Gesundheit
Zwischen Hausbesuch und Hightech
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Karlheinz Kornhäusl © Land Steiermark/Jakob Grill
Wie bleibt Versorgung verlässlich, wenn Bedarf und Kosten steigen? Gesundheitslandesrat Karlheinz Kornhäusl über ehrliche Antworten und steirische Wege.
Zwischen Regierungssitzung, Gesundheitsforum und Sozialreferentenkonferenz: Karlheinz Kornhäusl ist an diesem Tag viele Kilometer unterwegs. Das passt zu einem Ressort, das selbst ständig in Bewegung ist. Demografie, Fachkräftemangel, steigende Kosten und wachsende Erwartungen sind dabei die Haupt-Herausforderungen. Im Gespräch erklärt der steirische Gesundheitslandesrat, der selbst 15 Jahre als Arzt tätig war, bevor er in die Politik wechselte, warum Wartezeiten zur Nagelprobe werden, weshalb Pflege näher zu den Menschen kommen muss und warum Zuversicht für ihn Teil moderner Gesundheitspolitik ist.
BUSINESS MONAT: Herr Landesrat, wenn man mit Ihnen über Gesundheit spricht, landet man sehr schnell bei einem zentralen Thema: Wartezeiten.
Karlheinz Kornhäusl: Eine aktuelle Umfrage des Austrian Health Forum zeigt, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung mit dem Gesundheitssystem unzufrieden ist. Wenn man genauer hinschaut, geht es vor allem um Wartezeiten bei niedergelassenen Fachärzten, um Hausärztemangel und um Fragen der Primärversorgung. Die Kolleginnen und Kollegen leisten Großartiges, aber hier haben wir massiven Aufholbedarf. Vor allem die Sozialversicherungen, die ja für den niedergelassenen Bereich verantwortlich zeichnen, müssen hier stärker ins Tun kommen.
Mir ist wichtig, dass die Steirerinnen und Steirer rascher zu einem Termin kommen und damit schneller behandelt werden können. Alles, was mit Wartezeiten zusammenhängt, ist daher eines der großen Themen in der Gesundheitspolitik. Ich kenne das auch aus meiner früheren Tätigkeit als Arzt.
Wie beurteilen Sie den Zustand unseres Gesundheitssystems?
Es muss betont werden: Wir haben in Österreich ein sehr gutes Gesundheitssystem. Da reicht der Blick ins benachbarte Ausland, um zu sehen, auf welch hohem Niveau wir uns bewegen – sowohl bei der Qualität als auch beim Zugang zur medizinischen Versorgung. In der Notfall- und Akutversorgung sind wir sehr stark. Aber bei planbaren Eingriffen und Untersuchungen haben wir Herausforderungen.
Wie kann die Politik hier konkret beschleunigen? Gerade in den Regionen ist die Sorge ja groß, dass Versorgung ausgedünnt wird.
Wir gehen in der Steiermark seit einiger Zeit einen sehr innovativen Weg. Und ich sage das mit einem gewissen Stolz. Dieser Weg wird mittlerweile auch in anderen Bundesländern sehr genau wahrgenommen. Ein Beispiel dafür sind die Gesundheitszentren. Wir haben mittlerweile 26 in der Steiermark und werden heuer noch die 30er-Marke überschreiten. Bis 2030 wollen wir deutlich weiter ausbauen, vor allem dort, wo es besonders schwierig ist, Hausärztinnen und Hausärzte in die Regionen zu bringen.
Was macht die steirische Lösung anders?
Wir haben uns Partner gesucht: Spitalsträger wie die Barmherzigen Brüder, die Elisabethinen, die Diakonissen oder die Marienschwestern in Vorau. Sie betreiben Gesundheitszentren – und das sehr erfolgreich. Das Land unterstützt dabei.
Auch bei der fachärztlichen Versorgung gehen wir neue Wege. In Deutschlandsberg gab es über Monate hinweg keinen Kassen-Kinderfacharzt im ganzen Bezirk. Man könnte sagen: Dafür ist die ÖGK zuständig, also lehnen wir uns zurück. Das ist aber nicht mein Zugang – und schon gar nicht mein ärztlicher Zugang. Deshalb bieten wir im LKH Deutschlandsberg in einem eigenen Bereich kassenärztliche Leistungen für Kinder an. Ähnlich machen wir es in Hartberg im Bereich Frauenheilkunde, wo es im ganzen Bezirk nur einen Kassengynäkologen gibt.
