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Visionen

Klimaschutz – quo vadis?

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Green

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Macht das Coronavirus unser Handeln klimafreundlicher oder birgt es eine Gefahr für den Umweltschutz in sich? Karl Steininger, stellvertretender Institutsleiter am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel in Graz, hat die Antworten.

Ein kurzes Aufatmen für die Umwelt. Der Himmel strahlend blau ohne Kondensstreifen von Flugzeugen, der Frühverkehr ohne morgendliche Staus und eine Luftqualität, die Klima-Aktivisten in Entzücken versetzt. Aufgrund von Covid-19 und dem damit verbundenen Herunterfahren der Wirtschaft haben sich innerhalb kürzester Zeit umweltrelevante Faktoren, wie zum Beispiel Emissions-Werte, deutlich verbessert. Warum Euphorie aber fehl am Platz ist und was wirklich notwendig wäre, um das Klima nachhaltig zu verbessern, erklärt Volkswirt Karl Steininger, Leiter der Forschungsgruppe „Ökonomik des Klima- und Umweltwandels“ am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel in Graz.

Sinkende Emissionen, sich freuende Klimaschützer – warum könnte diese Freude verfrüht sein?
Unmittelbar ist es erfreulich, wenn die Luftqualität besser wird. Aber Euphorie ist tatsächlich fehl am Platz. Erstens bleibt abzuwarten, was geschieht, wenn sich die Lage nach Abklingen der Corona-Pandemie wieder stabilisiert, und in welcher Weise die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben wieder hochgefahren werden. Zweitens sind im Hinblick auf den Klimawandel auch die Emissionsverringerungen der letzten Wochen praktisch ohne Auswirkungen, weil der Klimawandel ausschließlich von der Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre abhängt – und die sind sehr langlebig.

Wie langlebig?
Der Großteil des Kohlendioxids ist mehr als 100 Jahre in der Atmosphäre. Für einen wirklich nachhaltigen Klimaschutz muss sich mehr tun. Es braucht strukturelle Maßnahmen, um dauerhaft in Richtung Nullemissionen zu gehen – in Österreich, auf europäischer Ebene wie auch global.

Inwiefern könnte Covid-19 trotzdem zum Klimaschutz beitragen?
Die Krise zeigt uns, was uns eigentlich wichtig ist. Darauf könnten wir uns in Zukunft konzentrieren, es umweltverträglich herstellen und alles Unnötige, uns letztlich nur Belastende weglassen. Und wir haben einige neue Verhaltensweisen ausprobiert, das, was wir davon als bereichernd erlebt haben, könnten wir beibehalten, auch mit weniger Verkehr, weniger Konsum.

Welche Rolle spielt die Politik dabei?
Wir haben gesehen, dass in den letzten Wochen vonseiten der Politik Maßnahmen gesetzt wurden, die zuvor undenkbar gewesen wären – und dies beraten durch die Wissenschaft. Das wäre im Klimaschutz so dringend erforderlich. Oder anders formuliert: Klimapolitik braucht Handeln, das uns und unsere Kinder schützt. Die Veränderungen sind viel kleiner als die Corona-Maßnahmen. Wenn wir sie aber nicht treffen – und ich will nicht eine Bedrohung gegen die anderen ausspielen –, muss uns allen bewusst sein: Auch der Klimawandel kostet aktuell schon Menschenleben, ein weiter ungebremster Klimawandel wird in Zukunft noch weit mehr Menschenleben kosten. Es gibt dagegen weder eine Impfung noch Herdenimmunität.

Covid-19
© Shutterstock

Die Politik hat extrem schnell auf Covid-19 reagiert, unter anderem mit großzügigen Konjunkturpaketen und weitreichenden Maßnahmen. Warum war das in diesem Ausmaß bisher nicht für den Klimaschutz möglich?
Es sind zwei Elemente: Covid-19 wird zum einen als unmittelbare Gefahr erlebt. Wenn nicht sofort gehandelt wird, wird es aus den Risikogruppen zusätzliche Sterbefälle geben. Zum anderen macht genau das auch die Überprüfbarkeit des Erfolgs des politischen Handelns in einem ganz kurzen Zeithorizont möglich. Politik kann direkt zeigen, wie sie die eigene Bevölkerung schützt. Klimaschutzmaßnahmen sind demgegenüber nicht nur viel, viel weniger einschneidend, wären also grundsätzlich leichter umzusetzen und haben auch eine Reihe weiterer positiver Folgewirkungen (etwa gerade für die Gesundheit durch in Folge insgesamt weniger Luftschadstoffe). Aber, und das macht die Schwierigkeit aus: Sie nützen ganz besonders erst zukünftigen Generationen, und das weltweit. Die derzeit gelebte Solidarität mit den – überwiegend älteren – Risikogruppen würde es nun für die junge Generation benötigen.

