Wirtschaftsfaktor Klimaschutz
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Der renommierte Klimaökonom Karl Steininger im Gespräch über die wirtschaftlichen Folgen der Erderwärmung, die Rolle von CO2-Bepreisung und warum schnelles Handeln jetzt entscheidend ist.
Der Klimawandel ist keine abstrakte Zukunftsgefahr mehr – seine Folgen sind längst in unserem Alltag spürbar. Doch wie steht es um die aktuellen Klimaschutzmaßnahmen? Welche Auswirkungen hat die Erderwärmung auf Wirtschaft und Gesellschaft? Und welche Rolle spielen CO2-Bepreisung, neue Technologien und politische Maßnahmen in der Bekämpfung der Klimakrise?
Der renommierte Grazer Klimaökonom Karl Steininger gibt in diesem Interview Einblick in den Status quo des Klimaschutzes, beleuchtet die wirtschaftlichen Risiken und Chancen und zeigt auf, welche Schritte notwendig sind, um eine nachhaltige Zukunft zu sichern.
BUSINESS MONAT: Blick auf den Status quo, wo stehen wir in puncto Klimawandel?
Karl Steininger: Der Klimawandel ist längst keine ferne Bedrohung mehr – wir erleben seine Folgen in Echtzeit. Die letzten Jahre waren geprägt von Rekordtemperaturen, Extremwetterereignissen und massiven Schäden. In Europa sind die Auswirkungen besonders im Mittelmeerraum spürbar: Hitzewellen, Dürren und Waldbrände nehmen an Intensität und Häufigkeit zu. Aber auch in Österreich sind die Klimafolgen immer deutlicher zu spüren. Die Schäden belaufen sich bereits jetzt auf über zwei Milliarden Euro pro Jahr – mit einer prognostizierten Verdoppelung bis 2035 und zumindest Verfünf-fachung bis 2050. Der Klimawandel ist keine abstrakte Zukunftsgefahr mehr, sondern eine akute Krise, die schnelles und entschlossenes Handeln erfordert.
Kommt der Klimaschutz da noch nach?
In puncto Klimaschutz stehen wir sowohl national als auch international an einem entscheidenden Punkt. In Österreich konnten die Treib-hausgasemissionen in den letzten Jahren erstmals spürbar gesenkt werden. Besonders im Bereich Gebäudeheizungen gab es große Fortschritte, ebenso in der Industrie und im Energiesektor. Auf EU-Ebene sind die Emissionen seit 1990 bereits um ein Drittel gesunken, und das Ziel bleibt ambitioniert: Bis 2030 soll eine Reduktion um 55 % erreicht werden, bis 2040 sogar um 90 %. Global hingegen steigen die Emissionen weiterhin leicht an, wenn auch mit einer gewissen Verlangsamung des Anstiegs.
Inwiefern beeinflusst der Klimawandel die Wirtschaft? Gibt es Branchen, die besonders betroffen sind?
Der Klimawandel hat bereits erhebliche Auswirkungen auf die Wirtschaft – sowohl national als auch global. Besonders betroffen sind Branchen, die direkt von Wetter- und Klimabedingungen abhängig sind. So steht beispielsweise der Wintertourismus durch steigende Temperaturen und schmelzende Gletscher unter Druck. Die Landwirtschaft kämpft mit zunehmenden Dürren, Extremregen und Spätfrösten. In der Forstwirtschaft fördern höhere Temperaturen und längere Trockenperioden Schädlingsbefall und erhöhen die Waldbrandgefahr. Hochwasserschäden wirken sich regional auf alle Wirtschaftssektoren sowie auf Privathaushalte aus. Kurz gesagt: Der Klimawandel verändert wirtschaftliche Rahmenbedingungen tiefgreifend – manche Branchen stehen vor enormen Herausforderungen, während sich für andere neue Chancen ergeben.
Wie hoch sind die wirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel?
Die wirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel sind bereits heute enorm. Ein Blick auf die letzten beiden Jahre zeigt, wie stark verschiedene Bereiche betroffen sind. 2023: Ein außergewöhnlich warmer März führte zu einer um 14 Tage verfrühten Vegetationsperiode. Doch Anfang April verursachten kalte Nächte mit bis zu –8 °C massive Frostschäden in disponierten Lagen des Burgenlands, Niederösterreichs und vor allem der Steiermark. Besonders betroffen war das Steinobst – Marillen, Zwetschken und Kirschen –, was in einigen Regionen zu Totalausfällen führte. Allein in der Steiermark belief sich der Schaden im Obstbau auf 23 Millionen Euro. Zusätzlich richteten Unwetter erhebliche Schäden in der Landwirtschaft an. In der Steiermark, Kärnten und Oberösterreich summierten sich diese auf mindestens 30 Millionen Euro. 2024 bezifferte die Hagelversicherung die Schäden durch klima-bedingte Extremereignisse – darunter Frost, Dürre, Hagel, Sturm und Überschwemmungen – allein in der österreichischen Landwirtschaft auf 260 Millionen Euro.
