"Wir sind am weitesten vorne"
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Holding-Graz-Vorständin Alexandra Loidl © Marija Kanizaj
Klimaschutz und Nachhaltigkeit stehen ganz oben auf der Agenda von Alexandra Loidl. Die neue Vorständin der Holding Graz setzt dabei auf moderne Technologien – die nicht nur die Umwelt schonen, sondern auch die Ohren der lärmgeplagten Grazer Stadtbevölkerung.
BUSINESS MONAT: Frau Dr. Loidl, als neue Vorstandsdirektorin für Infrastruktur & Energie verantworten Sie bei der Holding Graz wichtige Zukunftsthemen. Welche Richtung möchten Sie einschlagen, und wie viel davon wird politisch vorgegeben?
Alexandra Loidl: Im Moment ist der Bereich Klimaschutz für die politische Motivation ganz klar maßgeblich. Auch die Unternehmensstrategie bei uns im Konzern hat den Klimaschutz als eines unserer Schwerpunktthemen in den Mittelpunkt gerückt. Alle unsere Aufgaben und sämtliche Services im Konzern Holding Graz laufen auf Beiträge zur Energiewende und Klimaschutz in Graz hinaus. Schon im Jahr 2022 hat Graz als erste Stadt Österreichs einen detaillierten Maßnahmenkatalog erstellt, um die Stadtverwaltung und städtische Unternehmen bis 2030 klimaneutral zu machen. Der Gemeinderatsbeschluss war damals einstimmig.
Ein wichtiger Teil dieser Klima-strategie ist die Elektrifizierung des Fuhrparks der Holding Graz. Bürgerinnen und Bürger merken das ganz konkret anhand der elektrischen Müllfahrzeuge, die schon seit einigen Jahren unterwegs sind. Wie lautet da das Zwischenfazit?
Mittlerweile läuft die Müllsammlung mit den Elektro-Lkw schon sehr gut. Wir waren 2022 Vorreiter in dem Bereich und mussten erst einmal eine Grundlage schaffen. Der erste Prototyp war noch ein konventioneller Lkw, der auf einen elektrischen Antrieb umgebaut werden musste. Da hat es im Zusammenspiel der unterschiedlichen Teile des Fahrzeugs, also dem Fahrgestell, dem Aufbau und der Schüttung, Probleme gegeben. Nachdem es dann wirklich nicht zum Fahren gebracht werden konnte, musste es eingetauscht werden. Wir haben dann einen von Grund auf als elektrisches Fahrzeug konzipierten Lkw erhalten, der gleich bestens funktioniert hat.
Welche Vorteile ergeben sich bei elektrischen Müllfahrzeugen in der Praxis?
Zunächst erfolgt der Betrieb nicht mehr mit fossilen Brennstoffen, sondern mit Strom, den wir teilweise aus eigenen PV-Anlagen beziehen und der eine Kostenersparnis mit sich bringt. Zudem sind die Fahrzeuge sehr leise, was im innerstädtischen Gebiet eine große Bereicherung für die Bevölkerung bedeutet, weil die Lärmbelastung deutlich geringer ausfällt. Die Elektrofahrzeuge sind außerdem in der Instandhaltung und Reparatur wesentlich weniger anfällig. Bei den Diesel-Lkw gehen wir von einer Standardnutzungsdauer von sieben Jahren aus. So lange sind ihre Elektro-Zwillinge noch nicht in der Nutzung, aber unsere Prognose geht davon aus, dass die länger genutzt werden können. Es sind viele Kleinigkeiten, die zusammenspielen: Ölwechsel fallen weg, die Wartung bei den Motoren ist einfacher, die Instandhaltung unaufwendiger.

Bei der Bevölkerung kommt die leise Müllabfuhr gut an, aber wie ist es mit den Mitarbeitern der Holding, die tagtäglich damit zu tun haben?
