Interview
„Wir müssen auf Spezialisierungen setzen“
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Sandra Vebnus © Johannes Puch
Seit Jänner 2026 ist Sandra Venus die neue Leiterin der Abteilung Finanzen & Controlling und Prokuristin bei der Forschungsgesellschaft Joanneum Research in Graz – und pendelt täglich mittels Koralmbahn aus Klagenfurt. Im Interview spricht die bekennende Optimistin über das Zusammenspiel von Forschung und Wirtschaft, das nicht zuletzt die wirtschaftliche Kraft der Steiermark mit ausmacht.
BUSINESS MONAT: Im Vorfeld zur Eröffnung des Koralmtunnels ist immer wieder von den Pendlern gesprochen worden, die dank der verkürzten Fahrzeit von knapp 40 Minuten zwischen den Landeshauptstädten Graz und Klagenfurt unterwegs sein werden. Frau Venus, Sie nutzen diese Möglichkeit quasi schon seit der ersten Stunde – und das in einer Führungsposition. Wie geht es Ihnen mit dem Pendler-Alltag zwischen Kärnten und der Steiermark?
Sandra Venus: Es funktioniert super. Ich fahre mit dem Express-Zug um 6.56 Uhr in Klagenfurt los und bin kurz nach halb acht in Graz. Bis dato hatte ich maximal ein paar Mal wenige Minuten Verspätung und nie das Problem, dass der Zug ausgefallen wäre. Mein Frühstück nehme ich mir in den Zug mit, um 8 Uhr sitze ich schon im Büro – wobei die Arbeit manchmal schon im Waggon losgeht: Man trifft immer wieder andere Pendler in Leitungsfunktionen und kommt ins Gespräch. Für das Netzwerken ist die Bahn äußerst hilfreich, unlängst war ich zum Beispiel mit dem Vorstand der Kärntner Sparkasse im Zug. Die Koralmbahn wird von der Wirtschaft schon sichtlich gut genutzt.
Stichwort Kärnten: Sie wohnen weiterhin in Klagenfurt, haben dort lange Jahre als Vorständin des Kärntner Wirtschaftsförderungsfonds KWF gearbeitet. Was hat Sie in die Steiermark gezogen?
Meine Bindung zu Graz hat eine Vorgeschichte, ich habe hier an der Universität BWL studiert und danach unter anderem in der Steuerberatung und in der Wirtschaftsförderung gearbeitet. Aus meiner vorherigen Tätigkeit beim KWF hatte ich Joanneum Research schon gut kennen lernen dürfen, unter anderem aus der Ansiedlung des Robotics-Standorts im Lakesidepark heraus. Es gab also schon einen starken Konnex. Als ich dann im Herbst von JR-Geschäftsführer Heinz Mayer gefragt wurde, ob ich die Finanzleitung übernehmen möchte, musste ich nicht lange überlegen: Thematisch ging es auch beim KWF darum, Forschung und Entwicklung in die Wirtschaft zu bringen, außerdem sind Finanzen und Controlling meine Herzensthemen, mit denen ich in der Betriebswirtschaftslehre groß geworden bin. Vor allem das, was hinter den Zahlen steckt, hat mich stets begeistert.
Was bringen Sie aus Ihrer KWF-Karriere aus Kärnten mit in den neuen Job als Finanzchefin bei JR?
Ich werde hier mein Netzwerk und mein Wissen über die Förderungslandschaften in der EU, aber auch in Österreich gut einbringen können. Meine bisherige Tätigkeit hat mich auch gelehrt, Forschung nicht als reinen Selbstzweck zu sehen, sondern weiterzudenken mit der wirtschaftlichen Perspektive im Fokus und immer wieder aufs Neue zu hinterfragen, wie Forschungsergebnisse für die wirtschaftliche Weiterentwicklung genutzt werden können.
Mit einer Forschungs- und Entwicklungsquote von 5,31 Prozent hat die Steiermark alle anderen Bundesländer weit hinter sich gelassen und profitiert stark vom universitären Umfeld,
aber auch von Forschungsinstitutionen wie Joanneum Research. Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit die heimische Wirtschaft auch wirklich von diesen Forschungsleistungen profitieren kann?
Es braucht natürlich auch die entsprechenden Budgetmittel von Bundes- und Landesseite, die gezielt eingesetzt werden müssen. Hier spielt die Strukturpolitik eine große Rolle: Sie muss Schwerpunkte in den Regionen setzen und große Schlüsselpartner sowohl auf der wissenschaftlichen als auch auf der wirtschaftlichen Ebene definieren. Es geht weniger darum, in die Breite zu fördern, sondern vielmehr auf intelligente Spezialisierungen zu setzen. Gleichzeitig braucht es für die Unternehmen Erleichterungen, was die regulatorischen Belastungen anbelangt. Aus meiner Zeit in der Wirtschaftsförderung habe ich immer wieder die Klagen der Unternehmer gehört, wie frustrierend der hohe Aufwand beim Abholen der Mittel sein kann.

Frust hat das Wirtschaftsgeschehen der letzten Zeit generell geprägt, nun scheinen sich erste Anzeichen zu ergeben, dass das konjunkturelle Tal der Tränen langsam durchschritten sein könnte. Wie lautet Ihre Einschätzung zur wirtschaftlichen Entwicklung?
