Holz
Holz, nicht Hype
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Guido Strohecker © Marija Kanizaj
Architekt Guido R. Strohecker liebt Holz – aber kritisiert Holzwashing, Holz als Marketinggag und Verbundwerkstoffe, die sich nie wieder trennen lassen. Im Gespräch erklärt er, weshalb wir beim Bauen dringend wieder lernen müssen, in Jahrhunderten zu denken.
Die Steiermark ist Holzland. Vom Wald über das Sägewerk bis zur Zimmerei spannt sich eine dichte Wertschöpfungskette – und damit ein wirtschaftliches Rückgrat. Forstwirtschaft, Holz-industrie, Gewerbe und Architektur sitzen hier an einer gemeinsamen Ressource, die jährlich nachwächst und CO2 speichert, während andere klassische Baustoffe Energie fressen und Deponien füllen.
Gleichzeitig hat die Branche turbulente Jahre hinter sich. Pandemie, Lieferkettenbrüche, eine Holzpreis-Explosion – vieles davon hat Projekte abrupt gestoppt und Investoren verunsichert. Im gleichen Atemzug überschlugen sich Metropolen mit Ankündigungen des „höchsten Holzhochhauses Europas“. Der Grazer Architekt Guido R. Strohecker, Gründer von Strohecker & Partner Architects, Initiator von architects4climate und Erfinder des vollholzbasierten Systems VillaVOON, arbeitet seit Jahren daran, Holz konsequent als monolithischen Baustoff zu denken: möglichst regional, möglichst unvermischt, möglichst rückbaubar. Sein Ansatz: Die wirklich nachhaltige Rendite liegt nicht im spektakulären Holz-Tower, sondern in langlebigen, reparaturfreundlichen Gebäuden, die ihren Fußabdruck über den gesamten Lebenszyklus minimieren.
BUSINESS MONAT: Herr Strohecker, gerade in der Steiermark wird Holz gerne als Allzwecklösung gefeiert. Wo fängt für Sie sinnvolle Holznutzung an?
Guido R. Strohecker:Ich finde es grundsätzlich großartig, dass Holz überhaupt wieder überall vorkommt. Nachwachsender Rohstoff, CO2-Speicher – von den Werten her ist Holz ein Traum. Die entscheidende Frage lautet: Verwende ich Holz ehrlich – oder durchmische ich es in irgendeinem Verbundsystem, das ich nie wieder auseinanderbringe? Ich bin mit meinem Büro klar auf der Seite des Vollholzes, und zwar möglichst ohne exotische Zusatzmittel. Also moderne Interpretation traditioneller Bauweisen: mit mechanischen Verbindungen statt großflächigen Leimschichten.

Wie stehen Sie zu anderen Baustoffen?
Beton hat seine Berechtigung, Ziegel auch, Stahl sowieso. Jeder Baustoff kann großartig sein – solange er in seiner eigenen Logik eingesetzt wird. Problematisch wird es, wenn wir alles miteinander „verheirate“‘: Holz-Beton-Verbund, Holz-Stahl-Komposit, Dämmverbünde, die du nie wieder trennst. Das ist fürs Recycling eine Katastrophe – und für echte Nachhaltigkeit auch.
Das heißt, Sie halten wenig von der aktuellen Begeisterung für spektakuläre Hochhausbauten aus Holz in Großstädten?
Sagen wir so: Ein Holzhochhaus in Berlin ist für mich absurd. Rundherum gibt es keine nachhaltig bewirtschafteten Wälder, du musst das Material kilometerweit herschaffen – nur um am Ende ein Marketingetikett zu haben: „größtes Holzhochhaus Europas“. Das ist keine Ressourcennutzung, das ist Symbolpolitik.
Stichwort: Holzwashing – was meinen Sie damit genau?
Wenn ein guter Werkstoff zweckentfremdet wird, damit ein Projekt grüner aussieht, als es ist. Und gleichzeitig wird Holz dabei oft minderwertig verbaut: als dünne Fassade oder als Teil irgendeines Kompositkerns, der weder die Seele des Holzes nutzt noch vernünftig recycelbar ist.
Sie bezeichnen sich als Vollholz-Liebhaber. Wie sieht dieser Ansatz technisch aus?
Vollholz heißt für mich: Ich arbeite mit dem Stamm als Ganzem – nicht nur mit seinen Fragmenten. Also keine Hölzer, die zu Fasern zermahlen und wieder verklebt werden, sondern massive Querschnitte, die statisch und bauphysikalisch selbst tragen. Verbunden wird dann mit Holz-Holz-Verbindungen, Schrauben, Metallteilen dort, wo nötig – aber ohne das ganze Bauteil in Leim zu ertränken.

