Bau
Unabhängig planen. Zirkulär bauen.
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Gustav Spener, Präsident der Kammer der Ziviltechniker:innen für Steiermark und Kärnten, Architektin Bettina Gossak-Kowalsk, Zivilingenieur Jörg Koppelhuber & Architekt Stefan Nussmüller © Thomas Luef
Holzbau ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – die Zeitenwende vollzieht sich zu einem großen Teil in Vorplanung und Vorfertigung sowie im Anspruch auf Kreislauffähigkeit. Ein Round-Table-Gespräch mit der Ziviltechniker:innen-Kammer für Steiermark und Kärnten über Planen und Bauen.
Wenn Holzbau heute boomt, dann nicht nur wegen seiner Klimabilanz, sondern wegen einer neuen Professionalität: präzisere Vorplanung, höhere Vorfertigung, engere Zusammenarbeit zwischen Architektur, Ingenieurwesen und Ausführung. Gleichzeitig verschieben EU-Vorgaben und die ökologische Qualität von Bauwerken die Spielregeln – und machen Kreislaufwirtschaft vom „Forschungsthema“ zum realen Wettbewerbsfaktor.
BUSINESS MONAT: Holzbau gilt vielerorts als Wachstumsmotor. Was macht diese Dynamik aus?
Jörg Koppelhuber: Der Holzbau ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Das „Trommeln“ der letzten Jahrzehnte hat Wirkung gezeigt – und ja, ich wage zu sagen: In manchen Segmenten ist Holzbau derzeit einer der wenigen Bereiche, die tatsächlich wachsen, gerade weil die öffentliche Hand stark darauf setzt.
Stefan Nussmüller: Wir erleben auch eine deutlich höhere Akzeptanz bei Auftraggebern – und inzwischen sogar bei Mietern, die in Holzbauten wohnen und das schätzen. Gleichzeitig braucht Holz eine gewisse Sensibilisierung: Es ist ein organischer Baustoff, er hat eine Vorgeschichte, er „lebt“ im besten Sinne. Wer Holz will, will meist genau diese Qualität – und ist bereit, sich darauf einzulassen.
Bettina Gossak-Kowalski: Und man spürt, dass die Debatte sich verbreitert: Es geht nicht mehr nur um „Holz ja/nein“, sondern um Ressourcenschonung, Kreislaufwirtschaft und die Frage, wie wir Bestand weiterdenken. Das ist eine andere Flughöhe – und sie ist überfällig.
Gustav Spener:Was ich als Kammerpräsident besonders wichtig finde, ist die differenzierte Betrachtung. Unser Berufsstand steht für unabhängige Beratung – auch materialunabhängig. In vielen Fällen ist Holz die beste Lösung, etwa bei kurzen Bauzeiten oder Aufstockungen. Aber entscheidend ist, dass wir die Vorteile jedes Materials dort nutzen, wo sie Sinn ergeben.
Die Holzbaubranche ist sehr innovativ. Wo zeigt sich das ganz konkret?
Nussmüller: Es passiert extrem viel – nicht nur bei Neubauten, auch in der Sanierung und bei vorgefertigten Bauweisen. Vieles ist noch im Prototypenstadium und muss zertifiziert werden, aber die Richtung ist klar: weg von starren Systemen auch hin zu mehr Rezyklierbarkeit. Und auch die Baustoffe selbst entwickeln sich. Man merkt: Wir stehen mitten in einer Umwälzung.
Koppelhuber: Und dazu kommt: Die Planung verschiebt sich. Im Holzbau wird nicht „auf der Baustelle gelöst“, sondern Wochen und Monate davor. Das verändert Rollen und Prozesse – und erhöht die Anforderungen an die Qualität der Planung.
Spener: Genau deshalb ist Expertise so entscheidend. Holzbau ist ein Mannschaftssport: Architektur, Statik, Bauphysik – und die Ausführung. Wenn diese Kette funktioniert, entstehen großartige Projekte.
Sie setzen stark auf Kreislaufwirtschaft. Was heißt das in der Praxis – heute, nicht erst in der Theorie?
