Sonnenstrom trifft Brainpower
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Hochhaus Aigner-Rollett-Allee am Rosenhain, Graz © Maruša Puhek
Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften boomen in Österreich – nicht zuletzt dank der Immobranche, die zögerlich die Vorteile der gemeinschaftlichen Stromerzeugung entdeckt.
In der Theorie klingt das Konzept einfach wie genial: Produzenten von Sonnenstrom versorgen ihr unmittelbares Umfeld, können ihren Überschuss weitergeben und profitieren von einem höheren Einspeisepreis. Konsumenten wiederum können Strom direkt aus der Nachbarschaft zu einem günstigen Preis beziehen und ersparen sich überdies die Netzkosten. Dass hinter der Erneuerbaren-Energie-Gemeinschaft (EEG) in der Praxis aber eine ausgeklügelte Abrechnungslogistik steckt und besonders bei mehreren Teilnehmern einiges an Denkarbeit erfordert, hat neue Businessmodelle seit der Einführung 2021 ermöglicht. Seither sind zahlreiche neue Dienstleister entstanden, die sich Organisation, Datenaufbereitung und IT-Plattformen für EEG widmen. Unter den ersten war das Grazer Unternehmen So-Strom.
Angefangen hat es damit, dass der Softwareentwickler Sebastian Lassacher und der Steuerberater Heribert Strasser 2021 ihre eigene Energiegemeinschaft gründeten. Daraus ging ein Jahr später die So-Strom GmbH hervor, die heute über 100 EEG-Projekte für Gemeinden, Unternehmen und Privathaushalte verwaltet. Zuletzt kooperiert man auch immer stärker mit der Immo-branche: „Die Bauträger investieren verstärkt in PV-Anlagen und Stromspeicher bei ihren Projekten – nicht nur auf Gebäuden, sondern vermehrt auch auf Freiflächen. Um den dabei gewonnenen Strom möglichst effizient zu nutzen, sucht die Branche nach Partnern, die in diesem Bereich Erfahrung bieten“, sagt Strasser. Gemeinsam mit dem Immobilienentwickler Andreas Körbisch (K2B Holding GmbH) arbeitet er gerade an fünf Projekten in der Weststeiermark und in Graz, bei denen es darum geht, Sonnenstrom möglichst effizient für die Hausbewohner nutzbar zu machen.
Probleme mit Daten
Die Herausforderungen dabei sind beachtlich: Zum einen braucht es nämlich die Kooperation der Netzbetreiber, die für die Datenerfassung beim Stromverbrauch zuständig sind. Nur mit vollständigen Verbrauchszahlen aus den Smart Metern, die mittlerweile flächendeckend installiert wurden, kann eine präzise Gegenüberstellung von erzeugtem Strom und verbrauchtem Strom gelingen. „Was uns leider immer noch Probleme bereitet, ist die Qualität der Daten, die uns von den Netzbetreibern übermittelt werden. Oft sind sie unvollständig, statt der gesetzlich vorgesehenen zwei Wochen warten wir oft einige Monate. Und das verunsichert die Teilnehmer der EEG“, schildert Strasser die Misere. Körbisch wiederum moniert, dass innerhalb der Immobilienwirtschaft noch nicht ausreichend verstanden werde, welche großen Vorteile die gemeinschaftliche Nutzung von Sonnenstrom mit sich bringe: „Es herrscht nach wie vor die Haltung vor, möglichst viel, möglichst schnell und möglichst hoch zu bauen. Die Branche sieht nur den Return on Invest und hat dabei nicht die Interessen der Bewohner im Blick. Daher wird noch viel zu wenig in solche Projekte investiert, obwohl sie für beide Seiten gewinnbringend sind.“

Körbisch will nun mit gutem Beispiel vorangehen: Ein buchstäbliches Leuchtturmprojekt ist das ehemalige Altenwohnheim der Stadt Graz in der Aigner-Rollett-Allee am Fuße des Rosenhains, das er mit einer 120 Kilowattpeak starken Photovoltaikanlage übernommen hat. Nach der umfassenden Innensanierung stellte sich die Frage, was mit dem Strom passieren soll, der am Dach des Hochhauses produziert wird – vor allem angesichts der niedrigen Einspeisepreise, die das Agieren am Markt wenig attraktiv machen. Gemeinsam mit So-Strom wird daher eine Gemeinschaftliche Erzeugungsanlage umgesetzt, eine Sonderform der EEG, bei der das öffentliche Stromnetz nicht genutzt wird und der erzeugte Strom innerhalb des Gebäudes verbraucht wird. Abgesehen von der logistischen Abwicklung des komplizierten Verrechnungsprozesses unterstützt Strasser Körbisch auch bei der alles andere als einfachen Preisfindung: „Als Besitzer der PV-Anlage habe ich natürlich ein Interesse, einen Preis für meinen Strom zu bekommen, der höher ist, als er vom Markt abgegolten würde. Gleichzeitig muss es sich aber auch für die Bewohner lohnen. Die Kunst in der Preisfindung liegt darin, die Vorteile der eigenen Stromerzeugung auf Produzenten und Konsumenten gerecht aufzuteilen“, sagt Körbisch.
Geld für die Region
In der Regel läuft das auf einen Mittelweg zwischen Bezugspreis und Einspeisevergütung hinaus. Wichtig ist dabei zu wissen, dass abgesehen vom reinen Strompreis auch die Netzgebühren reduziert sind – um bis zu 60 Prozent innerhalb von EEG – und komplett wegfallen in Gemeinschaftlichen Erzeugungsanlagen, wo der Strom direkt im eigenen Gebäude verbraucht wird und keinen Umweg über das öffentliche Stromnetz nehmen muss. „Die zusätzlichen Vorteile der Autonomie und dass das Geld in der Region bleibt, ziehen hingegen weniger“, erzählt Strasser aus seinen Erfahrungen bei der Überzeugungsarbeit für EEG. Dabei gehe es um viel Geld: Allein drei EEG, die von So-Strom verwaltet werden, sparen in der Region eine Million Euro an Stromkosten ein, die andernfalls an große Konzerne gehen würden.
Ein weiteres Argument für die Form der Stromerzeugung, das Strasser immer wieder ins Treffen führt, ist der Umbruch der E-Wirtschaft: „Der Strombedarf wird sich in den nächsten Jahren verdoppeln, die Stromerzeugung muss daher regionaler werden, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Mit einer regionalen Energieunabhängigkeit sichern wir den Wohlstand auch in Krisenzeiten.“