Viele Produkte wie Brettsperrholz (KLH) sind konstruktiv völlig legitim. Sie lösen statische Aufgaben, keine Frage. Aber der Preis ist hoch: Sobald ich Holz mit Holz flächig verleime, nehme ich dem Material Eigenschaften weg – und schaffe zugleich ein Produkt, das am Ende des Lebenszyklus extrem schwer zu trennen ist.
Was bedeutet dieser Vollholz-Fokus für die Wertschöpfungskette in der Steiermark – vom Wald bis zum fertigen Gebäude?
Enorm viel, wenn man es konsequent denkt. Wir haben in der Steiermark einen Luxus, von dem andere Regionen nur träumen: einen enormen Waldanteil, eine starke Sägewerksindustrie, hochpräzise Zimmereien mit CNC-Abbundanlagen, eine Dichte an Holzbaufirmen.
Regionalität als Hauptfokus?
Wenn ich Vollholz monolithisch einsetze, dann kann ich fast die gesamte Kette regional halten: Der Baum wächst in der Region, wird hier geschnitten, getrocknet, bearbeitet und vor Ort montiert. Jeder Meter, den ich mir beim Transport spare, verbessert meine CO2-Bilanz und belässt Wertschöpfung im Land. Das Wissen dafür ist ja da – oder zumindest archiviert. Wer wirklich verstehen will, wie nachhaltiges Bauen mit Holz funktioniert, sollte ins Freilichtmuseum Stübing fahren. Dort liegt das Know-how von Jahrhunderten: steirische Bauernhäuser mit klarer Trennung der Materialien – Stein im feuchten Bereich, Holz dort, wo es trocken bleibt, alles rückbaubar, alles reparierbar.
Ein starkes Argument für regionale Kreisläufe sind die Kosten. Gleichzeitig klagen Bauherren, Holz sei „unleistbar“ geworden. Ist Holzbau tatsächlich so viel teurer als Ziegel oder Beton?
Vordergründig: ja. Wenn ich nur auf den ersten Kaufpreis schaue, ist ein gutes Holzhaus eine Spur teurer als ein vergleichbarer Ziegel- oder Betonbau. Aber das ist eine optische Täuschung, weil praktisch niemand die Lebenszykluskosten sauber mitrechnet.
Holzbau ist trockener Bau. Ich habe kaum Baufeuchte, kann extrem viel vorfertigen, arbeite schnell. Die Errichtungszeit sinkt massiv – und Zeit ist Geld. Während beim Beton der Rohbau noch austrocknet, ist der Holzbau oft schon im „halbfertigen“ Bereich und Wochen, wenn nicht Monate, früher bezugsfertig. Diese Zeitersparnis kompensiert einen Teil der Mehrkosten sofort im ersten Jahr.
Und in puncto Nachhaltigkeit?
Auf lange Sicht habe ich bei einem durchdachten Holzbau andere Wartungs- und Reparaturkosten. Holz lässt sich leichter adaptieren, Bauteile können getauscht, ausgebaut, wiederverwendet werden. Am Ende des Lebenszyklus zerlege ich ein Holzhaus relativ einfach in sortenreine Komponenten – während bei Verbundsystemen Abbruch, Sortierung und Entsorgung ein Vermögen kosten.

