Bereich ist die Steiermark gut aufgestellt. Es gibt eine starke Rehabilitationslandschaft, die nicht nur regional, sondern österreichweit Patient:innen betreut. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Rehabilitation stärker als Teil eines modernen medizinischen Systems wahrgenommen wird, nicht als etwas Altes oder Nachgelagertes, sondern als ein Bereich, in dem Innovation sehr konkret wirkt.

Wie gelingt der Weg von Forschung und Entwicklung in die tatsächliche Versorgung?

Pock: Genau hier liegt eine der größten Herausforderungen. Wir sind sehr gut darin, neue Technologien zu entwickeln. Der schwierigere Teil ist oft, Innovationen tatsächlich in die Versorgung zu bringen. Zwischen Forschungserfolg und Anwendung im Gesundheitsalltag liegen häufig regulatorische Anforderungen, Evidenznachweise, Beschaffungsprozesse und Fragen der Finanzierung. Ein gutes Beispiel ist KI in der medizinischen Bildanalyse. Sie kann Ärzt:innen dabei unterstützen, Auffälligkeiten früher und präziser zu erkennen. Dennoch wird im Vergütungssystem häufig noch dieselbe Leistung abgebildet wie ohne diese zusätzliche Technologie. Die Frage lautet daher: Wie schaffen wir Anreize, damit Innovation auch tatsächlich eingesetzt wird?

Kamolz: Ich glaube, es beginnt sogar noch früher: in der Bildung. Wir müssen schon bei Schüler:innen und Studierenden kritisches Denken, Neugier und die Fähigkeit fördern, Fragen zu stellen. Viele Innovationen entstehen aus guten Fragen. Dann braucht es Universitäten und Institutionen, die Forschung unterstützen. Und natürlich braucht es öffentliche Mittel. Jeder Euro, der in Bildung, Forschung und Innovation investiert wird, ist langfristig gut investiert, weil daraus bessere Versorgung, Arbeitsplätze und gesellschaftlicher Fortschritt entstehen.

Schubert-Vadon: Für mich ist Kooperation der Schlüssel. Wir müssen Gesundheit nicht in kurzen politischen Perioden denken, sondern als langfristiges Projekt.

Round Table Gespräch © Martin Schönbauer
© Martin Schönbauer

Welche großen Herausforderungen kommen auf das Gesundheitssystem zu?

Kamolz: Die Medizin hat sich stark verändert. Früher standen Infektionskrankheiten im Mittelpunkt. Heute sind chronisch-degenerative Erkrankungen eine der größten Herausforderungen. Die Menschen werden älter, aber nicht automatisch gesünder alt. Die letzten zehn bis fünfzehn Lebensjahre werden häufig in mäßiger oder schlechter Gesundheit verbracht. Und genau in dieser Phase entstehen auch hohe Kosten. Das heißt: Der Druck auf das Gesundheitssystem wird steigen. Wir müssen Versorgung neu denken. Was gehört ins Krankenhaus? Was kann ambulant stattfinden? Was gehört in die Rehabilitation? Was kann zu Hause unterstützt werden? Ziel muss sein, Menschen möglichst gut wieder in ihr soziales und berufliches Leben zu integrieren.

Schubert-Vadon: Prävention ist hier entscheidend. Sie müsste schon im Kindesalter beginnen. In der Rehabilitation arbeiten wir oft erst im tertiären Präventionsbereich – also dann, wenn bereits etwas passiert ist. Natürlich können wir viel erreichen, aber wir können nicht zaubern. Reha bedeutet nicht: Man fährt vier Wochen weg und kommt zwanzig Jahre jünger zurück. Trotzdem kann Rehabilitation enorm viel bewirken. Gerade bei Kindern oder jungen Menschen mit chronischen Erkrankungen kann frühe Rehabilitation helfen, später besser in Ausbildung und Beruf integriert zu sein. Deshalb sollte dieser Bereich stärker unterstützt werden.

Pock: Patienten können relativ frei zwischen verschiedenen Versorgungsebenen wählen. Andere Länder arbeiten stärker mit Gatekeeper-Modellen, bei denen die Primärversorgung eine koordinierende Rolle übernimmt. Das ist sicherlich kein Allheilmittel, kann aber dazu beitragen, Ressourcen gezielter einzusetzen und spezialisierte Einrichtungen zu entlasten.

Wie viel Eigenverantwortung darf und soll man Patient:innen zumuten?

Kamolz: Ich glaube, wir müssen Patient:innen wieder stärker in die Selbstverantwortung bringen – nicht im Sinne von Schuld, sondern im Sinne von Motivation und Beteiligung.

Schubert-Vadon: Gerade in der Rehabilitation sieht man: Manche lassen sich berieseln, andere arbeiten aktiv mit. Die Ergebnisse sind oft sehr unterschiedlich.

Kamolz: Heute können wir mit digitalen Hilfsmitteln auch sehen, ob jemand zu Hause weiterübt und ob Übungen korrekt gemacht werden. Aktives Mitmachen sollte meiner Meinung nach belohnt werden. Es geht darum, Menschen zu vermitteln: Du kannst selbst beeinflussen, was heraus-kommt.

Pock: Eigenverantwortung beginnt mit Wissen und Kompetenz. Wenn Gesundheitskompetenz früh vermittelt wird, verändert sich das Mindset. Gleichzeitig müssen wir Rahmenbedingungen schaffen, die gesundes Verhalten erleichtern. Es reicht nicht, Verantwortung nur auf Einzelne zu schieben. Gesundheit ist auch eine gesellschaftliche und strukturelle Aufgabe.

Was wäre Ihr wichtigster Wunsch für die Medizin der Zukunft?

Schubert-Vadon: Ich wünsche mir, dass wir Gesundheit in Österreich stärker gemeinsam denken. Unser Land ist klein, trotzdem sind Strukturen oft sehr föderal und unübersichtlich. Wir geben viel Geld aus, aber sehr viel davon fließt in die Behandlung von Krankheiten, wenn sie schon da sind. Prävention müsste viel stärker in den Mittelpunkt rücken.

Kamolz: Mein Wunsch ist, dass wir Bildung, Forschung und Innovation konsequent stärken und gleichzeitig Patient:innen motivieren, aktiv mitzuwirken. Wir müssen die neuen Technologien nutzen, aber immer mit dem Ziel, Versorgung besser und menschlicher zu machen.

Pock: Ich wünsche mir, dass Gesundheit stärker als Investition und Ressource verstanden wird und nicht nur“ als System zur Reparatur von Krankheiten, sondern als Grundlage für Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und gesellschaftliche Teilhabe und wirtschaftliche Entwicklung. Und ich wünsche mir, dass Innovationen, die hier in der Steiermark entstehen, schneller und strukturierter in die Versorgung kommen.

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