Visionen
Probier’s mal mit Gelassenheit
- Unterressort
- Banken & Versicherungen
- Veröffentlicht
- Lesezeit
- 4 min

© Shutterstock
Der Wirtschaftstrainer und Autor Gerhard F. Schadler hat den „menschlichen Gefühlsschalter“ entdeckt. Damit meint er emotionale Steuermechanismen, die großen Einfluss auf den Geschäftserfolg ausüben. In der Krise plädiert er für konstruktive Sichtweisen.
Herr Schadler, Sie warnen Wirtschafts-treibende, angesichts der täglichen Nachrichten über Lockdown, Infektions-risiko und Sterblichkeitsraten nicht in eine emotionale Negativspirale zu verfallen. Stattdessen regen Sie eine konstruktive Geisteshaltung an – ist das nicht leichter gesagt als getan?
Gerhard F. Schadler: Natürlich ist das schwer. Gerade in diesen Zeiten ist eine zuversichtliche Einstellung nicht einfach, aber wichtiger denn je. Denn die Gefühle, die wir aufgrund der Pandemie entwickelt haben, sind nicht nur die erste Reaktion auf die Situation, sondern sie ziehen auch Kettenreaktionen nach sich. Unsere Stimmungslage beeinflusst, wie handlungsfähig wir bleiben können, wie stark wir uns fühlen. Wir kennen das. Wenn wir gut drauf sind, haben wir das Gefühl, Bäume ausreißen zu können, wenn wir uns schlecht fühlen, haben wir eher das Bedürfnis, uns zurückzuziehen. In schwierigen Situationen benötigen wir jedoch viel Kraft, da ist ein Verlust der Handlungsfähigkeit äußerst kontraproduktiv. Die Stimmungslage erschwert, etwas an unserer Situation zu ändern.
Wie kann man sich in die richtige Stimmungslage bringen?
Man kann sich selbst achtsamer beobachten. Wenn man merkt, dass man aufgrund der eigenen Gedanken in schlechte Stimmungslage verfällt, ist das ein Signal, das mir sagt, eine Veränderung wäre jetzt sinnvoll. Idealerweise wäre das eine Veränderung der Situation, in der man sich befindet. Jetzt in der Pandemie sind wir aber mit einer Vielzahl an Umständen konfrontiert, die wir nicht ändern können. Daher gibt es nur mehr eine Möglichkeit, einen Einfluss auf unsere Stimmungslage auszuüben: unsere Sichtweise zu ändern. Dem Blickwinkel, den ich einnehme, kommt hoher Stellenwert zu. Um einen konstruktiven Blickwinkel zu finden, lohnt es sich, zu fragen: Worauf ich trotz der unangenehmen Zustände noch zugreifen, das mir Freude bereitet? Für viele Menschen ist das die Familie, die Natur, der Sport – all das sind nichts anderes als sehr effektive Möglichkeiten, die eigene Stimmungslage zu verbessern.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang vom „Gefühlsschalter“. Was meinen Sie mit dieser Metapher?
Ich stelle mir vor, dass wir mit der Art, wie wir Denken, einen imaginären Schalter bewegen. Dieser verfügt über drei Positionen: oben eine konstruktive, in der Mitte eine neutrale und unten eine destruktive. Die Entstehung von Gefühlen hat damit zu tun, wie ich die Situation, in der ich mich befinde, bewerte. Je nachdem, wie diese Bewertung ausfällt, sendet das Gehirn körpereigene Botenstoffe aus. Diese Neurotransmitter und Hormone haben Einfluss darauf, wie wir uns fühlen. Unsere Gefühle sind sozusagen hausgemacht.
Anders gesagt, man hat es selbst in der Hand, wie man auf eine Situation zugeht?
