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Im Schatten der Krisen

Unterressort
Klimaschutz
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4 min
Im Schatten der Krisen

Inflation, Kriege, Spritpreise: Während multiple Krisen die Aufmerksamkeit dominieren, rutscht die Klimakrise nach hinten. Nachhaltigkeitsforscher Dr. Thomas Brudermann erklärt, warum genau das brandgefährlich ist – und weshalb die aktuellen Krisen eng mit der ökologischen Transformation verknüpft sind.

Die öffentliche Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut – und sie folgt selten der Logik der Dringlichkeit. Während sich politische und mediale Debatten an akuten Verwerfungen abarbeiten, verliert ein Thema an Sichtbarkeit, das langfristig alles andere überlagert. Für Nachhaltigkeitsforscher Dr. Thomas Brudermann ist genau das das Kernproblem unserer Zeit: nicht mangelndes Wissen, sondern ein kollektives Ausweichen vor den Konsequenzen.

Im Gespräch analysiert er, warum wir die Klimakrise zwar verstehen – aber nicht wirklich zulassen – und weshalb gerade in Zeiten globaler Unsicherheit die falschen Prioritäten gesetzt werden.

BUSINESS MONAT: Wir erleben derzeit eine Häufung globaler Krisen – Krieg, Inflation, Versorgungsunsicherheit. Welche Rolle spielt die Klimakrise in diesem Gefüge?

Thomas Brudermann: Sie gerät zunehmend in den Hintergrund – und genau das ist das Problem. Diese multiplen Krisen überlagern die Klimakrise, obwohl sie in vielerlei Hinsicht mit ihr verknüpft sind oder durch sie verstärkt werden. Was mich besonders beunruhigt: Während wir auf die kurzfristigen Verwerfungen reagieren, verlieren wir die langfristige Perspektive.

Wo stehen wir aktuell beim Klimaschutz?

Ehrlich gesagt: Vielerorts machen wir Rückschritte. Maßnahmen werden aufgeweicht, verschleppt oder gar nicht erst umgesetzt. In Österreich fehlt nach wie vor ein wirksames Klimagesetz, in Deutschland wird über das Aus von neuen Verbrennern diskutiert, und international sehen wir politische Entwicklungen, die klimapolitisch klar rückwärtsgerichtet sind. Das ist die politische Ebene. Und parallel dazu beobachten wir auch gesellschaftlich eine Verschiebung.

Inwiefern?

Die Sorge um den Klimawandel ist deutlich gesunken. Internationale Umfragen zeigen: Nur noch ein Bruchteil der Menschen zählt das Thema zu ihren größten Sorgen. Das heißt aber nicht, dass das Problem kleiner geworden ist – im Gegenteil. Es wird nur überlagert.

Von anderen Krisen?

Genau. Inflation, Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit – all das ist unmittelbarer spürbar. Diese Themen betreffen den Alltag direkt. Der Klimawandel hingegen ist für viele abstrakter, zumindest solange man nicht selbst von Ex-tremereignissen betroffen ist. Aber das ist eine gefährliche Wahrnehmung. Denn diese Krise verschwindet nicht wieder. Wirtschaftskrisen kommen und gehen. Auch geopolitische Konflikte sind – so zynisch das klingt – oft zeitlich begrenzt. Der Klimawandel nicht.

Sie sprechen von einer „existenziellen Krise“. Was bedeutet das konkret?

Wir unterschätzen die Dimension massiv. Oft wird der Klimawandel als „ein bisschen wärmer“ wahrgenommen. Tatsächlich stehen wir vor Kipppunkten, die irreversible Veränderungen auslösen können. Für Österreich heißt das: steigende Temperaturen, zunehmende Trockenheit, das Verschwinden von Gletschern und Schneedecken. Das hat direkte Folgen für Landwirtschaft, Wasserhaushalt und ganze Ökosysteme.

Und global?

Global wird es noch dramatischer. In großen Weltregionen droht eine Kombination aus Hitze und Luftfeuchtigkeit, die menschliches Leben im Freien praktisch unmöglich macht. Regionen in Indien, Südamerika oder Afrika könnten unbewohnbar werden. Wir sprechen hier von etwa einer Milliarde Menschen, die betroffen wären.

