Interview
Wirtschaft vor Ideologien
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Josef Herk © Martin Schönbauer
Arbeitskräfte, Energiekosten, Bürokratie – wo 2025 der größte Handlungsbedarf besteht. Wirtschaftskammer-Steiermark-Präsident Josef Herk im Interview.
BUSINESS MONAT: Herr Herk, wenn Sie das Jahr 2025 wirtschaftlich in drei Worten zusammenfassen müssten, welche wären das?
Josef Herk: Große Herausforderung, notwendige Veränderung und Begeisterung. Oder besser gesagt: Begeisterung im Sinne von „Brennen für das Land“. Denn genau das brauchen wir, um die Herausforderungen dieses Jahres zu meistern.
Die Wirtschaftsprognosen sind eher verhalten. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Ja, die Prognosen sind gedämpft, aber es gibt auch Anlass zur Hoffnung. Die Notwendigkeit von Reformen ist so groß, dass wir 2025 eine Trendwende einleiten müssen. Wir haben uns in den letzten Jahren in vielen Bereichen aus dem Markt gepreist – hohe Energiekosten, hohe Lohnstückkosten und eine überbordende Bürokratie belasten die Unternehmen enorm. Aber genau das ist auch der Druck, den es braucht, damit sich etwas ändert.
Welche Reformen sind aus Ihrer Sicht dringend notwendig?
Ein ganz zentraler Punkt sind die Energiekosten. Gerade in der Steiermark haben wir sehr hohe Netzkosten, was für viele Unternehmen ein entscheidender Standortnachteil ist. Auch der Arbeitsmarkt braucht Reformen. Die hohen Lohnsteigerungen der letzten Jahre sind schwer am Markt durchsetzbar. Dazu kommt, dass die Zahl der Erwerbstätigen steigt, aber die effektive Stundenleistung sinkt. Die Teilzeitquote ist ein großes Thema. Wir müssen die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Vollzeitarbeit attraktiver wird, beispielsweise durch steuerfreie Überstunden und bessere Anreize für Menschen, länger im Erwerbsleben zu bleiben.
Kürzlich machten Sie mit einer Protestaktion in der Grazer Innenstadt auf wirtschaftliche Missstände aufmerksam. Warum war das notwendig?
Wenn Unternehmen in Toplagen zusperren und Frequenzanalysen eine Million Besucher weniger ausweisen, dann schrillen die Alarmglocken. Unternehmer und Unternehmerinnen schließen nicht zum Spaß. Die Verkehrspolitik der Stadt hat massive Pro-bleme geschaffen. Parkplätze wurden gestrichen, ohne ein funktionierendes Park-and-Ride-System zu bieten. Ich persönlich bin ein großer Fan von Radfahren und öffentlichem Verkehr – aber man muss es den Menschen ermöglichen, dies sinnvoll zu nutzen. Die Proteste waren nötig, um zu zeigen: So kann es nicht weitergehen.
Die steigende Arbeitslosigkeit trifft auf einen massiven Fachkräftemangel. Wo kann man ansetzen?
Das ist in erster Linie ein demografisches Problem. Heute gehen doppelt so viele Menschen in Pension wie junge Arbeitskräfte nachkommen. Vor 40 Jahren hatten wir doppelt so viele Geburten. Hier spielen viele Faktoren hinein: die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das Thema Kinderbetreuung, aber auch qualifizierte Zuwanderung. Dazu kommt, dass das tatsächliche Pensionsantrittsalter oft niedriger ist als das offizielle. Wir müssen Anreize schaffen, damit Menschen länger im Erwerbsleben bleiben.
Das Thema Teilzeit ist ein großes Diskussionsfeld. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Wir wissen, dass 60 Prozent der Frauen, die Teilzeit arbeiten, keine Betreuungspflichten haben. Viele entscheiden sich für Teilzeit, weil sich die Mehrarbeit steuerlich kaum lohnt. Hier braucht es ein besseres Steuersystem, das Anreize für mehr Arbeitsstunden schafft. Denn unser Sozialsystem funktioniert nur, wenn alle einen fairen Beitrag leisten.

In der Steiermark gibt es eine neue Landesregierung. Welche Erwartungen haben Sie an sie?
Anlässlich unseres 175-Jahr-Jubiläums hat die WKO Steiermark eine umfassende Standortanalyse durchgeführt – und leitete daraus 100 Maßnahmen für die Zukunft ab. Neben den angesprochenen Themen Arbeitsmarkt und Energiekosten liegt ein Schwerpunkt auf dem Abbau von Bürokratie und der Verkürzung von Verfahrensdauern. Wenn wir den Wirtschaftsstandort Steiermark international wettbewerbsfähig halten wollen, dürfen wir nicht noch weiter ins regulatorische Abseits geraten.
Ein weiteres wichtiges Ereignis 2025 ist die Wirtschaftskammer-Wahl im März. Was motiviert Sie persönlich, erneut zu kandidieren?
Es ist mir eine Ehre, die Interessen der steirischen Wirtschaft zu vertreten. Als Unternehmer kenne ich die Herausforderungen aus erster Hand. Ich sehe es als meine Aufgabe, mit meinem Team für die Rahmenbedingungen zu kämpfen, die unsere Betriebe brauchen.
Gibt es Momente aus Ihrer bisherigen Amtszeit, auf die Sie besonders stolz sind?
Ein großes Highlight war 2021 die Berufseuropameisterschaft in Graz. Zu sehen, mit welcher Begeisterung junge Fachkräfte Spitzenleistungen erbringen, war inspirierend. Das zeigt, dass wir die berufliche Ausbildung auf eine neue Ebene gehoben haben.
Gibt es Wirtschaftsbereiche, die sich trotz der Herausforderungen aktuell besser entwickeln als andere?
Die Wirtschaft ist ständig im Wandel. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und neue Technologien bieten Chancen. Gleichzeitig bleiben klassische Handwerksberufe unverzichtbar. Der Handel erlebt durch das Internet eine Revolution – wer sich nicht anpasst, wird es schwer haben. Derzeit kämpft die Baubranche, aber durch beschleunigte Genehmigungsverfahren könnte hier wieder Dynamik entstehen. Wichtig ist, dass wir den Standort wettbewerbsfähig halten.
Stichwort: künstliche Intelligenz. Sehen Sie Akzeptanz oder eher Zurückhaltung in den Unternehmen?
KI ist eine riesige Chance, aber auch eine Herausforderung. Vor allem für kleinere Unternehmen ist es schwer, den Überblick zu behalten. Wir müssen sie dabei begleiten. Leider ist Europa in Sachen Technologieentwicklung oft zu regulierungsfreudig. Während in anderen Märkten „Trial and Error“ gefördert wird, beginnt es bei uns oft mit „Error und Verbot“. Diese Mentalität muss sich ändern, wenn wir nicht international weiter zurückfallen wollen.
Abschließend: Was wäre Ihr wichtigster Wunsch für 2025?
Mut zur Veränderung, weniger Ideologie und mehr Pragmatismus. Wir brauchen ein Wirtschaftsjahr, das von Reformen, Innovation und Zuversicht geprägt ist. Ich bin überzeugt, dass wir das gemeinsam schaffen können. Denn am Ende sind es die Unternehmerinnen und Unternehmer, die für Wohlstand und Arbeitsplätze sorgen.






