Visionen
„Bei uns riecht’s maximal nach Hefe“
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Die aufstrebende Biotech-Industrie prägt unser Leben immer stärker. Die Technologie dahinter beflügelt Branchen wie Pharmaindustrie oder Kunststoffproduzenten – und schont dabei die Umwelt. Das Gleisdorfer Unternehmen Bisy mischt in allen Feldern mit.
Fotos: Bisy, NH Pictures
Als Vierjähriger hat Anton Glieder im Wald Sprösslinge ausgezupft, sie zu Hause wieder eingepflanzt und mit Preisschildern versehen. „Ich wollte eine Baumschule eröffnen, so wie mein Onkel eine hatte. Es ist dann doch etwas anderes geworden.“ Nämlich Chemiestudium mit Schwerpunkt Biochemie in Wien, Forschungslaufbahn an der TU Graz und schließlich Gründung des eigenen Biotechnik-Unternehmens, Bisy. Seiner ursprünglichen Motivation ist Glieder aber treu geblieben: mit der Natur zu arbeiten.
Mit Bisy macht er das auf der molekularen Ebene. Die Firma mit Hauptsitz in Gleisdorf und Labor-Dependance in Graz ist auf die Herstellung spezieller Eiweißstoffe fokussiert, die in der Industrie für unterschiedlichste Zwecke genutzt werden. Die ersten großen Aufträge, die Bisy nach der Loslösung von der TU erhielt, erteilte die Pharmabranche. Maßgeschneiderte Eiweißstoffe werden aber auch von der Nahrungsmittelindustrie, Kunststoffherstellern oder der Biomedizin stark nachgefragt. „Wir verstehen uns als molekulare Werkzeugmacher, die der Industrie Eiweißstoffe mit den gewünschten Eigenschaften zur Verfügung stellen. Das Werkzeug, mit dem wir arbeiten, heißt Pichia pastoris“, Glieder. Damit meint er einen bestimmten Hefepilz, den sich die Biotechnologen als programmierbare Eiweißfabrik zurechtgezüchtet haben. Mittels Elektroschocks oder Salzbehandlungen sind sie in der Lage, gezielt Informationen in den Hefepilz einzubringen – molekulare Baupläne, anhand der die Hefe das gewünschte Eiweiß produziert.
„Während die Evolution Millionen Jahre dazu brauchte, um Verbesserungen auf molekularer Ebene voranzubringen, ist uns das in wenigen Monaten gelungen.“
Anton Glieder
Bisy-Gründer
Nobelpreiswürdig
Die technologische Leistung dahinter ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschungsarbeit. Glieder nahm 2001 die Chance wahr, ein Auslandsjahr an der Kalifornischen Universität Caltech zu verbringen. Aus dem Labor, in das er damals schnuppern konnte, ging die 2018 mit dem Chemie-Nobelpreis gekrönte Forschungsarbeit zur „Evolution in Enzymen“ hervor. Glieder steuerte einen Teil der Nobelpreis-Arbeit bei, die in den Medien als die Entdeckung der „Grünen Chemie“ gefeiert wurde: „Wir haben versucht, die Natur im Reagenzglas nachzuahmen. Während die Evolution Millionen Jahre dazu brauchte, um Verbesserungen auf molekularer Ebene voranzubringen, ist uns das in wenigen Monaten gelungen.“ Als diese Entwicklung mit dem Nobelpreis gewürdigt wurde, war Glieder schon längst wieder in Graz, in den USA konnte es ihn nicht halten – die Region, die Work-Life-Ba-lance, die Familie, all das sprach für den Verbleib in der Heimat.
Im Standort Steiermark sieht Glieder eine Art Silicon Valley, aber mit umgekehrten Voraussetzungen: „Hier bei uns haben wir dank der vielen ausgezeichneten Ausbildungsmöglichkeiten ein großes Potenzial an Spitzenpersonal, aber keine entsprechenden Arbeitsplätze. Viele unserer Topleute werden gleich nach dem Studium nach Wien, München oder noch weiter in die Welt hinaus abgesaugt.“ Auch das war für Glieder eine Motivation, sich im Grazer Umfeld unternehmerisch zu betätigen – er weiß von vielen gut ausgebildeten Personen, die hier studiert haben und gerne in der Region bleiben würden, aber keinen Job finden. Hier ein Start-up zu gründen, sei wie die Aussaat auf einem Vulkanhügel: „Ungeheuer fruchtbar.“ Der Hobby-Gärtner muss es wissen.

