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Blick nach vorne

Blick nach vorne: Architekt Guido R. Strohecker setzt auf zukunftsfähige Bauweise und nutzt dazu alte Traditionen. © Marija Kanizaj

… um zukunftsfähige Gebäude zu schaffen. Warum man, um ökologisch und ökonomisch sinnvoll bauen zu können, einen Blick in die Vergangenheit werfen sollte, erklärt Architekt Guido R. Strohecker.

Umweltsünder Baubranche? Dass die Branche für einen großen Anteile der CO2-Produktion verantwortlich ist, ist vielen nicht bekannt. Dass es einfache Wege gibt, dies zu ändern, wissen noch weniger. Geile Architektur und nachhaltige Bauweise schließen sich aber nicht aus, davon ist Architekt Guido R. Strohecker überzeugt – und beweist das auch mit seinem Projekt „VillaVoon“. Ein Hintergrundgespräch, das zum Nachdenken anregt.
Wie entscheidend ist der Einfluss des Bausektors auf das Klima?
Der Bausektor ist zum hohen Maße für die CO2-Produktion verantwortlich. Wenn man sich das gesamte Spektrum des Bauvolumens ansieht – vom Städtebau über landwirtschaftlichen Bau bis zu Straßenbau und Tiefbau –, produziert unsere Branche mehr CO2 als die Autoindustrie.

Wären Änderungen leicht möglich?
Ja. Vielleicht gibt die Corona-Krise jetzt den richtigen Denkanstoß.

Welchen Einfluss könnte die Krise auf die Architektur- und Baubranche haben?
Das menschliche und wirtschaftliche Leid durch die Krise ist sicher immens. Einen positiven Effekt wird es aber garantiert auf die Regionalwirtschaft haben. Die Krise hat uns vorgezeigt, wie sehr wir von globalen Strukturen abhängig sind. Da muss es in Zukunft einfach ein Umdenken geben. Ein Beispiel: Österreich ist das waldreichste Gebiet Europas. Es wächst mehr Holz nach, als wir verbrauchen. Warum setzen wir nicht noch stärker auf Holz als Baustoff?

Werden Gebäude hinsichtlich ihrer Ökonomie ausreichend begutachtet?
Der Energieausweis ist in seinem Ansatz gut. Aber man kann ein Gebäude nicht wie einen Kühlschrank betrachten. Der Energieausweis behandelt nur die Energiethematik – wie ist es gedämmt, welche thermischen Eigenschaften hat es … Das Thema „graue Energie“ wird meist ausgespart.

Was versteht man unter „grauer Energie“?
Der Begriff „graue Energie“ beschreibt die komplette umfassende Betrachtung der notwendigen Energiemenge beim Bau eines Gebäudes – von der Herstellung der Baustoffe bis hin zum letzten Entsorgungsbereich.

VillaVoon Model © Marija Kanizaj

Mit „Architects for Climate“ haben Sie 2020 einen neuen Verein, der sich mit dieser Thematik beschäftigt, gegründet.
„Architects for Climate“ soll bei umweltrelevanten Themen rund ums Bauen ansetzen. Wir wollen eine gesamtheitliche Betrachtung unserer Arbeit damit forcieren und europaweit Kollegen dazu ins Boot holen.

Mit welchem Ziel?
Eine erste Stufe wird die Implementierung einer Art Label sein, der die Expertise von Architekten und Planung hinsichtlich zukunftsfähigen Bauens bestätigt. Weitere Stufen werden die Beschäftigung mit Baustoffen und der „grauen Energie“ sowie die Sensibilisierung von Vergabekriterien sein.

Ist auch für Konsumenten etwas angedacht?
Wir haben sieben Hauptpunkte definiert: Sonne, Wind, Temperatur, Feuchtigkeit, Vegetation, Material und Bauform. Dazu wird es konsumentengerechte Unterlagen geben. Es gibt viel zu viele hochwissenschaftliche Texte, mit denen Konsumenten nichts anfangen können.

