Round Table
Werkstoff der Zukunft
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- Mobilität
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Stefan Seidel, Willibald Ehrenhöfer, Christa Zengerer, Werner Ecker, Elmar Rückert (v. l.) © Thomas Luef
Advanced Materials sind weit mehr als ein Forschungsthema. Sie entscheiden darüber, wie effizient, robust, ressourcenschonend und wettbewerbsfähig Mobilität künftig sein kann. Beim Round-Table-Gespräch im Rahmen des ACstyria Materials Day am Red Bull Ring wurde deutlich, warum die Steiermark dafür beste Voraussetzungen mitbringt.
Die großen Umbrüche der Mobilität beginnen oft im Kleinen: in einer Faser, einer Legierung, einer Sensoroberfläche, einem Werkstoff, der leichter ist als sein Vorgänger, belastbarer, intelligenter oder besser recycelbar. Advanced Materials sind deshalb kein Nebenschauplatz für die Zukunft der Mobilität, sondern ihr Fundament. Sie reduzieren Gewicht und Energieverbrauch, erhöhen die Lebensdauer von Komponenten, ermöglichen neue Anwendungen in Elektronik, Sensorik und Antriebstechnik und schaffen die Voraussetzungen für Kreislaufwirtschaft.
Dass die Steiermark in diesem Feld eine besondere Rolle spielt, wurde beim ACstyria Materials Day am Red Bull Ring eindrucksvoll sichtbar. Mehr als 270 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 15 Nationen kamen nach Spielberg, um über Materialinnovationen, industrielle Anwendungen und neue Wertschöpfungspotenziale zu diskutieren. Die Region vereint dabei wissenschaftliche Exzellenz, anwendungsnahe Forschung, industrielle Fertigungskompetenz und gewachsene Netzwerke zwischen all diesen Bereichen.
Im Round-Table-Gespräch mit Wirtschaftslandesrat Willibald Ehrenhöfer, ACstyria-Geschäftsführerin Christa Zengerer, MCL-General-Manager Werner Ecker, Pankl-Racing-Systems-CTO Stefan Seidel und Elmar Rückert, Leitung Lehrstuhl für Cyber Physical Systems an der Montanuni Leoben, wurde klar: Ohne neue Werkstoffe wird es keine Mobilität der Zukunft geben. Entscheidend ist nun, Forschung schneller in industrielle Anwendung und daraus in skalierbare Wertschöpfung zu übersetzen.
BUSINESS MONAT: Advanced Materials gelten als Schlüsseltechnologie. Was heißt das ganz konkret für den Mobilitätsstandort Steiermark?
Willibald Ehrenhöfer:Für uns ist das längst mehr als ein Schlagwort. Advanced Materials sind heuer ein strategischer Schwerpunkt der steirischen Wirtschaftspolitik. Dahinter steht auch eine Entwicklungsgeschichte: von ersten Glasfaser- und Carbonfaseranwendungen bis hin zu heutigen Hochleistungswerkstoffen, die in ganz unterschiedlichen Bereichen Wirkung entfalten. Entscheidend ist, dass wir nicht nur auf einzelne Produkte schauen, sondern auch auf Prozesse, auf neue Rohstoffzugänge und auf die Frage, wo wir bestehende Stärkefelder weiter ausbauen können. Gerade für einen Industriestandort wie die Steiermark ist das zentral. Im Flugverkehr, auf der Schiene oder in der Automobilindustrie zählt jedes Kilogramm. Weniger Gewicht bedeutet weniger Energieverbrauch, geringeren Verschleiß und damit höhere Wirtschaftlichkeit. Das stärkt unsere Unternehmen doppelt: Sie sichern Beschäftigung am Standort und schaffen einen konkreten Mehrwert.

Stefan Seidel: Für uns in der Industrie ist Werkstoffkompetenz tatsächlich die Basis von allem. Ohne hochwertige Materialien kann man keine Leichtbauprodukte entwickeln, keine hochbelastbaren Komponenten fertigen und keine innovativen Antriebssysteme indus-trialisieren. Es geht dabei nicht nur um das Material selbst, sondern auch um das Wissen über Verarbeitung, Konstruktion, Simulation und schließlich um wettbewerbsfähige Produktionsmethoden. Gerade in einem Hochlohnstandort wie Österreich müssen wir Innovation mit Automatisierung und Digitalisierung verbinden. Der Preis alleine wird uns nie differenzieren. Unsere Stärke liegt darin, bessere Lösungen zu entwickeln und diese so in die Fertigung zu bringen, dass sie am Markt bestehen können.

