Green Tech: Die Kraft grüner Technologie
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Bernhard Puttinger, Geschäftsführer des Green Tech Valley Clusters © Foto Fischer
Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten wächst ausgerechnet jene Branche, die lange als reines Zukunftsversprechen galt: Green Tech. Warum Energie- und Umwelttechnologien jetzt zum entscheidenden Standortfaktor werden, erklärt Bernhard Puttinger, Geschäftsführer des Green Tech Valley Clusters.
Die Konjunktur bleibt anspruchsvoll, geopolitische Spannungen dämpfen die Planungssicherheit, internationale Märkte sind härter umkämpft denn je. Und doch wächst die Green-Tech-Branche heute immer stärker in die Rolle eines realen Wirtschaftsmotors hinein. Denn Green Tech ist längst kein Randthema mehr, sondern ein industrielles Zukunftsfeld mit beachtlicher wirtschaftlicher Schlagkraft. Laut Green Tech Valley erwirtschafteten Österreichs Green-Tech-Unternehmen 2023 einen Umsatz von 21,4 Milliarden Euro; zwischen 2019 und 2023 wuchs die Branche jährlich um 9,5 Prozent.
Zugleich unterstreicht die Bundesregierung mit der neuen Industriestrategie, dass Energie- und Umwelttechnologien für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Innovationskraft zentral sind. Bis 2029 sind dafür rund 2,6 Milliarden Euro an Fördermitteln vorgesehen. Gleichzeitig zählt die aktuelle Erhebung 228 Green-Tech-Start-ups in Österreich – ein Plus von sechs Prozent. Auf europäischer Ebene wurde mit dem „Clean Industrial Deal“ zudem der Versuch gestartet, Dekarbonisierung und Industriepolitik enger zusammenzuführen. Warum Österreichs Energie- und Umwelttechnologien gerade jetzt strategisch an Bedeutung gewinnen, weshalb die Steiermark dabei eine Schlüsselrolle spielt und wo Europas Industriepolitik nachschärfen muss, erklärt Bernhard Puttinger, Geschäftsführer des Green Tech Valley Cluster.
BUSINESS MONAT: Herr Puttinger, die wirtschaftliche Lage bleibt fordernd. Wie ist die Stimmung in der Green-Tech-Branche?
Bernhard Puttinger:Man spürt durchaus Optimismus. Natürlich hat sich das Umfeld nicht plötzlich vereinfacht. Kunden entscheiden vorsichtiger, Projekte dauern länger, geopolitische Unsicherheiten bleiben. Aber viele Unternehmen haben gelernt, mit diesem neuen Normal umzugehen. Dazu kommt: In etlichen Nischen läuft es sehr gut. Insgesamt sehe ich deshalb eine belastbare, durchaus positive Grundstimmung.
Also wächst die Branche trotz Gegenwind?
Ja, und das ist der entscheidende Punkt. Die Beschäftigung ist gestiegen, ebenso die Investitionen in Forschung und Entwicklung. Auch die Zahl der F&E-Beschäftigten nimmt zu.
Das zeigt: Die Unternehmen glauben an dieses Feld. Green Tech ist eines jener Themen, bei denen sich vieles in unsere Richtung bewegt. Man investiert nicht in Forschung, wenn man nicht an künftige Märkte glaubt.
Woran lässt sich diese Dynamik konkret festmachen?
Etwa daran, dass Siemens Energy in der Steiermark zuletzt ein neues Headquarter eröffnet hat. Oder daran, dass Andritz zusätzliche Arbeitsplätze angekündigt hat. Strukturwandel findet natürlich statt. Aber gerade diese Branche kann regional sehr klar zeigen, dass sie Jobs schafft und industrielle Perspektiven aufbaut.
Wo liegen aktuell die größten Herausforderungen?
Ganz klar bei den internationalen Märkten. Wir sprechen über eine Branche mit rund 80 Prozent Exportanteil. Da ist entscheidend, wohin exportiert werden kann – und unter welchen Bedingungen. Die Bedingungen in den USA sind schwieriger geworden, in China ebenso. Indien ist hochinteressant, aber ebenfalls anspruchsvoll. Gleichzeitig eröffnen neue Handelsabkommen Chancen, vor allem für spezialisierte Produkte und Systemlösungen.
Womit kann Österreich im internationalen Wettbewerb punkten?
Mit Systemlösungen. Dort sind wir stark, dort entstehen Marge und technologische Führungspositionen. Bei Commodities werden wir nicht immer vorne sein, aber bei den komplexen Lösungen für die „Gipfeletappen“ der Transformation – also dort, wo Klimaneutralität, Kreislaufwirtschaft und industrielle Praxis zusammenkommen – haben österreichische Unternehmen enorme Kompetenz. Genau dort müssen wir weiter zulegen.
Was bremst uns dabei noch?
Vor allem das Tempo. Europa und Österreich müssen Innovationen schneller in den Markt bringen. Es geht um Testumgebungen, um Reallabore, um schnellere Genehmigungen, um mehr Praxisnähe in der Umsetzung. Wir haben hervorragende Ideen und starke Technologien. Aber die Innovationszyklen müssen deutlich kürzer werden.
Die europäische Antwort darauf heißt zunehmend „Clean Industrial Deal“. Was bedeutet das in der Praxis?