Sie haben mehrfach Normen und Vorschriften kritisiert. Wo blockiert das Regelwerk den Holzbau konkret?
Beim Thema Vorschriften haben wir eine absurde Situation. Es gibt eine Unmenge an Regeln, die ursprünglich gut gemeint waren, aber in Summe nachhaltige Projekte eher verhindern als fördern. Ein Beispiel ist der Energieausweis. Im Grunde ist er nichts anderes als ein Kühlschrankpickerl fürs Haus. Er bewertet primär den Energieverbrauch im Betrieb – aber nicht die graue Energie, die für Herstellung, Transport und Entsorgung eines Gebäudes anfällt.
Wir haben das bei der VillaVOON erlebt: Vollholz, hervorragend gedämmt, komplett plastikfrei – und trotzdem keine Bestnote im Energieausweis, weil irgendeine rechnerische Mauerstärke nicht in das Normraster passt. Die logische Konsequenz laut Formular: zusätzliche Dämmung aufbringen. Also mehr Material, mehr graue Energie, mehr Kosten – für einen minimalen rechnerischen Effekt. Das ist fachlich absurd.
Wenn wir vom Einzelgebäude auf die Stadt schauen: Wo sehen Sie die größten Fehlentwicklungen – auch im Hinblick auf Holz?
Eine Stadt ist immer nur so gut wie ihre Stadtplanung – und die wiederum so gut wie der politische Hintergrund, der sie trägt. Holz könnte hier ein Gamechanger sein – nicht nur als Baustoff, sondern als Haltung. Wer in Holz baut, denkt in der Regel stärker in Etappen, in Reparatur, in Umbau. Das steht im krassen Gegensatz zu anonymen Betonriegeln mit 30-Jahre-Denke. Aber Holz allein rettet keine Stadtplanung: Ein schlecht gesetztes Quartier ist schlecht gesetzt, auch wenn die Fassade aus Lärche ist.

Sie sprechen oft vom „Wohlfühlfaktor“ von Holz. Was kann Holz, was Beton und Stahl nicht können?
Holz ist in vielerlei Hinsicht der menschlichste Baustoff. Er ist flexibel, leicht zu bearbeiten, tolerant gegenüber Umbauten – und er schafft ein Raumklima, das kein anderes Material in dieser Form bieten kann. Jeder, der ein traditionelles steirisches Bauernhaus betritt, spürt das: Da ist eine Wärme. Das hat mit Oberflächentemperaturen, Feuchteverhalten, Akustik zu tun – aber auch mit unserer kulturellen Prägung. Der Küchentisch, die getäfelte Stube, der Dachstuhl – das sind Urbilder des Wohnens.
Ein Thema, das Laien beim Holzbau oft verunsichert, ist der Brandschutz. Wie entgegnen Sie dieser Sorge?
Mit Fakten. Holz brennt – ja. Aber es verhält sich im Brandfall sehr berechenbar. Ein massiver Holzträger bildet an der Oberfläche eine Kohleschicht, die den Kern schützt. Das Bauteil bleibt lange tragfähig, auch wenn es außen schwarz ist. Im Vergleich dazu verliert Stahl bei hohen Temperaturen sehr schnell seine Tragfähigkeit und kann in sich zusammenknicken. Beton kann abplatzen, Bewehrung freilegen, Sprengwirkungen entfalten. Richtig dimensionierte Holzbauteile schneiden im Brandversuch oft besser ab, als viele glauben. Das bestätigen Messwerte aus Brandversuchen.

Sie haben die „graue Energie“ angesprochen. Wie weit darf man Holz transportieren, bevor seine ökologische Bilanz kippt?
Die Antwort ist unbequem einfach: So wenig wie möglich. Ein Holzhaus mitten in einer Wüstenstadt zu errichten, ist ökologisch unsinnig. Genauso, wenn ich Holz über Tausende Kilometer in eine Großstadt bringe, nur damit dort ein Hochhaus aus Holz Schlagzeilen macht. An diesem Punkt wird die positive CO2-Bilanz zur Inszenierung. Die graue Energie umfasst alles: Rohstoffgewinnung, Transport, Verarbeitung, Lagerung, Entsorgung. Darin ist Holz unschlagbar – wenn es regional verarbeitet wird.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Wohin sollte sich der Holzbau – und damit die Holz-Wertschöpfung – in der Steiermark entwickeln?
Ich hätte drei Wünsche. Ers-tens: mehr Vollholz, weniger Komposit. Zweitens: radikale Regionalität. Und drittens: Bauen in Jahrhunderten statt in Förderperioden. Und das Schönste: Wir müssen dafür nichts neu erfinden.






