Trends
Zukunft entsteht im Hier & Jetzt
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Welche Trends unser Leben in den kommenden Jahren bestimmen und was es braucht, um darauf zu reagieren, wollten wir von Trendforscher Harry Gatterer wissen. Seine Botschaft: Die Zukunft ist kein Zufall – und Glaskugeln helfen nicht weiter.
Die Zukunft hat derzeit keinen einfachen Stand. Wer die Zeitung aufschlägt, liest von Krisen und Kriegen, von Unsicherheiten und ungelösten Konflikten. Der Blick nach vorne ist oft von Sorge geprägt, eine zuversichtliche Grundhaltung scheint zur Ausnahme zu werden. Zugleich war es selten so wichtig wie heute, Zukunft nicht nur als etwas zu verstehen, das auf uns zukommt, sondern als etwas, das wir gestalten können. Harry Gatterer beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie Veränderungen unsere Gesellschaft prägen und welche Konsequenzen sie mit sich bringen. Der Trendforscher ist CEO des Zukunftsinstituts und einer der führenden Experten für Trends und Zukunftskompetenz. In seiner Arbeit verknüpft er gesellschaftliche Entwicklungen mit unternehmerischen Entscheidungen und begleitet Führungskräfte sowie Organisationen dabei, Zukunft aktiv zu gestalten.
Im Interview blickt er für uns auf das Jahr 2026, spricht über Megatrends jenseits der üblichen Schlagworte und die Verantwortung, die wir selbst für unsere Zukunft tragen.
BUSINESS MONAT: Herr Gatterer, haben Sie heute schon einen Blick in die Zukunft geworfen?
Harry Gatterer: Ja klar, ich mache das beruflich (lacht)! Aber im Ernst: Zukunft entsteht nicht irgendwo da draußen, sondern im Hier und Jetzt – in dem, womit wir uns heute beschäftigen.
Und was konnten Sie da sehen – zum Beispiel für das neue Jahr 2026?
Heute habe ich mit dem Zukunftsreport des Zukunftsinstituts gearbeitet – darin finden sich auch Themen, die wir sonst gerne ausblenden: Sicherheit zum Beispiel, ein wachsender Megatrend mit ernst zu nehmenden Folgen für Europa. Die „Guardification“ etwa, also den verstärkten Sicherheitsfokus auch in zivilen Bereichen, werden wir im Alltag immer deutlicher spüren. Aber es gibt auch extrem motivierende Entwicklungen wie „Exponential Me“ – so nennen wir ein Phänomen, das zeigt, dass wir unsere Zukunft vor allem selbst gestalten können. Sie ist kein Schicksal, dem wir ausgeliefert sind, sondern ein offener Gestaltungsraum.
Welche Entwicklungen werden das kommende Jahr sonst noch prägen?
Eine Entwicklung, die ich neben der künstlichen Intelligenz beobachte, ist das Thema Alter. Wir werden als Gesellschaft älter, und das wird mit jedem Jahr spürbarer. Diese Verschiebung prägt nahezu alle Lebensbereiche – von der Arbeitswelt über das Gesundheitssystem bis hin zum Verkehrswesen: Durch die Verschiebung der Altersstrukturen werden Rush Hours entzerrt und die Verwendung der Öffis wird sich noch mehr über den Tag verteilen.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Frage, wie wir lernen. Hier erleben wir gerade einen fundamentalen Wandel: weg vom bloßen Konsumieren von Wissen, hin zur Anwendung. Wir lernen pragmatischer, im Tun, nicht im Seminarraum. In Schulen verläuft diese Veränderung naturgemäß langsamer, doch in der Erwachsenenbildung – auf Konferenzen, in Trainings – entstehen völlig neue Lernpfade. Für Unternehmen wird es wieder ein herausforderndes Jahr. Die Kaufkraft entwickelt sich vielerorts seitwärts oder abwärts, gerade in Kernmärkten wie Deutschland. Aber es gibt auch eine positive Seite: Die Frage „Was ist wirklich wichtig im Leben?“ wird an Bedeutung gewinnen. Ich sehe darin eine große Chance unserer Zeit.

Welche Zukunftskompetenzen halten Sie für entscheidend?
Erstens: den souveränen Umgang mit Komplexität. Wir leben in informationsüberfluteten Zeiten. Es geht darum, aus diesem Zuviel jene Schlüsse zu ziehen, die privat wie beruflich tragfähig sind.
Zweitens: die bewusste Rückbesinnung auf das, was einem selbst wichtig ist. Und das meine ich nicht im Sinne von Egoismus, im Gegenteil: Das „Wir“ wird an Bedeutung gewinnen.
Drittens:Lern- und Adaptionsfähigkeit. Sich auf unerwartete, vielleicht auch ungewollte Entwicklungen einzulassen, ohne sich selbst dabei zu verlieren, wird wichtiger denn je. Deshalb braucht es neben tiefer Spezialisierung auch ein solides Allrounder-Verständnis. Und ja, Technologiekompetenz ist essenziell – oder besser gesagt: die Freude daran, mit Technologie umzugehen. Damit wir eben nicht zu Opfern von KI werden, sondern mit ihrer Hilfe unsere Welt konstruktiv gestalten.
Aber am allermeisten braucht es das Lächeln. Klingt vielleicht pathetisch, ist aber ganz praktisch gemeint: Wenn Sie heute in ein Meeting gehen, bei dem alle angespannt und verkrampft sind – was kommt dabei raus? Meistens Schuldzuweisungen und Absicherung. Wenn Sie aber mit Menschen arbeiten, die entspannt genug sind, um auch mal zu lächeln, dann entsteht Raum für echte Verantwortung, für Empathie und ehrliche Zusammenarbeit.