Ich bin von Grund auf Optimistin und glaube, dass ein leichter Aufschwung erkennbar ist. Dass es aber ein langsames Aufholen ist, zeigt sich an den steigenden Arbeitslosenzahlen. Gleichzeitig wird es für Unternehmen immer schwieriger, gute Leute zu behalten. Vieles wird davon abhängen, wie gut sie es schaffen, für junge Menschen attraktiv zu werden: Denn so, wie ich das erlebe, legen die jungen Mitarbeiter größeren Wert auf sinnstiftende Tätigkeiten, mehr noch, als das früher vielleicht der Fall war. Ich bemerke, dass es der nächsten Generation ein Anliegen ist, der Gesellschaft auch etwas zurückzugeben – da bieten wir bei Joanneum Research glücklicherweise einen passenden Mehrwert, weil wir uns hier auch mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzen.
Wie könnte es gelingen, den leichten Aufschwung zu nutzen und in eine breitere wirtschaftliche Erholung zu überführen?
Angesichts der großen globalen Herausforderungen und der Veränderungen, die immer rascher auf uns zukommen, ist es für die einzelnen Unternehmen nicht ganz einfach zu erkennen, in welche Richtung sich ihre jeweiligen Märkte entwickeln. Um dieses Tal der Tränen durchzutauchen, braucht es auch die Bereitschaft, in Forschung und Entwicklung zu investieren, und genau hier sehe ich noch eine gewisse Zurückhaltung, die schneller überwunden werden müsste. Denn immer wieder zeigt sich, dass Investitionen in Forschung und Entwicklung auch zur Resilienz eines Unternehmens beitragen und Wettbewerbsvorteile schaffen. Deshalb ist es wichtig, an den Themen dranzubleiben, die in Zukunft wesentlich sein werden, wie Sensorik oder künstliche Intelligenz.
Diese Themen werden auch von Joanneum Research stark forciert, sieben verschiedene Institute beschäftigen sich mit angewandten Forschungslösungen. Wie kommen diese in der Wirtschaft an?
Viele unserer Projekte kommen tatsächlich von der Wirtschaft zu uns, in Form von Auftragsforschung, bei der Unternehmen mit konkreten Problemstellungen auf uns zukommen. Wir bieten Lösungen für Organisationen, Wirtschaft und Industrie in den Bereichen Gesundheit und Pflege, Mobilität, Politik und Gesellschaft, Produktion und Fertigung, Sicherheit und Verteidigung, Umwelt und Nachhaltigkeit sowie Weltraum. Aus vielen dieser Forschungsprojekte ergeben sich dann Ausgründungen von neuen Unternehmen, Patente oder Lizenzen, die der Wirtschaft von großem Nutzen sind. Wirtschaftsnahe Forschung, die in die Praxis überführt werden kann, ist das große Asset von Joanneum Research.
Die Forschungskompetenzen erstrecken sich dabei von Digitalen Technologien über Materialforschung bis hin zur Präzisionsmedizin und Klimaforschung. Wie müssen diese Bereiche ausgerichtet sein, um auch künftig für die wirtschaftliche Entwicklung der Steiermark relevant zu bleiben?
Wir denken sogar über die Grenzen des Bundeslandes hinaus und stellen Fragen aus einer europäischen Perspektive: Wie können unsere Forschungsprogramme dahingehend ausgerichtet werden, dass Europa unabhängiger werden und gleichzeitig global agieren kann? Was braucht Europa, um im Wettstreit der großen Machtblöcke zu bestehen? Es geht aus meiner Sicht um eine Balance aus lokaler und globaler Perspektive, und hier hat besonders die Forschung großes Potenzial, belastbare Antworten zu finden – wenn sie ausreichend finanziert ist. Daher sehe ich auch in meiner Position die wichtige Aufgabe, die entsprechenden Fördermittel für zukunftsgerichtete Forschungsprojekte abzuholen, von den EU-Töpfen aus dem Horizon-Programm bis hin zu den nationalen Förderschienen wie FFG und FWF.
Was haben Sie sich sonst noch vorgenommen für Ihr erstes Jahr als Finanzvorständin bei Joanneum Research?
Aktuell sind wir mitten in der Phase des Jahresabschlusses, was bei einer Forschungsgesellschaft besonders spannend ist, und da Joanneum Research auch einige Beteiligungen hält, ist auch ein Konzernabschluss erforderlich. Neben der Liquiditätsplanung und der Budgetplanung werde ich in meiner Rolle auch ein Stück weit an der strategischen Ausrichtung des Unternehmens beteiligt sein. Es wird eine zentrale Herausforderung sein, als Forschungseinrichtung die Mittel aus Förderungen und Gesellschafterzuschüssen so einzusetzen, dass sie als Basis für eine gute Auftragsforschung dienen können.
Nach einem Monat in der neuen Position sind Sie zwar noch in der Eingewöhnungsphase, aber können Sie dennoch schon Unterschiede ausmachen, die Ihnen im Vergleich zur Arbeit in Kärnten in der Steiermark aufgefallen sind?
Gerade dank der Koralmbahn erlebe ich, wie diese Grenzen zwischen den Bundesländern zusehends verschwimmen. Deshalb nehme ich auch keine großen Unterschiede wahr, denn die Region wächst zusammen, erweitert sich und denkt auch zunehmend über die Grenzen hinweg. Dieses Momentum gilt es nun zu nutzen.