Welche Rolle spielen CO2-Steuern und Co in der Bekämpfung des Klimawandels?
CO2-Bepreisung – sei es durch Steuern oder den Handel mit Emissionszertifikaten – ist eines der zentralen Instrumente zur Bekämpfung des Klimawandels. In der EU hat dieses System maßgeblich dazu beigetragen, die Emissionen bereits um ein Drittel zu senken. Besonders wirkungsvoll ist das EU-Emissionshandelssystem (ETS): Hier wird eine feste Obergrenze für die erlaubten Emissionen festgelegt, und Unternehmen müssen für ihre Emissionen Zertifikate erwerben. Ein bedeutender nächster Schritt kommt ab 2027, wenn auch für die Bereiche Raumwärme und Verkehr ein Emissionshandelssystem eingeführt wird. Das bedeutet, dass auch für Heizen und und Autofahren in der ganzen EU CO2-Kosten fällig werden, was einen zusätzlichen Anreiz zur Reduktion von Emissionen schafft.
„Es geht darum, aktiv zu gestalten, wie wir in Zukunft leben wollen.“
Welche Rolle spielt die Klimapolitik dabei?
Klimapolitik im Inland spielt dabei eine Schlüsselrolle. Sie schafft den Rahmen, um nachhaltige Technologien zu entwickeln, in neue Produktionsweisen zu investieren und Österreich als Vorreiter für klimaneutrale Industrien zu positionieren. Nur durch diesen Wandel bleibt unser Wirtschaftsstandort zukunftsfähig – in einer Welt, in der Nachhaltigkeit zunehmend zum zentralen Wirtschaftsfaktor wird.
Investitionen in den Klimaschutz – inwiefern können sie die Wirtschaft ankurbeln?
In Zeiten von Rezession oder schwachem Wachstum führen diese Investitionen zu zusätzlicher Produktion, was zu mehr Einkommen, mehr Nachfrage und damit zu weiterer Produktion führt – und zwar insgesamt um ein Mehrfaches der ursprünglichen Investition. Die erhöhte Inlandsnachfrage ist ein bedeutender Hebel für Wertschöpfung. Zweitens führt die Verringerung der fossilen Energienachfrage dazu, dass weniger fossile Brennstoffe importiert werden. 2022 lagen diese Importe in Österreich bei rund 19,5 Milliarden Euro. Wenn wir stattdessen in heimische, erneuerbare Energieträger investieren, bleibt diese Wertschöpfung im Inland und stärkt die heimische Wirtschaft. Drittens sind erneuerbare Energieträger kapitalintensiver als fossile Energien. Das bedeutet, dass mehr Kapital in den Aufbau von Infrastruktur fließt, was zu einem höheren Kapitalstock führt. Viertens profitieren wir von der technologischen Innovation im Bereich erneuerbarer Energien. Technologien wie Nanotechnologien in der Photovoltaik entwickeln sich schnell, was zu höherer Effizienz und damit zu noch mehr Wertschöpfung führt.
Wie sehen Sie die Entwicklung Österreichs in puncto Klima- und Umweltschutz im Vergleich zu anderen europäischen Staaten?
Österreich war in den 1970er- und 80er-Jahren ein Vorreiter im Klima- und Umweltschutz. Seit dem EU-Beitritt 1994 kamen jedoch die wesentlichen Impulse vor allem aus der EU. In den letzten fünf Jahren gab es jedoch wieder bedeutende politische Impulse aus Österreich: das Erneuerbaren-Ausbaugesetz, das Klimaticket, der erste CO2-Preis im Inland mit sozialem Ausgleich, die Erneuerbaren-Wärmepakete, die Klimapionierstädte und viele weitere Initiativen wie die Wasserstoffstrategie und die Kreislaufwirtschaftsstrategie. Diese Maßnahmen haben in Kombination mit den steigenden fossilen Energiepreisen (besonders durch den Ukrainekrieg) dazu beigetragen, dass Österreich seine Emissionen um rund 14 % gesenkt hat. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern hat Österreich in den letzten Jahren wichtige Fortschritte gemacht, doch es bleibt noch viel zu tun, um weiterhin eine Vorreiterrolle einzunehmen.
Wie wichtig ist die Rolle von Unternehmen in der Klimakrise – reicht Freiwilligkeit oder braucht es strikte gesetzliche Vorgaben?