Thomas Brudermann
Nachhaltigkeitsforscher Dr. Thomas Brudermann © Martin Hörmandinger

Das hätte enorme geopolitische Konsequenzen.

Absolut. Wenn diese Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren, werden sie migrieren. Und wir haben bereits gesehen, wie überfordert Europa mit vergleichsweise kleinen Fluchtbewegungen war. Was dann passiert, stellt nicht nur unsere politischen Systeme, sondern auch unsere gesellschaftlichen Strukturen infrage.

Warum gelingt es uns dennoch nicht, die Dramatik wirklich zu begreifen?

Weil es ein schmerzhafter Prozess wäre. Wenn man die Konsequenzen des Klimawandels wirklich an sich heranlässt, verändert das die eigene Lebenswahrnehmung fundamental. Viele Menschen vermeiden das – bewusst oder unbewusst. Es gibt psychologische Schutzmechanismen. Man versteht das Problem rational, aber man lässt es emotional nicht vollständig zu.

Heißt das, die klassische Kommunikation über Katastrophenszenarien greift zu kurz?

In vielen Fällen ja. Reine Negativszenarien führen oft eher zu Verdrängung. Wir brauchen einen anderen Zugang – einen, der auch die positiven Aspekte der Transformation betont. Nicht nur den gesellschaftlichen Nutzen, sondern auch den persönlichen: Lebensqualität, Gesundheit, Unabhängigkeit. Das sind oft stärkere Hebel.

Apropos Hebel: Wo sehen Sie die größten Chancen – bei Individuen, Unternehmen oder der Politik?

Alle Ebenen sind wichtig. Unternehmen haben oft den größten Hebel. Einzelne können viel beitragen, aber Betriebe können ganze Systeme verändern – etwa durch Energieumstellung, Infrastruktur oder Investitionen. Und politisch braucht es klare Rahmenbedingungen. Viele Unternehmen wären bereit, mehr zu tun, aber sie brauchen Planungssicherheit.

Die fehlt aktuell?

Häufig ja. Gleichzeitig sehen wir, dass wirtschaftliche Interessenvertretungen Klimaschutz teils noch als Gegensatz zur Wirtschaft darstellen. Das ist ein Denkfehler. Andere Länder haben längst erkannt, dass Dekarbonisierung ein Wettbewerbsvorteil sein kann – auch geopolitisch. Wer auf erneuerbare Energien setzt, macht sich unabhängiger von Importen und Krisen.

Könnten aktuelle Entwicklungen – etwa steigende Spritpreise – diesen Wandel beschleunigen?

Sie könnten ein Gelegenheitsfenster sein. Hohe Spritpreise etwa führen dazu, dass Menschen ihr Mobilitätsverhalten hinterfragen. Aber die politische Reaktion ist oft kurzfristig: Wie senken wir die Preise wieder? Statt zu fragen: Wie nutzen wir diese Situation, um den Umstieg zu beschleunigen?

Also wird eine Chance verpasst?

Im Moment sieht es danach aus. Dabei wäre genau jetzt der Zeitpunkt, strukturelle Veränderungen anzustoßen.

Wie schaffen Sie es persönlich, bei all dem optimistisch zu bleiben?

Ich versuche, eine langfristige Perspektive einzunehmen. Unsere Gesellschaft ist extrem kurzfristig orientiert – ob im Konsum oder in der Wirtschaft. Wenn man sich stattdessen fragt: Welche Welt wollen wir hinterlassen? Dann verschieben sich die Prioritäten automatisch.

Und im eigenen Alltag – wie leben Sie Nachhaltigkeit?

Ich bin viel mit dem Fahrrad und öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und lebe seit einigen Jahren vegetarisch. Das fühlt sich aber nicht wie Verzicht an. Interessanterweise habe ich dadurch sogar eine höhere Lebensqualität.

Wenn Sie einen Wunsch an Politik und Gesellschaft formulieren könnten – wie würde er lauten?

Dass wir beginnen, langfristig zu denken. Und dass wir erkennen: Diese Transformation ist keine Last, sondern eine Chance. Für mehr Unabhängigkeit, mehr Stabilität – und letztlich auch für mehr Wohlstand.

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