Welche staatlichen Maßnahmen sind notwendig, um den Klimawandel positiv zu beeinflussen?
Es gilt, Anreize zu schaffen, damit wieder mehr regional produziert und damit auch lokale Wertschöpfung generiert wird. Das lässt sich zum Beispiel über Förderungen von Anlagen für eine treibhausgasfreie Produktion erreichen. Weil viele Hersteller solcher Anlagen aus Österreich kommen, könnte man damit sogar zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Insgesamt bieten sich Investitionen in eine klimaneutrale Infrastruktur in den Bereichen Gebäude, Mobilität und Energiesystem an – da liegen die drei großen Potenziale in Österreich. Und letztlich – und damit kommen wir zu jedem von uns – braucht es mehr Bewusstsein für die Vorteile eines nachhaltigen Wirtschaftsstils. Die Politik kann Rahmenbedingungen schaffen, die Experimentierräume für nachhaltiges Handeln fördern, die wir dann füllen – da sind wir alle gefragt.

Von der Notlösung zum Standard – welche aktuell gesetzten Maßnahmen haben Ihrer Meinung nach auch nach der Krise Bestand?
Das bleibt abzuwarten. Arbeiten im Homeoffice, das derzeit in aller Munde ist, wird sicherlich bleiben – und zwar dort, wo beide Seiten, also Arbeitnehmer und Arbeitgeber, damit gute Erfahrungen gemacht haben. Die fortschreitende Digitalisierung macht ja vieles möglich. Virtuelle Besprechungen sind kein Problem mehr. Tools und Anwendungen dafür gibt es in Hülle und Fülle, ich muss mich also nicht mehr zwangsläufig ins Flugzeug oder ins Auto setzen. Weniger Zeit in der Luft oder auf der Straße bedeutet mehr Zeit für andere Dinge. Das ist durchaus ein Gewinn.

„Ein weiter ungebremster Klimawandel wird in Zukunft noch weit mehr Menschenleben kosten. Es gibt dagegen weder eine Impfung noch Herdenimmunität.“

Karl Steininger, Stellvertretender Institutsleiter am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel

Wie nachhaltig könnte die Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft sein?
Ob es allein dadurch wirklich zu einer Transformation kommt, wage ich zu bezweifeln. Der Mensch neigt bekanntlich dazu, schnell zu vergessen. Und ich sehe sogar eine große Gefahr: dass die Soforthilfemaßnahmen zur Abfederung der negativen ökonomischen und sozialen Folgen des Lockdowns den Klimaschutz konterkarieren. Wenn es etwa zu bedingungslosen Finanzhilfen für die Luftfahrtindustrie kommt. Weltweit dürfen Regierungen nicht der Versuchung erliegen, den Klimaschutz erst mal auszusetzen. Was wir also brauchen, ist ein Konjunkturprogramm, das Ökonomie, Ökologie und auch Krisensicherheit vereint. Und nicht Projekte, die nur kurz-fristig Wachstums- und Beschäftigungseffekte haben, gleichzeitig aber emissionsintensiv sind und daher vielfach kontraproduktiv sind, auch ökonomisch, weil sie zum Beispiel Transferzahlungen des Staates für Nicht-Einhaltung der EU-Klimaziele nach sich ziehen.

Komplex vernetzte globale Strukturen – wie schaden diese der Gesellschaft und dem Klima?
Die Corona-Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie stark wir von internationalen Lieferketten abhängig sind und was passiert, wenn sie plötzlich ausfallen. Etwa wenn Medikamente knapp werden, weil ausschließlich in China produziert wird. Diese Verletzlichkeit der Wirtschaft besteht übrigens in gleicher Weise gegenüber den Klimawandelfolgen, die auch Lieferketten unterbrechen. Punkto Klima: Wenn sich nicht mehr so viele Produktionsketten um den halben Globus spannen, sinken auch die Emissionen, die beim Transport anfallen.

Wie schafft die Wirtschaft es, sich von diesen globalen Strukturen wieder zu entfernen?
Tendenzen zur globalen Entflechtung gibt es bereits und sie werden durch Covid-19 weiteren Anschub bekommen. Additive Produktionsverfahren, also 3D-Druck, zum Beispiel. Oder Flow-Chemistry, wodurch Wirkstoffe in kleineren Mengen hergestellt werden können. Ich muss dafür nicht mehr nach Asien gehen.