Die Rolle von Unternehmen in der Klimakrise ist enorm, da rund zwei Drittel der Treibhausgasemissionen in der Produktion von Produkten und Dienstleistungen entstehen. Die Gestaltung dieser Prozesse ist entscheidend, auch für die Innovationen hin zur Klimaneutralität. Freiwilligkeit allein kann uns zwar ein gutes Stück voranbringen, besonders wenn mehr Unternehmen als Klimapioniere agieren. Aber letztlich brauchen auch die Pioniere klare Rahmenbedingungen, um sicherzustellen, dass klimaneutrale Produktion langfristig wirtschaftlich rentabel ist und sich als Geschäftsmodell durchsetzt. Ohne gesetzliche Vorgaben könnten Unternehmen dazu verleitet werden, auf Kosten der Gesellschaft zu produzieren, indem sie die Kosten der Klimafolgen auf die Allgemeinheit abwälzen.
Welche Technologien könnten aus Ihrer Sicht am meisten dazu beitragen, die Erderwärmung zu bremsen?
Ein zentraler Faktor ist der Ausbau der erneuerbaren Energien, besonders die Photovoltaik. Sie ist in den letzten Jahren dramatisch günstiger geworden. Besonders interessant ist auch die Agrivoltaik, bei der Photovoltaik-Panels auf landwirtschaftlichen Flächen installiert werden und wechselseitige Vorteile bieten, wie etwa Hagelschutz für Pflanzen. Eine große Chance liegt darin, Technologien miteinander zu kombinieren und intelligente Lösungen zu schaffen, die den gesamten Ressourcenverbrauch und die Emissionen nachhaltig senken.
Wenn wir die Klimakrise nicht in den Griff bekommen – wie sieht die Welt in 50 Jahren aus?
Wenn wir die Klimakrise nicht in den Griff bekommen, könnten wir in 50 Jahren eine globale Durchschnittserwärmung von 4 bis 6 Grad erleben. Bereits jetzt haben wir eine Erwärmung von etwas über 1 Grad global und über 2 Grad in Österreich. In bestimmten Regionen, wie etwa in Graz und der Oststeiermark, haben wir in den letzten 40 Jahren sogar schon einen Anstieg von mehr als 3 Grad im Sommer gesehen. Das hat bereits Auswirkungen, wie zum Beispiel stärkere Starkniederschläge. Mit jedem Grad Erwärmung nimmt die Intensität dieser Ereignisse um 10 % zu. Ein weiteres Beispiel sind Hitzeereignisse: Was früher einmal in 50 Jahren vorkam, passiert heute bei einer globalen Erwärmung von 1 Grad bereits fünfmal so häufig – und ist dabei mehr als 1 Grad wärmer. Allerdings gehe ich generell lieber auf die positiven Aspekte des Klimaschutzes ein. Es geht nämlich nicht nur darum, uns mit den negativen Folgen des Klimawandels auseinanderzusetzen, sondern darum, aktiv zu gestalten, wie wir in Zukunft leben wollen.
Bitte nennen Sie uns Beispiele.
Der Klimaschutz bietet uns die Chance, viele andere Heraus-forderungen zu lösen: Wir können unsere Städte lebenswerter machen, die Fußgängerfreundlichkeit verbessern, den Verkehr reduzieren und Haushaltsbudgets durch geringere Energie- und Verkehrskosten entlasten. Gleichzeitig können wir Lebensräume für kommende Generationen erhalten und Anpassungsmaßnahmen treffen, die den Klimawandel nicht weiter verschärfen.
Gibt es ein Szenario, in dem wir den Klimawandel noch aufhalten können? Was müsste dafür geschehen?
Ein Szenario, in dem wir den Klimawandel noch aufhalten können, ist weiterhin möglich, aber es wird zunehmend anspruchsvoller. Das Ziel des Pariser Klimaübereinkommens, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist noch erreichbar, allerdings nur, wenn wir sofort und massiv in Klimaschutz investieren. Um dies zu schaffen, müssen wir die Treibhausgasemissionen bis in die frühen 2050er-Jahre auf netto null senken. Das bedeutet, dass alles, was wir dann noch emittieren – maximal 5-10 % der heutigen Emissionen – durch Kohlenstoffbindung und -einlagerung ausgeglichen werden muss.
Welche konkreten Schritte kann jeder Einzelne unternehmen, um den eigenen CO2-Fußabdruck zu reduzieren?
Das ist eine Frage der EHRE. Das steht für Essen: Wie nachhaltig und stärker in Richtung pflanzenbasiert gewichtet ist unser Essen? Heizen: Womit wird unsere Wohnung geheizt? Reisen: Wie bewegen wir uns fort? Alltagsverkehr und vor allem Fliegen sind der größte CO2-Rucksack. Einkaufen: Wie langlebige Güter kaufen wir ein?
Was gibt Ihnen persönlich Hoffnung für die Zukunft unseres Planeten?
Einerseits die menschliche Natur: Meine Wahrnehmung ist, dass die meisten Menschen im Inneren eine naturverträgliche Lebensweise anstreben. Sie finden mehr Erfüllung in nachhaltigen und langfristig orientierten Lösungen als in kurzfristigen, problematischen Alternativen. Und zweitens die Entwicklung der erneuerbaren Energien und die vielen Fortschritte auf diesem Gebiet.