Gossak-Kowalski: Im Kern gibt es zwei Schienen: erstens die Weiterverwendung von bereits verbauten Dingen – also „mit dem weiterbauen, was da ist“. Und zweitens: heute so planen, dass Bauteile in Zukunft wiederverwendbar werden. Letzteres ist komplex, weil es Wissen, Dokumentation und passende Rahmenbedingungen braucht. In der Forschung ist das stark angekommen – in der breiten Bauwirtschaft noch nicht. Aber es wird kommen.
Koppelhuber: Die große Herausforderung ist: Unsere Bauweisen sind historisch nicht darauf ausgelegt, zerlegt zu werden. Das betrifft nicht nur Holz, sondern vor allem verklebte, gemischte Materialschichten. Kreislaufwirtschaft heißt deshalb auch: weniger Verbund, mehr lösbare Verbindungen, mehr Systemdenken. Und idealerweise: gar nicht rückbauen, sondern umnutzen. Das ist oft die klügste Form der „Kreislaufwirtschaft“.
Kosten sind ein klassischer Trigger in der Debatte. Wo entsteht aus Ihrer Sicht die Wahrnehmung, Holzbau sei „automatisch teurer“?
Koppelhuber: Ganz zentral: Es werden oft Äpfel mit Birnen verglichen. Holzbau wird häufig mit einem sehr hohen Standard gebaut – hochwertige Fassaden, bessere Fenster, robuste Details. Wenn man das dann mit einem Minimalstandard vergleicht, ist das Ergebnis verzerrt. Dazu kommt: Holz ist leichter, spart teils Fundierung, ist bei Aufstockungen oft die einzig realistische Option.
Gossak-Kowalski: Und eigentlich müssten wir viel stärker über Lebenszykluskosten sprechen: Wartung, Nutzungsdauer, Anpassbarkeit, am Ende die Wiederverwendbarkeit. Heute werden fast nur Errichtungskosten betrachtet – das wird sich ändern müssen und wird sich auch ändern.
Teils gibt es bereits sehr ambitionierte Vorgaben – etwa Quoten für rezyklierfähige Neubauten ab 2030.
Koppelhuber: Die Branche arbeitet längst an Roadmaps. Es braucht Forschung, Pilotprojekte, Umsetzungserfahrung – denn Bauprojekte dauern, man kann das nicht „per Verordnung“ über Nacht umstellen. Gleichzeitig ist die Holzbranche sehr umtriebig, vielleicht auch wegen der kleineren Strukturen: Man probiert, man entwickelt, man macht.
Spener: Was bereits heute wirkt, sind finanzielle Mechanismen: Taxonomie, ESG-Kriterien, Kreditmodelle. Portfolio-Logiken großer Bestandshalter sind ein realer Treiber. Gleichzeitig darf Regulierung nicht zur Überforderung werden. Die Normenflut betrifft alle Materialien – und treibt Kosten und Komplexität.
Wenn Holzbau ein Mannschafts-sport ist, dann entscheidet Ausbildung über das Ergebnis. Wo sehen Sie aktuell die wichtigsten Lücken – und was müsste passieren?
Spener: Es fehlt noch immer eine Ausbildungs- und Fortbildungslogik, die alle Beteiligten wirklich zusammenbringt: Planerinnen und Planer, Statik, Bauphysik, Handwerk, Industrie. Gerade im Holzbau ist das Inei-nandergreifen entscheidend. Qualität entsteht nicht zufällig – sie ist das Ergebnis von Kompetenz und Kommunikation.
Gossak-Kowalski: In der Ausbildung sieht man zwar großen Fortschritt, aber Holzbau ist noch immer oft ein Wahlthema, kein Pflichtwissen. Gleichzeitig ist das Interesse enorm. Das ist eine Chance: Wer heute studiert, will diese Themen wirklich verstehen.
Koppelhuber: Und man muss ehrlich sein: Die Komplexität steigt, Details werden entscheidend. Holzbau verzeiht manche Fehler weniger. Deshalb ist Fortbildung kein „Nice-to-have“, sondern Grundvoraussetzung.
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