KI und der Faktor Mensch in Unternehmen
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Der Trend zur Nutzung von KI-Tools ist längst angekommen. Wie Manager damit umgehen – und wie Arbeitnehmer Strategien entwickeln, die digitale Befehlsausgabe auszutricksen, weiß Soziologe Thomas Zenkl von der Uni Graz.
Führen heißt entscheiden. Von Budgets über Personal bis hin zu oft banalen Fragen wie die Auswahl einer Weihnachtskarte sind Führungspersonen von früh bis spät damit beschäftigt, aus verschiedenen Optionen die für das Unternehmen bestmögliche abzuwägen. Dass dabei vieles zur Routine wird und aus dem Bauch heraus entschieden wird, kann Symptome wie Betriebsblindheit oder Unachtsamkeit hervorrufen – die im schlimmsten Fall sogar in weitreichenden Management-Fehlern ausufern. Kein Wunder, dass viele Führungskräfte mittlerweile gerade für die zeit- und kräftezehrenden Alltagsaufgaben jetzt immer mehr auf die Hilfe von künstlicher Intelligenz setzen.
Das geht vor allem da gut, wo die KI mit großen Mengen an Daten gefüttert werden kann – numerisches Material wie Geschäftsergebnisse oder Absatzzahlen, die schnell verarbeitet und in Handlungsempfehlungen umgewandelt werden können. Mustererkennung in unübersichtlichen Spreadsheets schafft die KI zuverlässiger und wesentlich zeitsparender als der Mensch, und die Maschine geht dabei auch noch sehr viel objektiver vor. Was dabei allerdings auf der Strecke bleibt, sind die Zwischentöne – Intuition, Verantwortung, moralische Grundsätze, die als wichtige Säulen einer erfolgreichen Führungsarbeit unverzichtbar sind und bleiben.
Sorge um Betriebsinterna
„KI kann Entscheidungsgrundlagen liefern und bei schwierigen Fragen die Datenbasis noch einmal grundlegend beleuchten – sie kann aber die Entscheidung nicht abnehmen“, sagt eine Führungsperson eines großen steirischen Unternehmens, die anonym bleiben will – nicht zuletzt, weil es nach wie vor ein unausgesprochenes Tabu darstellt, auf Managementebene mit der Nutzung von KI zu kokettieren. Die Auskunftsperson jedenfalls greift nicht nur auf Sprachmodelle wie ChatGPT zurück, wenn es darum geht, schnell an Wissen zu gelangen, sondern vertraut auch weiter fortgeschrittenen KI-Modellen grundsätzliche Fragen zur Unternehmensentwicklung an. Harte Zahlen wie Budgetzahlen bleiben dabei allerdings außen vor: „Wir müssen uns davor in Acht nehmen, sensible Daten aus den Betriebsinterna an externe KI-Dienste weiterzugeben. Schließlich kann keiner mit Sicherheit sagen, wo diese Daten schlussendlich landen und wofür sie weiterverarbeitet werden“, so die Führungskraft.

Das ist nicht die einzige Sorge, die mit dem technologischen Fortschritt in leitenden Positionen einhergeht. Der Soziologe Thomas Zenkl beschäftigt sich an der Uni Graz mit dem Faktor Mensch in der digitalen Transformation und forscht zu den Auswirkungen des KI-Booms aus Sicht der Arbeitnehmer. Er sieht die Gefahr, dass Manager unhinterfragt maschinelle Entscheidungen übernehmen und implementieren könnten: „Zum einen erliegen sie dem Druck, auf den fahrenden Zug aufzuspringen und so wie andere auch die neu geschaffenen technischen Möglichkeiten in ihre Arbeit zu integrieren. Oft erwecken die datenbasierten Systeme den Eindruck, effizienter und neutraler zu Ergebnissen zu kommen, was Führungskräfte dazu verleiten könnte, sich zu sehr auf sie zu verlassen“, so der Forscher. Das führe zu der Gefahr, dass Führungspersonen ihre Kompetenz der Einordnung verlieren könnten. Immer öfter sei es der Fall, dass wirtschaftliche Entscheidungen mit generativen KI-Agenten besprochen würden – quasi als zweite Meinung konsultiert. Zenkl führt als Beispiel dafür Chatbots an, die erwiesenermaßen vor allem die eigenen Ansichten bestätigen und dem Nutzer zu schmeicheln versuchen: „Sie sind darauf gedrillt, wiederzugeben, was man selbst hören will, ohne dabei die begleitenden Umstände zu kennen. Es tut sich ein Spannungsfeld auf zwischen dem Bewahren der eigenen kritischen Fähigkeiten und dem blinden Vertrauen auf die Maschine.“
Sand ins Getriebe
Dieses Vertrauen kann vielerlei Formen annehmen: Angefangen von Routineaufgaben wie der Erstellung von Schichtplänen oder der Personalauswahl bis hin zu komplexen Vorgängen im Management, die von künstlicher Intelligenz oder Maschinellem Lernen übernommen werden. Gemeinsam ist allen Ausprägungen, dass sie auf ein breites Angebot an Datenmaterial angewiesen sind. „Die Bewertung von Arbeit tritt in den Vordergrund, Personalanalysen werden automatisiert auf Grundlage von Daten durchgeführt. Viele dieser Möglichkeiten sind schon in breit verfügbarer Software wie MS Teams eingebaut“, sagt Zenkl. Allerdings sind diese Möglichkeiten nur so gut wie die Daten, mit denen sie arbeiten. Hier öffnet sich eine Chance für die Mitarbeiter, Sand ins Getriebe zu streuen: Indem sie verfälschte Daten ins System füttern, führen sie ihre „Cyber-Bosse“, wie Zenkl die automatisierten Entscheidungssysteme nennt, in die Irre. „Wenn Mitarbeiter der Ansicht sind, dass ihre Arbeit nicht noch mehr optimiert werden müsse oder die Arbeitsbelastung zu hoch sei, dann versuchen sie, die Systeme zu beeinflussen. Es gibt viele kreative Wege, diese Entscheidungen zugunsten der Mitarbeiter zu drehen“, so der Soziologe.
Mehr Raum für Leadership
Bleibt zuletzt noch die Frage, ob sich Führungspersonen nicht selbst abschaffen, wenn sie ihre eigene Funktion zu sehr an die KI auslagern. Für Zenkl keine reale Gefahr, denn: „Wenn die koordinativen Abläufe vermehrt von der Maschine übernommen werden, spielt das mehr Freiraum für das tatsächliche Leadership frei. Es wird nicht zu einem Wegfall, sondern einer Umverteilung der Managementfunktionen kommen, die auch neue Kompetenzen erfordern werden – vor allem was die Interpretation und Einordnung von Daten betrifft.“
Trotz der sich häufenden Negativbeispiele an falschen Entscheidungen der KI ist Zenkl zuversichtlich, dass sie auch dazu beitragen kann, Fairness, Transparenz und Zufriedenheit zu schaffen – und das auf beiden Seiten des Arbeitsplatzes: „KI kann Möglichkeiten für die Arbeitnehmer bieten, besser gehört zu werden und so auf nachvollziehbare Managemententscheidungen einzuwirken. In welche Richtung es aber wirklich geht, wird erst die Zukunft zeigen und maßgeblich davon abhängen, wer die Entwicklung, die Implementierung und den Einsatz von KI mitgestalten kann, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden und wessen Interessen dabei berücksichtigt werden.“