Werner Ecker: Advanced Materials sind im eigentlichen Sinn Enabler. Sie ermöglichen Funktionen, die oft unterschätzt werden. Materialien tragen, schützen und stützen nicht nur. Sie können auch riechen, leuchten, Energie speichern, Signale aufnehmen, kühlen oder Bewegung erzeugen. Viele Innovationen, die später als Produktneuheit wahrgenommen werden, sind im Kern Materialinnovationen. Deshalb sind sie für die Mobilität so entscheidend. Wenn man über Effizienz, Dekarbonisierung oder neue Anwendungen in Sensorik und Elektronik spricht, dann führt der Weg fast immer über den Werkstoff.

Die Steiermark wird oft als Hotspot für Materialinnovation bezeichnet. Was macht den Standort so besonders?
Christa Zengerer: Die große Stärke liegt in der Dichte und Qualität des Ökosystems. Wir haben Forschungseinrichtungen, industrielle Leitbetriebe, spezialisierte Netzwerke und Plattformen, die seit Jahren daran arbeiten, Kompetenzen zusammenzuführen. Der frühere Leichtbautag, den ACstyria seit 2017 organisiert hat, war dafür ein gutes Beispiel. Mit dem Materials Day haben wir diesen Ansatz nun bewusst erweitert, weil Leichtbau zwar weiterhin essenziell ist, die Zukunft der Mobilität aber breiter gedacht werden muss: mit Materialinnovation, Fertigung, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft.
Und im internationalen Vergleich?
Christa Zengerer:Was man hier besonders gut sieht: Kooperation ist kein abstrakter Begriff, sondern gelebte Praxis. Dass wir heute internationale Gäste aus Asien und aus zahlreichen europäischen Ländern in Spielberg begrüßen konnten, zeigt, dass diese Vernetzung weit über die Region hinaus ausstrahlt. Die Steiermark wird als Standort wahrgenommen, an dem relevante Player zusammenkommen und an realen Anwendungen arbeiten.

Wie gut funktioniert die Verzahnung zwischen Forschung und Industrie ?
Stefan Seidel: Aus Sicht eines Unternehmens funktioniert sie in der Steiermark sehr gut. Wir arbeiten eng mit der TU Graz und der Montanuniversität Leoben zusammen. Das ist für uns nicht nur technologisch wertvoll, sondern auch mit Blick auf Talente entscheidend. Gleichzeitig investieren wir selbst stark in Ausbildung. Bei Pankl Racing Systems bilden wir über 150 Lehrlinge aus und sehen das als strategische Aufgabe. Denn viele der Kompetenzen, die wir künftig brauchen, lassen sich nicht allein in standardisierten Ausbildungswegen abbilden. Sie müssen in den Betrieben entwickelt werden. Was wir aber stärker brauchen, ist Unterstützung bei der Umsetzung neuer Technologien in die breite industrielle Nutzung. Forschung ist wichtig, aber mindestens ebenso wichtig ist die schnelle Implementierung.
Christa Zengerer:Genau darin sehe ich einen der entscheidenden Punkte. Wir sind stark darin, Entwicklungen anzustoßen, Wissen zu vernetzen und Kooperationen aufzubauen. Aber wir sind oft zu langsam, wenn es darum geht, diese Entwicklungen auf den Boden zu bringen und selbst in die Nutzung zu kommen. Als Cluster versuchen wir genau dort anzusetzen: die richtigen Unternehmen, Institutionen und Köpfe zusammenzubringen, damit aus Ideen Anwendungen werden. Das ist letztlich der Kern unserer Arbeit.
Werner Ecker: Die entscheidende Herausforderung ist Geschwindigkeit. Klassische Materialentwicklung braucht oft viele Jahre, in manchen Branchen sogar Jahrzehnte. Diese Zeit haben wir heute nicht mehr. Deshalb müssen wir Digitalisierung und künstliche Intelligenz systematisch nutzen, um Entwicklungszyklen zu verkürzen. Das setzt allerdings voraus, dass wir bessere Datenstrukturen und gemeinsame Plattformen schaffen.
