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Interview

Neurobiologe, Bestsellerautor und Speaker Marcus Täuber im Interview

Unterressort
Köpfe & Karrieren
Veröffentlicht
Lesezeit
4 min
Marcus Täuber © Feel Image Fotografie

Marcus Täuber © Feel Image Fotografie

Mentale Stärke in sich selbst finden: Wie man mit negativen Stimmungen umgeht und wie Herausforderungen in Chancen verwandelt werden können.

Business Monat: Wie empfinden Sie die aktuelle Stimmungslage in der Wirtschaft?
Marcus Täuber: Die Stimmung ist über weite Branchen von Ängsten und Unsicherheit geprägt. Das ist wenig verwunderlich, da es nach Covid und Inflation nun einen massiven Anstieg an Insolvenzen gibt. Und die Zeichen sind weiter auf Sturm: KI und Automatisierung werden unsere Arbeitswelt in den nächsten Jahren auf den Kopf stellen.

Wie kann man in Bezug auf die Wirtschaftslage als Arbeitnehmer:in und Arbeitgeber:in positiv bleiben?
Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Reaktionen: Ich kann spüren, dass da was im Busch ist, den Wandel nicht mögen und mich ausgeliefert fühlen. Die Folge ist Resigna-tion bzw. Aggression, also passiver oder aktiver Widerstand. Das mag verständlich sein, bringt aber nichts. Oder ich erkenne den Wandel, akzeptiere ihn und suche nach Lösungen. Die Wahrscheinlichkeit, mit dieser Methode erfolgreich zu sein, ist deutlich größer. Um aus dem Problemfokus rauszukommen, kann eine einfache Formel helfen: WIDEG. WIDEG ist das Akronym für die Frage „Wofür ist dies eine Gelegenheit?“. Wenn wir uns diese Frage stellen, lässt sie unser Gehirn nach konstruktiven Ideen suchen.

Wie entkommt man der Negativspirale an Nachrichten?
Indem ich mich nicht täglich den Nachrichten aussetze. Nachrichten ja – aber in dosierter Form. Wir müssen auch die Kunst der echten Entspannung erlernen. Denn wenn ich in meiner Pause in den sozialen Medien scrolle oder abends einen Krimi schaue, darf ich mich nicht wundern, wenn ich schlecht schlafe, zu viele negative Bilder im Kopf habe und der Stress an meinen Nerven zehrt. Für echte Entspannung, eine Erholung für das Gehirn, muss das Denken zur Ruhe kommen – und ich meinen Fokus über mehrere Minuten auf etwas Beruhigendes richten. Um möglichst viele Menschen dabei zu unterstützen, habe ich eine App entwickelt: den Brain Changer. In der Brain Changer App bringen ausgewählte Naturbilder, entspannende Affirmationen und spezielle Töne das Gehirn in rasche Regeneration. Meine Vision: Tägliche Psychohygiene soll so einfach und selbstverständlich sein wie Zähneputzen.

Was kann man als Unternehmer:in tun, um die eigenen Mitarbeiter:innen zu motivieren und positiv nach vorne zu schauen?
Motivation steckt in unserem Gehirn – wir alle sind neugierig, streben nach Wachstum und Erfolg. ABER: Was genau uns motiviert, ist individuell. Daher muss jede:r Mitarbeitende individuell angesprochen werden. Die Führungskraft muss dafür erkennen, welche Bedürfnisse im Gegenüber stecken. Das ist aber keine Zauberkunst, sondern harte Psychologie und Neurowissenschaft – und kann daher erlernt werden. Wer versteht, was Menschen bewegt, der versteht, wie man Menschen bewegt.

Wie definieren Sie mentale Stärke und welche Rolle spielt sie in Krisenzeiten, wie wir sie derzeit erleben?
In meinem Verständnis geht es bei mentaler Gesundheit und Stärke nicht da-rum, irgendeine Macke wegzukriegen. Sondern es geht um eine ganze Palette an Fähigkeiten: Wie kommuniziere ich mit mir selbst? Was sind meine Stärken, meine Schwächen? Welche Ziele habe ich? Wie entspanne ich am besten und was motiviert mich? Solche Dinge lassen sich in einem Coaching sehr schnell entwickeln. Ich bin ein großer Fan davon, selbst Verantwortung für die eigene Psyche und Persönlichkeit zu übernehmen, sich ständig weiterzuentwickeln, zu lernen und die Welt zu bereichern.