Zurück zum Thema Trends: Wie definieren Sie als Experte überhaupt einen Trend?
Ein Trend ist eine empirisch belegbare Veränderung, die sich beobachten und beschreiben lässt. Veränderungen in unserem Umfeld haben immer – direkt oder indirekt – einen Einfluss auf uns. Ein Beispiel ist der Trend „Mental Health“, den wir seit Jahren beobachten: Immer mehr Menschen, insbesondere junge, haben mentale Probleme. Das wirkt sich auf das Alltagsleben aus, auf Jobs wie Psychotherapeut:innen, deren Anzahl zunimmt, aber auch auf die Nutzung von KI, die immer mehr als persönlicher Coach angewandt wird. Es wirkt sich auf die Bildung, Erziehung und letztlich auf die Politik aus. Wir sehen: Belastbar erhobene Trends zeigen reale Veränderungen – und damit Kräfte, die unser Leben prägen. Natürlich betrifft nicht jeder Trend auch alle Menschen. Eine der zentralen Aufgaben in unserer Arbeit ist es deshalb, für unsere Kund:innen jene Trends zu identifizieren, die die größte Relevanz für deren Zukunft haben.
„Am allermeisten braucht es das Lächeln. Es schafft Raum für Empathie und ehrliche Zusammenarbeit.“
Haben Sie sich schon immer gerne mit der Zukunft befasst?
Ich bin sehr neugierig und will wissen, wie die Welt funktioniert. Die Zukunft ist dabei eine wunderbare Bühne, die es uns erlaubt, jenseits des Alltäglichen zu denken. Der Rest ist Handwerk. In den letzten Jahren habe ich mit meinem Team vor allem daran gearbeitet, die Zukunftsforschung seriöser zu machen. Fundierte Forschungsdesigns und überprüfbare Ergebnisse stehen im Zentrum. Auch dahin hat mich die Neugierde geführt, nämlich zur Frage: Wie kann man Zukunft aktiv gestalten?
Wie lernt man, die Zukunft vorauszusagen?
Es ist vor allem ein Erkennen von Mustern in größeren Zusammenhängen – wir nennen sie Megatrends. Diese Muster beschreiben große Cluster von Veränderungen. Weil sie so groß sind, wirken sie auch über lange Zeiträume. Dieses Handwerk durfte ich durch meine inzwischen über 20-jährige Zusammenarbeit mit herausragenden Wissenschaftler:innen erlernen. Mittlerweile präge ich mit der systemischen Zukunftsforschung die Disziplin selbst mit. Denn es geht längst darum, Muster in hochkomplexen Gemengelagen zu erkennen – dafür braucht es völlig neue Werkzeuge. Die haben wir im Zukunftsinstitut über die Jahre entwickelt, erprobt und geben sie mittlerweile auch in Kursen weiter.
Wie sehen diese Werkzeuge konkret aus, mit denen Sie Megatrends identifizieren?
Empirische Trendforschung beginnt immer mit Daten. Die sammeln wir als sogenannte „Wide Data“ auf Basis einer Datenmatrix. Darin verknüpfen wir Entwicklungen aus Wirtschaft, Politik, Gemeinschaft und Legitimation. Die erhobenen Daten reflektieren wir mit Expert:innen, verdichten sie in Codifizierungsverfahren und Netzwerkanalysen. Das klingt kompliziert – und ist es auch. Vor allem aber ist diese Vorgehensweise belastbar. Ich mag diese manchmal etwas oberflächliche Guru-Kultur nicht, die es in der Trendforschung teilweise noch gibt. Es geht nicht um Personen, die etwas angeblich besser sehen, sondern um nachvollziehbares Handwerk.
Sind Sie mit Ihren Prognosen auch schon mal gründlich falschgelegen?
Prognosen sind nicht mein Geschäft. Mir geht es darum, Veränderungen wahrnehmbar zu machen. Und darum, Zukunft aktiv zu gestalten. Im Future Management leiten wir aus diesen Trends konkrete Strategien ab, indem wir die Trends mit dem Entwicklungspotenzial einer Organisation koppeln. Dass man dabei danebenliegen kann, liegt in der Natur der Sache. Rückwirkend betrachtet haben wir als Team vielfach dazu beigetragen, für unsere Kund:innen Zukunft zu gestalten. Sonst würden wir nicht für Organisationen wie den FC Bayern München oder den Fensterhersteller Internorm arbeiten.
Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie an die nächsten Jahre denken?
Als Menschen entwickeln wir die Zukunft. Wenn wir lernen, mit dem umzugehen, was uns umgibt, erkennen wir Handlungsräume, die wir im Blindflug des Alltäglichen nicht mehr gesehen haben. Der Ausblick ist aus meiner Sicht gar nicht so schlecht – wenn wir aktiv und kons-truktiv an der Zukunft arbeiten. Wenn wir sie den anderen überlassen und nur hoffen, dass es besser wird, kann es schon sein, dass es düster aussieht. Aber ich bin überzeugt, dass wir in Europa die Zukunft wieder als Raum der Freude und Gestaltung entdecken werden.
Welchen Trend wünschen Sie sich für 2026?
Dass unsere Kinder einen siebten Sinn für Fake News entwickeln. Und das ist durchaus realistisch – wenn auch vielleicht noch nicht bis 2026. Deshalb wünsche ich es mir umso mehr! Wahrheit von Manipulation zu unterscheiden, wird eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen sein. Wenn die nächste Generation das beherrscht, sind wir schon einen großen Schritt weiter.