Anfangs gab es Skepsis, vor allem auch deshalb, weil das allererste Fahrzeug mit seinen diversen Kinderkrankheiten keinen guten Start hatte. Die Fahrer haben auch etwas mit dem Elektro-Lkw gefremdelt, weil sie sich mit ihren alten Fahrzeugen identifizieren und auch Vorlieben haben für gewisse Modelle. Deshalb wurde die Elektromobilität zunächst recht verhalten aufgenommen. Aber inzwischen hat sich herumgesprochen, dass der Fahrkomfort in den Elektrofahrzeugen sehr viel höher ist, weil Lärm und Vibrationen wegfallen. Berührungsängste gibt es keine mehr, im Gegenteil, die neuen Fahrzeuge sind heiß begehrt.
Wie viele Elektrofahrzeuge sind für die Müllsammlung bei der Holding Graz aktuell im Einsatz – und sind weitere Ankäufe geplant?
Zurzeit haben wir sechs Elektro-Sammelfahrzeuge im Betrieb. Bis zum Jahr 2028 möchten wir die Flotte auf acht E-Lkw erweitern und so eine Elektrifizierung der Müllabfuhr von 50 Prozent erreichen. Die höheren Anschaffungskosten – im Moment sind sie gut noch doppelt so teuer wie herkömmliche Fahrzeuge – können durch Förderungen und gemeinsamen Einkauf abgefedert werden. Wir haben ein Konsortium mit anderen Kommunalbetrieben angestoßen, an dem sich unter anderem auch Innsbruck, Linz, Leoben und Judenburg an einer gemeinsamen Ausschreibung für Elektrosammelfahrzeuge beteiligen. Das geeinte Auftreten macht nicht nur die Verhandlungen mit den Herstellern leichter, sondern bringt auch Vorteile bei Fördergebern.
Wie wichtig sind Förderungen für das Vorantreiben der Elektromobilität im kommunalen Bereich?
Für uns war das Förderprogramm „ENIN – Emissionsfreie Nutzfahrzeuge und Infrastruktur“ der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG der Anlass dafür, uns mit der Elektromobilität auseinanderzusetzen. Es geht dabei nicht nur um unseren eigenen Fuhrpark, sondern auch darum, bei Aufträgen für die Sammlung von Altpapier oder Bioabfällen die Elektromobilität zu forcieren. Da sind Unternehmen aus der privaten Entsorgungswirtschaft gefordert. Da kommt ein gewisser Druck vom kommunalen Straßenfahrzeugbeschaffungsgesetz, aber es braucht auch Anreize durch Förderungen. Das wirkt sich auch schon positiv aus, andere Kommunen ziehen nach. Aber nach unserer Pionierarbeit kann ich sagen, Graz ist hier am weitesten vorne.
Ein großes Pionierprojekt unter Ihrer Ägide ist auch das Energiewerk Graz, das ab 2029 in Betrieb gehen soll. Wie ist der aktuelle Stand bei diesem Großprojekt?
Wir befinden uns gerade mitten in der Umweltverträglichkeitsprüfung und blicken einem positiven Abschluss zuversichtlich entgegen. Andere Projekte in dieser Größenordnung sind oft von lautstarken Anrainerprotesten begleitet, das ist beim Energiewerk zum Glück nicht der Fall. Hier profitieren wir enorm vom etablierten Standort beim Sturzplatz, der schon eine lange Geschichte als Ort für Recycling hat und mitten im Industrie-gebiet liegt.
Was erhoffen Sie sich nach dem erfolgreichen Projektabschluss?
Mehr Versorgungssicherheit für das Grazer Fernwärmenetz. Aktuell sind wir immer noch stark von Erdgasimporten abhängig, ab 2029 können die nicht wiederverwendbaren Reststoffe, welche nach dem Recycling vor Ort übrig bleiben, energetisch genutzt werden. Wir arbeiten an einer nachhaltigen Energieversorgung, die im Endausbau 23.000 Wohnungen mit ökologischer Fernwärme beliefern wird. Zusätzlich gewinnen wir 50 GWh Strom und realisieren eine jährliche CO2-Einsparung von 15.000 Tonnen.