Neurobiologe, Bestsellerautor und Speaker Marcus Täuber im Interview
© Institut für mentale Erfolgsstrategien

Gibt es konkrete kleine tägliche Rituale oder Maßnahmen, um die mentale Stärke eines Teams zu fördern?
Es gibt hierzulande noch immer zahlreiche Unternehmen, die Techniken zur Steigerung mentaler Stärke für Hokuspokus halten. Manager:innen, die so denken, sind aber wie Dinosaurier zum Aussterben verurteilt. Internationale Top-Player:innen wie Google haben schon vor vielen Jahren keine Scheu vor mentalem Training gezeigt – mit beeindruckenden Ergebnissen. Die Brain Changer App ist eine Möglichkeit. Aber es gibt noch viel mehr: Was spricht dagegen, gemeinsam als Team regelmäßig eine Viertelstunde zu meditieren? Oder gemeinsam eine Affirmation für die Woche zu entwickeln? Oder die Mittagspause achtsam zu gestalten – und bewusst jeden Bissen zu genießen?

Welche Tipps haben Sie, um negative Gedanken zu stoppen und in schwierigen Situationen wieder einen klaren Kopf zu bekommen?
Grübeln ist ein natürlicher Prozess, der entsteht, wenn wir nichts tun und unser Gehirn im Leerlauf vor sich hinträumt. Hier ist es wichtig, die Fähigkeit zu besitzen, den Fokus zu steuern und auf die konstruktiven Gedanken zu lenken. Das können wir, braucht aber etwas Übung. Ein einfaches Tool gegen negative Stimmung ist das zyklische Seufzen, eine Atemtechnik, die sich in einer Vergleichsstudie an der Stanford University als besonders wirksam erwiesen hat. Dabei atmet man in zwei Zügen durch die Nase ein und dann langsam durch den Mund aus. Versprochen: Fünf Minuten am Tag über einen Monat verbessern deutlich die Gemütslage.

Wie kann langfristig Vertrauen zwischen Arbeitgeber:innen und Mitarbeitenden geschaffen werden?
Vertrauen ist ein Gefühl. Wer durch eine Strategie Vertrauen aufbauen möchte, ist am Holzweg. Vertrauen bekomme ich als Führungskraft, wenn ich authentisch Sympathie und Kompetenz verbinde. Das ist etwas, das sich ergibt, wenn ich meine eigene Persönlichkeit entwickle, Eigenschaften wie Mitgefühl kultiviere, spirituelle Aspekte in mir entdecke. Wer sein Team als Belegschaft oder humane Ressource betrachtet, braucht sich nicht wundern, wenn das Vertrauen fehlt. Wir alle wollen als Menschen gesehen und wie Menschen behandelt werden. Werden wir als Objekte oder Mittel zum Zweck betrachtet, macht uns das krank.

Wie kann eine Krise auch als Chance für persönliches oder unternehmerisches Wachstum genutzt werden?
Bei Krisen geht es darum, mental einen Schritt zurückzutreten und aus einer Distanzhaltung heraus das große Ganze zu betrachten. Dann erkennt man Chancen. Die Märkte sind gerade in einer globalisierten und digitalisierten Welt so groß wie noch nie. In Wahrheit gibt es für jedes Produkt, das eine echte Lösung für ein Problem bietet, einen Markt. Eine Krise ist wie eine Lupe auf den eigenen inneren Zustand, man erkennt die eigenen Schwächen und Entwicklungsfelder. Das mag auch schmerzen, doch das kann auch zum Wachstumsschmerz werden – und gerade darin liegen der große Nutzen und die gewaltige Chance, die Krisen uns bieten.

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