Willibald Ehrenhöfer: Genau deshalb müssen wir auch die infrastrukturellen Voraussetzungen schaffen. Es reicht nicht, Daten nur zu erzeugen. Wir müssen sie sicher speichern, schnell verarbeiten und in Wertschöpfung umsetzen können. In den nächsten Jahren wird es ein zentraler Wettbewerbsfaktor sein, ob wir über leistungsfähige Daten- und Recheninfrastruktur verfügen und ob diese Souveränität in Europa abgesichert ist.
Welche Anwendungen von Advanced Materials haben derzeit den größten Einfluss auf die Mobilität?
Christa Zengerer:Das Feld ist inzwischen enorm breit. Natürlich bleibt Leichtbau ein zentrales Thema. Aber es geht längst nicht mehr nur um klassische Komposite. Neue Fertigungsmethoden wie additive Verfahren eröffnen auch mit bestehenden Materialien neue Freiheitsgrade in der Geometrie und damit in der Funktion von Bauteilen. Topologieoptimierung spielt dabei eine immer größere Rolle. Hinzu kommen Anwendungen in Turbinen, Elektronik, Sensorik oder auch in materialintensiven Branchen außerhalb der Mobilität, von denen man viel lernen kann.
Stefan Seidel:Bei uns sieht man sehr deutlich, wie neue Werkstoffe ihren Weg in den Markt finden. Der Motorsport ist dabei eine Art Experimentierfeld. Dort können neue Technologien schnell getestet und unter Extrembedingungen bewertet werden. Was sich dort bewährt, findet später seinen Weg in industrialisierte Anwendungen. Genau so entstehen technologische Sprünge.
Werner Ecker: Es sind gerade die unscheinbaren Anwendungen, die enorme Wirkung entfalten. Neue Materialien in Katalysatoren, Sensoren oder Funktionsschichten verbessern Wirkungsgrade, reduzieren Ausfälle oder ermöglichen ganz neue Einsatzfelder. Ein Beispiel ist die Gas-Sensorik: Dieselbe Schlüsseltechnologie kann in der Kreislaufwirtschaft helfen, Verunreinigungen in Stoffströmen zu erkennen, und zugleich in sicherheitsrelevanten Anwendungen auf Drohnen eingesetzt werden. Diese Vielseitigkeit zeigt, welche Hebelwirkung in Materialinnovationen steckt.

Ein großes Thema ist die Kreislaufwirtschaft. Wie weit ist die Region hier wirklich?
Werner Ecker:Die Kreislaufwirtschaft ist auf dem Weg, aber wir sind noch nicht dort, wo wir sein müssten. Die Zirkularitätsquote in Europa ist nach wie vor zu niedrig, und vieles ist bislang eher Downcycling als echtes hochwertiges Recycling. Die entscheidende Aufgabe lautet daher: Wie gelingt Upcycling auch bei High-End-Materialien?
Stefan Seidel: Nachhaltigkeit ist essenziell, aber sie muss mit Wettbewerbsfähigkeit zusammengedacht werden. Es bringt nichts, wenn wir Vorreiter in einzelnen Bereichen sind, aber am Ende zu Kosten produzieren, die am Markt nicht mehr tragfähig sind. Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Erfolg dürfen kein Widerspruch sein. Im Gegenteil: Die Lösungen, die sich global durchsetzen, werden jene sein, die ökologisch sinnvoll und zugleich ökonomisch tragfähig sind.
Christa Zengerer:Dazu kommt eine europäische Realität, die oft übersehen wird: Viele Wertströme verlassen den Kontinent. Wenn man Kreislaufwirtschaft ernsthaft aufbauen will, müssen Stoffkreisläufe stärker in Europa geschlossen werden.
Willibald Ehrenhöfer:Ich bin überzeugt, dass Circular Economy auch ein klarer Wettbewerbsvorteil für Europa und für die Steiermark werden kann. Wir haben in vielen Bereichen bereits Prozessverständnis, Qualitätsstandards und technologische Basis. Wichtig ist, daraus nun Geschwindigkeit zu machen und nicht in überbordender Dokumentation stecken zu bleiben.