Apfelsaft im Ausguss
Bislang hat seine Aussaat seit der Unternehmensgründung 2014 zu 20 Beschäftigten geführt. 2019 war die Auftragslage schon dermaßen gefestigt, dass sich Glieder für den Auszug aus den zu klein gewordenen Laboren der TU entschloss. Wohnhaft in der Umgebung von Gleisdorf, suchte er nach einem geeigneten Standort für Bisy und wurde bei einem Grundstück nahe des Gleisdorfer Bahnhofes fündig. Ihm war die öffentliche Anbindung der Zentrale wichtig – damit könne man auch internationale Forschende ködern, die in den Großstädten ganz andere Arbeitswege in Kauf nehmen müssten. Drei Millionen Euro investierte Glieder in den Neubau, den er bewusst auf Nachhaltigkeit ausgerichtet hat: Mit einer Photovoltaikanlage am Dach und einer Tiefenwärmeversorgung im Untergrund ist das Gebäude bilanziell energieautark. „Wir verbrauchen nicht mehr Energie, als wir erzeugen, und können damit sogar noch drei Elektroautos laden“, sagt Glieder. Auch die Labore im Inneren der Firmenzentrale sind keineswegs die Verschmutzer, die man sich landläufig unter chemischer Industrie vorstellen würde. Die Hefepilze wachsen mithilfe von Zuckern und Salzen, was dabei an Abfallstoffen zusammenkommt, entspricht zwei Litern Apfelsaft, die man in den Ausguss kippt. „In jedem Friseursalon werden chemisch gesehen gefährlichere Dinge entsorgt als bei uns. Wir produzieren pro Jahr nicht mehr als 100 Milliliter Sonderabfall. Bei uns riecht’s maximal nach Hefe“, so Glieder.
Enormes Potenzial
Bei Bisy riecht es aber auch nach Erfolg. Das Austria Wirtschaftsservice nominierte das Unternehmen für den Gründerpreis 2019, der Bau des Standorts wurde vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert. Der wirkliche Schub kam aber mit der frühen Lizenzierung von Patenten, die Glieder mit Eigenmitteln der TU Graz abgekauft hatte. Sie bringen ihm stabile Einnahmen für die nächsten 15 Jahre und einen Schutz des Know-hows, das bei Bisy entsteht. Und darauf ist die Industrie äußerst erpicht: Aufgrund steigender Umweltschutzauflagen geraten viele Branchen unter Druck, nachhaltiger zu produzieren. Biotechnologie kann ihnen dabei helfen, umweltschädliche Substanzen durch Eiweißstoffe zu ersetzen, die effizienter in der Herstellung sind und dieselbe Leistung bringen. „Unsere Technologien ermöglichen die Einsparung von CO2 in Produktionsprozessen, aber auch die Entwicklung neuer Medikamente. Zwar steht die Biopharmazeutik noch ganz am Beginn, aber schon jetzt zeigt sich enormes Potenzial etwa in der Krebsbehandlung“, sagt Glieder. Auch die rasche Entdeckung eines Corona-Impfstoffes bringt er mit der Vorleistung der Biotechnologie und ihren Forschungen zu Viren-Vektoren in Verbindung.
Ein bisschen wie Magna
Weitere Anwendungsfelder von Biotechnologie sind Diagnostik, Früherkennung von Krankheiten, biomedizinische Ersatzmaterialien für Transplantationen, von gedruckten Zähnen bis hin zu künstlicher Haut für Verbrennungswunden. Die Anwendungen für die Eiweiße des winzigen Hefepilzes sind -enorm vielfältig – und Bisy will in allen Feldern mitspielen. „Unser Vorteil ist, dass wir nicht auf ein spezielles Produkt fixiert sind, sondern unsere Lösungen je nach Anforderung anbieten können. Wir sind da ein bisschen wie die Magna – wir produzieren Top-Technologie für alle“, sagt Glieder. In Zukunft könnte er sich aber auch vorstellen, eigene Produkte unter der Marke „Bisy“ auf den Markt zu bringen. Ideen dafür hätte er schon.
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Gegründet 2014, beschäftigt das steirische Unternehmen Bisy mittlerweile 20 Mitarbeiter. Im Hauptsitz in Gleisdorf sowie in der Labor-Dependance in Graz fokussiert sich das Team rund um Gründer Anton Glieder auf die Herstellung spezieller Eiweißstoffe, die unter anderem in der Pharmabranche, in der Nahrungsmittelindustrie, bei Kunststoffherstellern oder in der Biomedizin Anwendung finden.