Ein zweites großes Thema ist die Pflege. Der Grundsatz lautet seit Jahren: mobil vor stationär.
Für mich ist die Reihenfolge klar: mobil vor teilstationär vor stationär. Das entspricht auch dem, was die Menschen wollen. Ich kenne niemanden, der nicht möglichst lange zu Hause, in den eigenen vier Wänden und im Familienverband älter werden möchte. Politik muss das so gut wie möglich unterstützen. Das bedeutet erstens: Ausbau der mobilen Dienste und der mobilen Pflege, die zu den Menschen nach Hause kommen. Zweitens: Ausbau der stundenweisen Alltagsbegleitung. Da geht es um Menschen, die für ein paar Stunden unterstützen, etwa beim Arztbesuch, beim Einkaufen oder im Alltag, wenn man sich allein unsicher fühlt. Drittens: Ausbau der Tagesbetreuungszentren.
Tageszentren liegen zwischen mobiler Betreuung und Pflegeheim. Warum ist dieses Angebot aus Ihrer Sicht so wichtig?
Diese Tageszentren sind großartige Einrichtungen. Sie sind für ältere Menschen gedacht, bei denen man sagt: Den ganzen Tag allein zu Hause ist vielleicht nicht mehr ideal, aber ein stationäres Pflegeheim ist noch nicht notwendig. Dort verbringen die Menschen gemeinsam Zeit, essen miteinander, lesen Zeitung, gehen in den Garten, basteln, spielen Karten oder gehen spazieren. Der soziale Faktor ist enorm wichtig.
Weil Einsamkeit selbst krank machen kann?
Genau. Alterseinsamkeit führt häufig zu Depression, geistigem Abbau und sozialem Rückzug. Tagesbetreuung kann hier sehr viel auffangen. Gleichzeitig entlastet sie Angehörige.
Das Thema Pflege beginnt eigentlich viel früher – bei Prävention, Gesundheitskompetenz und gesunden Lebensjahren. Ist Österreich hier noch zu kurativ geprägt?
Ja. Wir sind weltmeisterlich im Heilen und Behandeln, aber weniger weltmeisterlich darin, selbst etwas für unsere Gesundheit zu tun. Bei den gesunden Lebensjahren liegen wir im Vergleich zu ähnlich entwickelten Ländern eher hinten. Da haben wir Aufholbedarf.

Was bedeutet diese demografische Entwicklung für die Gesundheits- und Pflegeversorgung?
Die Demografie können wir nicht ausknipsen. Wir werden älter, aber nicht automatisch gesünder. Für die Steiermark zeigen die Daten sehr deutlich, wohin die Reise geht: Die Zahl der über 85-Jährigen wird von derzeit rund 44.000 bis 45.000 auf etwa 90.000 im Jahr 2050 steigen. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Erwerbsfähigen von ungefähr 750.000 auf rund 680.000. Das heißt: mehr ältere Menschen mit mehr medizinischem und pflegerischem Bedarf – und gleichzeitig weniger jüngere Menschen, die diese Leistungen erbringen und finanzieren können.
Müssen wir Gesundheit stärker als Eigenverantwortung begreifen?
Ja! Deshalb brauchen wir ein anderes Mindset. Wir müssen stärker in Prävention und Vorsorge kommen. Es geht nicht darum, dass jeder Spitzensport betreibt oder sich kasteit. Aber mehr Bewegung im Alltag, bewusste Ernährung, Verzicht auf Nikotin, Alkohol in Maßen – all das erhöht die Chance, gesund älter zu werden. Und es entlastet gleichzeitig das Gesundheitswesen.
In Pflege und Medizin fehlt es an Fachkräften. Was braucht es, damit diese Berufe attraktiver werden?