Wo liegen derzeit noch ungenutzte Potenziale?
Christa Zengerer:Ganz klar beim Skalieren. Wir haben Ideen, Technologien und Netzwerke. Aber wir brauchen mehr Fälle, in denen aus einer guten Entwicklung ein marktfähiges, breit eingesetztes Produkt wird.
Willibald Ehrenhöfer: Ich würde das unter dem Begriff Scale-up zusammenfassen. Wir brauchen mehr Wachstum aus heimischen Innovationen und aus bestehenden Betrieben heraus. Kapital ist dabei ein Thema, aber nicht das einzige. Ebenso wichtig sind schnellere Exportbedingungen, der Zugang zu europäischen Programmen und der gemeinsame Wille, Dinge auch wirklich in die Umsetzung zu bringen.
Stefan Seidel: Und wir brauchen Prioritäten. Ein kleiner Standort kann nicht überall Weltmeister sein. Man muss sehr genau unterscheiden, wo man führend sein will und wo es klüger ist, auf Partnerschaften zu setzen. Im Materialbereich ist die Steiermark hervorragend aufgestellt. Dort sollten wir noch stärker investieren. In anderen Feldern ist möglicherweise eher die intelligente Anwendung als die vollständige Wertschöpfungstiefe die richtige Strategie.
Herr Rückert, welche Rolle spielen Automatisierung und Robotik in diesem Umfeld?
Elmar Rückert: Eine sehr wichtige. Ich sehe uns als Bindeglied in dieser Kette. Viele Unternehmen kommen mit sehr konkreten wirtschaftlichen Fragen: Wie lassen sich Sortierprozesse automatisieren? Welche Robotik ist in Recyclinganwendungen sinnvoll? Wie können komplexe Materialströme effizient gehandhabt werden?

Was braucht es aus Ihrer Sicht aktuell am dringendsten?
Elmar Rückert:Es braucht mehr Förderung von anwendungsorientierter Grundlagenforschung zu Robotik und KI-Methoden. Die Zukunft der Materialwirtschaft hängt nicht nur von neuen Werkstoffen ab, sondern ebenso von der Fähigkeit, Prozesse intelligent und wirtschaftlich zu automatisieren.
Willibald Ehrenhöfer: Ich halte diese Kompetenz für strategisch sehr wichtig. Wir werden vielleicht nicht die großen Serienhersteller von Robotern sein, aber wir können in Spezialanwendungen, bei Prozesswissen und in der intelligenten Nutzung von Technologie sehr stark sein.
Zum Schluss der Blick nach vorne: Wie sieht der Mobilitätsstandort Steiermark im Jahr 2035 aus, wenn alles gelingt?
Werner Ecker:Im Idealfall ist die Steiermark 2035 ein Standort, an dem Materialinnovation deutlich schneller zur Anwendung kommt als heute. Ein Standort, der digitale Methoden in der Materialentwicklung selbstverständlich nutzt und der Kreislaufwirtschaft nicht nur als ökologische Pflicht, sondern als industrielles Geschäftsmodell versteht.
Christa Zengerer:Ich wünsche mir eine Region, die ihre eigenen Innovationen konsequenter in die Nutzung bringt. Mit starken Kooperationen, internationaler Sichtbarkeit und der Fähigkeit, neue Themen nicht nur zu entwickeln, sondern auch in der Breite umzusetzen.
Stefan Seidel: Für die Industrie heißt das: mehr Innovation, mehr Automatisierung, mehr Umsetzungskraft. Dann können wir hochwertige Arbeitsplätze sichern und unsere Position im internationalen Wettbewerb noch weiter ausbauen.
Elmar Rückert: Und es heißt auch: bessere Verzahnung von KI, Robotik und industrieller Praxis. Die technologischen Werkzeuge sind da, jetzt geht es darum, sie systematisch in Wertschöpfung zu übersetzen.
Willibald Ehrenhöfer: Wenn uns das gelingt, dann bleibt die Steiermark nicht nur ein starker Industriestandort, sondern wird zu einer europäischen Leitregion für Materialien, Mobilität und nachhaltige Produktion. Die Voraussetzungen dafür sind da. Jetzt kommt es darauf an, sie entschlossen zu nutzen.
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