Sollten die Kollegen sich mehr für zukunftsfähige Architektur einsetzen?
Noch ist das Bewusstsein dafür in der Architektur- und Planungsszene viel zu wenig bis gar nicht ausgebildet. Und damit meine ich nicht die Baumaterialien oder die Zertifizierung von Baustoffen oder den Energieausweis. Es fehlt einfach an Planungsvorgaben – auch vonseiten des öffentlichen Bereichs. Wenn man sich bestimmte Wettbewerbe und Auftraggeber anschaut, fliegen umweltrelevante Begriffe eher lose herum. Es fehlen dezidierte ökologisch nachhaltige Vorgaben.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf?
Zum Beispiel beim Wohnbau. Da gibt es in den letzten Jahren eine enorme Fehlentwicklung.

Welche typischen Fehler werden gerade im klassischen Wohnbau begangen?
Besonders modern sind aktuell glatte Fassaden mit viel Glas. Das ist aus meiner Sicht falsch, denn meist fehlt es an Beschattung. Und das wird dann mit stromfressenden Klimaanlagen kompensiert. Für mehr Beschattung braucht man tiefere Balkonstrukturen oder Dachüberstände. Auch Fassadenbegrünung halte ich nicht für der Weisheit letzten Schluss, weil die Umsetzung einfach oft nicht funktioniert. Und auch in den Bereichen Größe und Ausrichtung von Wohnungen wird auf die grundlegendsten Faktoren vergessen.

Planung
© Marija Kanizaj

Inwiefern?
Eine Ost-West-Ausrichtung klingt logisch, aber viele denken nicht mehr dran. Da werden dann nach Norden hin ausgerichtete Wohnungen gebaut – einfach eine Katastrophe. Oder auf 40 Quadratmetern muss eine Zwei-Zimmer-Wohnung geplant werden. Da wird gequetscht, nicht weil man es braucht, sondern weil man Profit daraus schlagen will. Diese typischen Anlegerwohnungen haben für mich nichts mit Nachhaltigkeit zu tun.

Wo braucht es in der westlichen Architektur ein Umdenken?
Die westliche Architektur ist geprägt von Theorie und Hochtechnisierung. Dabei gibt es so viele Erfahrungswerte, auf die man zurückgreifen kann. Wir müssen nichts neu erfinden. Es war alles schon da. Mein Team und ich beschäftigen uns schon sehr lange mit alten Traditionen im Bereich Bauen – bis zurück zu den Römern. Warum fühlen wir uns in Altbauten so wohl? Warum überdauern Bauernhäuser 400 Jahre und mehr, während neue Bauten nach einigen Jahrzehnten schon baufällig sind? Das hat alles mit Regionalität und traditioneller Geschichte zu tun. Wir wollen aber nicht in Richtung „alt“ zurückgehen, sondern untersuchen, was damals gut war, und das modern interpretieren.

Oft wird nachhaltige Architektur mit „langweilig“ oder „unspannend“ in Verbindung gebracht. Wie sehen Sie das?
Geile Architekturen, die auch wirtschaftlich interessant sind, und Nachhaltigkeit schließen sich nicht aus. Das beweisen wir mit unserem Projekt „VillaVoon“, die zu 100 Prozent kunststoff- und metallfrei aufgebaut wird. Die Resonanz auf die Projektpräsentation im Vorjahr war enorm.

Welche alten Traditionen kommen bei ihrem Projekt „VillaVoon“ zum Einsatz?
Zum Beispiel die monolithische Bauweise, also die Reduktion auf einen einzigen Baustoff. Wir verwenden keine Verbindungen aus Metall, sondern nur aus Holz. Oder mit „Shou Sugi Ban“, einer alten japanischen Methode, wird Holz gebrannt und kann so für hunderte Jahre haltbar gemacht werden.

Sie waren von der enormen Resonanz auf das Projekt selbst überrascht.
Dass die Idee so einschlägt, damit hätten wir nicht gerechnet. Aber wir haben damit einfach den Nerv der Zeit getroffen.

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