Dass aus dem ökologischen Anspruch stärker ein wirtschaftliches Geschäftsmodell werden soll. Europa versucht, Dekarbonisierung und indus-trielle Wettbewerbsfähigkeit enger zu verknüpfen. Der Fokus liegt stärker auf Wertschöpfung, Resilienz und strategischen Technologien. Für Unternehmen ist das wichtig, weil mehr Klarheit entsteht – und damit auch wieder mehr Planbarkeit. Der „Clean Industrial Deal“ wurde von der EU-Kommission im Februar 2025 vorgestellt und soll saubere Technologien sowie energieintensive Industrien gezielt stärken.
„Die Stärke der Region liegt in ihrer Kultur der Kooperation.“
Bernhard PuttingerGeschäftsführer Green Tech Valley ClusterAuch Österreich hat mit der Industriestrategie 2035 nachgelegt. Ist das ein echter Fortschritt?
Ja, das ist ein wichtiges Grundsatzpapier. Entscheidend ist, dass Energie- und Umwelttechnologien darin als Schlüsseltechnologien verankert wurden. Das ist nicht nur ein politisches Signal, sondern schafft auch eine Basis für gezielte Forschungs- und Investitionsprogramme. Jetzt wird es darauf ankommen, wie konsequent und wie schnell diese Strategie umgesetzt wird. Die Richtung stimmt.
Wo sehen Sie noch besonderen Handlungsbedarf?
Bei allem, was Innovationen beschleunigt: Forschungsförderung, Testfelder, Sandboxes, Genehmigungsprozesse, Fachkräfte. Und wir müssen Förderungen klüger einsetzen. Wenn Mittel knapper werden, müssen sie umso gezielter dort wirken, wo daraus Wachstum, Export und technologische Führung entstehen.
Das Green Tech Valley gilt seit Jahren als Vorzeigeregion. Was macht diesen Standort so stark?
Vor allem die Kultur der Kooperation. Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Leitbetriebe, Start-ups – sie alle arbeiten hier ungewöhnlich eng zusammen. Das ist nicht selbstverständlich. Diese Bereitschaft, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten und unterschiedliche Interessen konstruktiv zusammenzubringen, ist ein echter Standortvorteil. Dadurch entstehen Projekte, die ein einzelnes Unternehmen so oft gar nicht stemmen könnte.
Wie übersetzt sich das in konkrete Ergebnisse?
Indem wir jedes Jahr zahlreiche Innovationsprojekte initiieren und die richtigen Partner aus Industrie und Forschung zusammenbringen. Es geht darum, Marktchancen früh zu erkennen und daraus gemeinsame Entwicklungsprojekte zu machen. Genau daraus entstehen später neue Produkte, neue Wertschöpfung und neue Beschäftigung.
Sie sprechen oft von Selbstbewusstsein. Fehlt uns das manchmal?
Manchmal. Dabei ist es unbegründet. Österreich ist im allgemeinen Innovationsranking stark, bei Ökoinnovationen aber noch einmal besonders gut. Wir sind dort sehr effizient: vergleichsweise wenig Input, aber viel Output. Das heißt, wir schaffen es in diesem Feld besonders gut, Innovationen tatsächlich in wirtschaftlichen Erfolg zu übersetzen. Genau darauf sollten wir selbstbewusster aufbauen. Laut EU-Innovationsdaten liegt Österreich im allgemeinen Innovationsranking auf Rang acht; im Eco-Innovation-Bereich zählt das Land zu den Spitzenreitern.
Wie wichtig sind Start-ups in diesem Gefüge?
Enorm wichtig. Sie bringen Geschwindigkeit, neue Denkweisen und Spezialisierung hinein. Die aktuelle Erhebung zeigt 228 Green-Tech-Start-ups in Österreich, 29 davon sind neu dazugekommen. Auffällig ist, dass die Steiermark bei den Neugründungen vor Wien liegt und insbesondere der Raum Leoben stark zugelegt hat. Das ist ein sehr erfreuliches Signal.
Worauf kommt es für diese jungen Unternehmen besonders an?
Auf die Anbindung an die Industrie. Finanzierung bleibt wichtig, aber viele Start-ups sagen inzwischen sehr klar: Sie brauchen Pilotkunden, Kooperationspartner, industrielle Testmöglichkeiten. Genau dort entscheidet sich, ob aus einer guten Idee ein skalierbares Geschäftsmodell wird.
Welche Rolle spielt Wasserstoff in diesem Gesamtbild?
In der Industrie eine besonders große Rolle. Dort wird Wasserstoff ein zentraler Energieträger. In Teilen der Mobilität wird er ebenfalls eine Rolle spielen, im Schwerverkehr und perspektivisch auch im Luftverkehr über entsprechende Folgeprodukte. Aber der größte Hebel liegt in der Industrie. Entscheidend wird sein, dass wir die Rahmenbedingungen so setzen, dass grüner Wasserstoff wirtschaftlich eingesetzt werden kann.
Und welche Themen werden in den nächsten Monaten besonders wichtig?
Ein großes Thema ist die Kreislaufwirtschaft. Da erwarten wir auf europäischer Ebene neue Impulse, insbesondere beim Übergang von Abfall zu Rohstoff. Genau dort liegen enorme wirtschaftliche Chancen.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten – welcher wäre das?
Eine funktionierende Weltgemeinschaft, die Kurs hält. Denn am Ende geht es nicht nur um einzelne Förderprogramme oder Märkte. Es geht darum, ob wir als Wirtschaftsraum und als Gesellschaft den Mut haben, die großen Transformationsziele auch wirklich weiterzuverfolgen.