Es gibt nicht die eine Lösung. Ich bin immer skeptisch, wenn jemand ein Allheilmittel verspricht. Die Zukunft liegt in der Vielfalt der Maßnahmen. Wir müssen Arbeitsbedingungen verbessern, Ausbildungsmöglichkeiten ausbauen, Berufsbilder weiterentwickeln und gleichzeitig neue technische Möglichkeiten nutzen. Digitalisierung, Telemedizin und auch künstliche Intelligenz können helfen, Personal zu entlasten und Abläufe effizienter zu machen. Aber ich sage auch ganz klar: Sie können menschliche Nähe, Empathie und das gesprochene Wort nie ersetzen.
Wo sehen Sie konkrete Anwendungen für digitale Lösungen?
In der Steiermark gibt es bereits gute Beispiele. Tele-Dermatologie etwa, also digitale Unterstützung in der Hautmedizin. Oder HerzMobil, ein Projekt, mit dem Menschen mit chronischer Herzschwäche zu Hause digital begleitet werden. Solche Anwendungen können Wege ersparen, Sicherheit geben und die Versorgung verbessern. Auch in den Spitälern verändert sich vieles. Wir müssen stärker in den tagesklinischen und ambulanten Bereich gehen. Niemand soll länger im Spital liegen müssen, als medizinisch notwendig ist. Viele Eingriffe, die früher große Operationen und lange Aufenthalte bedeutet haben, sind heute minimalinvasiv oder tagesklinisch möglich.
Kommen wir zu einer heiklen Frage: Wie viel Spezialisierung verträgt die regionale Versorgung?
Man muss ehrlich sein: Es kann nicht jedes Spital alles anbieten. Das ist unmöglich. Wer das behauptet oder verspricht, streut den Menschen Sand in die Augen. Entscheidend ist, dass wir in den Regionen eine starke Akutversorgung haben und gleichzeitig spezialisierte Einrichtungen, die bestimmte Leistungen in hoher Qualität anbieten. Patientinnen und Patienten müssen dorthin kommen, wo ihnen bestmöglich geholfen werden kann. Das ist Medizin der Zukunft: gute regionale Grund- und Akutversorgung, kombiniert mit Spezialisierung dort, wo sie medizinisch sinnvoll ist.
Sie sprechen oft von Solidarität im Gesundheitssystem. Was heißt das konkret?
Ich werde mich bei jeder Gelegenheit zu einem solidarischen Gesundheitssystem bekennen. Aber wir müssen dieses System auch solidarisch nutzen. Derzeit ist es möglich, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr auch mit Beschwerden, die man seit zehn Jahren hat, eine Notaufnahme aufzusuchen. Das ist keine solidarische Nutzung. Notaufnahmen sind für akute Fälle da. Wenn wir wollen, dass das System für alle funktioniert, müssen wir es verantwortungsvoll verwenden.
Der Gesundheits- und Pflegesektor wird oft als Kostenfaktor diskutiert. Ist das zu kurz gedacht?
Ja, eindeutig. Gesundheit ist eine Frage des menschlichen Daseins, aber sie ist auch ein gewichtiger wirtschaftlicher Faktor. Die Steiermark hat hier enorme Stärken. Wir haben zahlreiche Start-ups im Bereich E-Health und Digitalisierung. Wir haben eine Medizinische Universität, die in den vergangenen Jahren enorm ausgebaut hat und international durch Forschungsleistungen sichtbar geworden ist. Und wir haben mit der KAGes einen der größten Arbeitgeber und Investoren des Landes.
Allein die KAGes beschäftigt fast 20.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie investiert heuer rund 200 Millionen Euro in bauliche Maßnahmen – und etwa 85 Prozent dieser Investitionen fließen in heimische, steirische Unternehmen. Das macht die Gesundheitsversorgung auch zu einem Standort- und Wirtschaftsthema.
Wenn Sie die Medizin der Zukunft in einem Bild beschreiben müssten, wie sieht sie aus?
Sie ist menschlich und technologisch zugleich. Sie nutzt digitale Möglichkeiten, Telemedizin und KI, aber sie ersetzt nicht die persönliche Zuwendung. Sie ist stärker ambulant und tagesklinisch organisiert. Sie ist spezialisierter, ohne die Regionen aufzugeben. Sie setzt früher an – bei Prävention, Gesundheitskompetenz und Eigenverantwortung. Und sie versteht Gesundheit nicht nur als Reparaturbetrieb, sondern als gemeinsame Aufgabe.