So ist es. Eine destruktive Sichtweise zieht unangenehme Gefühle nach sich. Denn solch eine Sichtweise aktiviert Stresshormone, die sich unangenehm anfühlen, was uns belastet und es uns erschwert, klare Gedanken zu fassen, uns kopfloser macht, leichter zu Fehlentscheidungen führt und die Sozialkontakte stört. Eine konstruktive Sichtweise dagegen zieht angenehme Gefühle nach sich, da sie Botenstoffe aktiviert, die sich gut anfühlen, was Handlungs- und Leistungsvermögen stärkt und so Krisen leichter meistern lässt.
Und welche Folgen hat eine neutrale Sichtweise?
Sie führt dazu, dass es keinen Ausstoß von Botenstoffen gibt. Das ist immer dann der Fall, wenn wir uns von einer Situation nicht beeindrucken lassen beziehungsweise innerliche Ruhe verspüren. Der Zustand, den wir dann erleben, nennen wir „Gelassenheit“ und das damit verbundene Verhalten „Souveränität“ – Zustände, die es beispielsweise erleichtern, Fakten besser einzuschätzen, Lösungen zu finden und nötige Veränderungsprozesse zu initiieren. Unternehmer, die es schaffen, auch in Krisenzeiten konstruktiv zu bleiben, haben es leichter. Sie haben den Kopf frei, wenn es darauf ankommt, wichtige Entscheidungen zu treffen, bleiben innerlich stabil und handlungsfähig und bestimmen so – neben all den Fakten, die auf das Unternehmen Einfluss nehmen – die Ergebnisse mit.

Was aber, wenn die Fakten und Umstände schon so schlecht sind, dass eine konstruktive Einstellung auch keinen Einfluss mehr hat?
Gerade dann ist die Einstellung besonders wichtig, denn sie bietet eine Chance, sich aus dem Schlamm zu ziehen. Wenn man dagegen ins Jammern und Schwarzmalen verfällt, wird es umso schwieriger, eine Lösung zu finden. Jeder Teil im Gehirn, der für die Kreativität zuständig ist, kann in einer düsteren Stimmungslage nicht gut arbeiten. Die besten Einfälle hat man, wenn man gut drauf ist – genau das ist jetzt gefragt. Wir brauchen Ideen und Lösungsansätze, die lassen sich mit Destruktivität nicht erreichen.
Was empfehlen Sie in ihren Trainings, um eine konstruktive Stimmungslage zu fördern?
Jetzt ist es wichtiger denn je, sich mit Dingen zu beschäftigen, die einem guttun und Freude bereiten. Man sollte Hobbys soweit möglich ausüben, Bücher und Filme genießen, die einen aufbauen. Wir wissen seit 20 Jahren, dass unser Immunsystem wesentlich von unserer Stimmungslage beeinflusst wird. Daher ist die Stellung unseres „Gefühlsschalters“ nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht relevant, sondern auch aus gesundheitlicher. Wenn unsere Stimmungslage sinkt, tut sich das Immunsystem auch schwerer, die Abwehr gegen ein Virus hochzufahren. Ich hatte vor Jahren die Gelegenheit, den geistigen Vater der Klinikclowns kennenzulernen, Patch Adams. Damals hat er mir Folgendes gesagt: „Ich habe zwei Jobs, der erste ist Clown, der zweite ist Arzt, und genau in dieser Reihenfolge. Wenn ich als Clown gute Arbeit mache, habe ich als Arzt weniger zu tun.“ Dieser Zugang zu Gefühlswelt und Gesundheit ist mit seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen.
––––––––––––
Gerhard F. Schadler
Seit mehr als zwei Jahrzehnten befasst sich der Grazer Gerhard F. Schadler mit der Auswirkung von Gefühlen auf Erfolg, Wirtschaft und Lebensqualität. Der Buchautor und Entwickler interessiert sich für die emotionalen Steuermechanismen und analysiert Menschen, die von ihrer Umgebung als erfolgreiche Visionäre wahrgenommen werden. Als Trainer betreut er vorwiegend Leistungsträger aus Diplomatie, Politik, Sport und Management sowie Belegschaften großer Unternehmen.