Ein Blick in die Vergangenheit – kann aus früheren Wirtschaftskrisen gelernt werden?
In der letzten Wirtschaftskrise, der Finanzkrise 2008/09, sind die Emissionen von Treibhausgasen nur sehr kurzfristig gesunken, bereits 2010 war das Emissionsniveau in Österreich wieder auf seinem langfristigen Trend. Man hat damals knapp ein Drittel des Konjunkturpakets prinzipiell in „Zukunftsinvestitionen“ gesteckt, vor allem in Infrastruktur, aber die damals gewählte Ausrichtung hat nicht verhindert, dass die Emissionen in darauffolgenden Jahren sogar angestiegen sind, wir liegen meilenweit von unseren Paris-Verpflichtungen entfernt.

Karl Steininger
© Thomas Luef

Volkswirt Karl Steininger leitet am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel die Forschungsgruppe „Ökonomik des Klima- und Umweltwandels“. Das Center in Graz vereint als interdisziplinäres und international orientiertes Institut der Karl-Franzens-Universität Graz die Kompetenzen der Universität im Forschungsbereich „Klimawandel, Umweltwandel und Globaler Wandel“.

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Welche Gemeinsamkeiten haben die Coronakrise und die Klimakrise?
Beides sind Bedrohungen, die wir ernst nehmen müssen. Die Gefahr, die von Covid-19 ausgeht, ist dabei unmittelbarer und daher wesentlich greifbarer für die Menschen – nicht zuletzt aufgrund der drastischen Gegenmaßnahmen. Das fehlt der Klimakrise, zumindest in dieser Stärke, auch wenn es gerade den jungen Menschen immer bewusster wird, was vor allem für sie da auf dem Spiel steht.

Stichwort „Fridays for Future“?
Ich bin immer tief bewegt, wie umfassend informiert viele in dieser Generation sind – wenn das gleiche Bewusstsein schon an den Schaltstellen unserer Wirtschaft und Gesellschaft angekommen wäre, würde Österreich schon ganz anders aussehen, wären wir auch im Hinblick auf diese langfristig viel größere Bedrohung schon auf einem zukunftsfähigen Pfad.

Wie sehen Sie die Entwicklung Österreichs in puncto Klima- und Umweltschutz im Vergleich zu anderen europäischen Staaten?
In der Europäischen Union insgesamt sind die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 bereits um ein Viertel gesunken, einzelne Länder, wie Schweden, Deutschland oder Großbritannien, haben noch stärker reduziert. In Österreich hingegen liegen wir heute sogar auf einem höheren Emissionsniveau als 1990. Es ist dabei zwar auch anzuerkennen, dass die Emissionen nicht noch viel stärker gestiegen sind, in Österreich ist das vor allem durch den Ausbau von erneuerbaren Energiequellen gelungen, aber es zeigt vor allem auf, wo wir hierzulande riesige Lücken haben: Wir konnten unseren Energieverbrauch pro BIP – also die Energieintensität unserer Wirtschaft – praktisch gar nicht verbessern. Da liegen fast alle anderen Länder in Europa, –meist meilenweit – besser.

Welche alternativen Energien sehen Sie als die zukunftsfähigsten?
Gemessen an ihrer Verfügbarkeit sind es die direkten solaren Technologien, wie insbesondere Photovoltaik. Da würden global 2 Prozent der Wüstenflächen reichen, um den derzeitigen gesamten globalen Energie- (und nicht nur Strom-)Verbrauch zu produzieren. Das ist eine dezentrale Technologie, die die gesamte Organisation unseres Energiemarktes verändern wird. Größte Herausforderung ist die saisonale Schwankung und die Einbettung mit anderen Erneuerbaren, deren Angebot auch schwankt, wie Wind. Technisch ist Photovoltaik einfach, sie hat keine beweglichen Teile, ist also auch wartungsarm und mittlerweile auch sehr kostengünstig verfügbar.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für die Zukunft?
Dass wir uns der Klimaentwicklung wirklich bewusst sind und nicht sagen: „Wir haben jetzt andere Sorgen.“ Das könnte fatal enden. Daher sind wir gut beraten, weiterhin an der Stärkung der Zukunftsfähigkeit von Wirtschaft und Gesellschaft zu arbeiten und an den entsprechenden Maßnahmen, die vor Ausbruch der Krise geplant worden sind, festzuhalten. Das Regierungsprogramm sieht ja Investitionen für nachhaltige Mobilität und eine zielorientierte Umgestaltung des Energiesystems vor. Das müssen zentrale Elemente eines „Corona“-Konjunkturprogramms sein. Sonst befeuern wir mit einem als „Hilfsprogramm“ bezeichneten Paket bereits die nächste – und größere – Krise.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?
Menschen, die die Entwicklung Österreichs steuern, mögen persönlich erleben und verinnerlichen können, wie sehr wir durch unseren bisherigen Wirtschaftsstil unsere eigenen Lebensgrundlagen zerstören, und dann bei ihren Entscheidungen ihren Kindern in die Augen sehen.

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