Weg vom Klein-klein
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Globale Energiepolitik - ein Treppenwitz in der neueren Geschichte? Karl Rose im Gespräch mit Daniela Müller (BUSSINESS MONAT). © Thomas Luef
Kaum jemand in Österreich hat die weltweite Energiepolitik im Blick wie Karl Rose. Im Gespräch mit dem BUSINESS MONAT kritisierte er die globalen Energiestrategien, die sich in politischen Teilinteressen verlieren, und erklärte, wie ein durchdachter Plan Migration abschwächen und arme Länder stärken könnte.
Das Große hat den gebürtigen Grazer Karl Rose schon immer fasziniert. Er studierte an der Montanuniverstität Erdölwissenschaften, arbeitete bei den Big Playern im Ölgeschäft, Shell London und Royal Dutch. Seit wenigen Jahren ist er Chefstratege der Abu Dhabi National Oil Company und auch Mitglied des Aufsichtsrats der OMV und der Energie Steiermark. Als ein langjähriger Direktor des Weltenergierates in London verfügt er über eine umfassende Expertise in puncto Energiepolitik.
Herr Rose, ist eine globale Energiepolitik denkbar?
Rose: Eher nicht, dazu sind die Gegebenheiten zu verschieden. Es gibt globale Herausforderungen und Ziele, aber ich denke, es wird eher regionale oder nationale Lösungen geben müssen. Ich sähe es sogar als großen Fehler, globale Lösungen herbeiführen zu wollen.
Inwiefern?
Gesetzt den Fall, wir würden zurzeit weltweit auf Elektromobilität umstellen, wäre das eine ökologische Katastrophe, weil die Stromerzeugung global zu fast 80 Prozent über fossile Energieträger läuft. In Österreich und ein paar anderen Ländern wie Norwegen, Schweden, Frankreich, ist es hingegen denkbar, zu sagen, wir erzeugen den gesamten Strom für die E-Mobilität aus Erneuerbaren oder zumindest CO2-frei mithilfe von Nuklearenergie.
Deutschland hatte nach Fukushima ja ambitionierte Pläne, wir wissen, dass uns der Klimawandel zum Handeln zwingt. Aber bei der Umsetzung der Energiewende gibt es schon noch gewaltige Defizite.
Der globalen Energieindustrie werfe ich vor, dass sie zwar die Technologien und das Wissen hätte, um viele Probleme zu lösen, sie aber nur zögernd oder gar nicht an einem Dialog teilnimmt. Die Politik macht den Fehler, die Unternehmen bei Lösungen nicht mehr in die Pflicht zu nehmen. Sie droht mit Ordnungspolitik, anstatt zu sagen: Ihr habt das Können und die praktische Erfahrung, die wir brauchen, helft uns also bitte. Wir könnten in Österreich eine ausgewogene und gute Energiestrategie haben, aber worüber reden wir? Über Förderungen, getrieben von partikularen Interessen einzelner Gruppen, wie der Landwirtschaft oder anderer Lobbyisten. Zudem fehlen in der Politik Energieexperten aus dem Bereich der Umsetzung wirklich großer Infastrukturprojekte. Von den Experten, die für Studien als Berater beigezogen werden, ist selten einer dabei, der ein Kraftwerk gebaut oder an großen Energieprojekten mitgewirkt hat.
Ist schon einmal jemand aus der Politik an Sie herangetreten, um Ihre Meinung einzuholen?
Das Wirtschaftsministerium ein paar Mal und solche, die persönliche Freunde von mir sind. Ich war jahrelang Direktor im Weltenergierat, aber dieses Wissen von draußen in der Welt hat bei uns eigentlich niemanden interessiert. In Österreich hat man Interesse an Österreich und an Europa, weil in Brüssel Gesetze gemacht werden. Das war’s dann schon.
Weil der Prophet im eigenen Land nichts zählt?
Ich denke, das Wissen über globale Energiepolitik hat wenig Abnehmer in Österreich. Ich hatte nicht nur einmal den Impuls, aus Österreich wegzugehen, wenn es hier nicht so schön wäre (lacht). Ich hoffe, dass mit Kurz eine Politikergeneration nachkommt, die wirklich verändern will.
Merkel wollte auch verändern.
Angela Merkel hat in ihrer Amtszeit zwei große Fehler gemacht, beide aus einer emotionalen Situation heraus, und zwar in der Flüchtlingspolitik und bei der Energiewende. Wer innerhalb von zwei Tagen postuliert, er werde aus der Nuklearkraft aussteigen, hat das nicht durchgerechnet. Die Entscheidung war insofern falsch, weil Deutschland noch immer so viel Kohle im System und auf der anderen Seite die sichersten Reaktoren in Europa hat.
Was hätten Sie geraten?
Erst aus der Kohle auszusteigen. Europaweit gesehen sollte man die deutschen Kraftwerke so lange am Netz lassen, bis die kritischen in Tschechien, der Slowakei und Slowenien abgeschaltet sind. Aber hier sind nationale Grenzen im Wege. Das wäre ein Bereich für die Europapolitik gewesen, das System europaweit anzuschauen. Und zwar ganz pragmatisch.
„Wenn Wetterextremene für noch mehr Schäden und Tote sorgen, werden Regierungen unter schweren Handlungsdruck kommen.“
Wie sehen Sie das Handeln der Regierungen generell?
Das Grundproblem der Politik ist ein bekanntes: Sie reagiert kurzfristig emotional und auf die Wählerschaft fokussiert. So gesehen gibt es auch kaum Bemühungen, Themen wie Energie generationsübergreifend zu betrachten. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Nationen wie die USA Kriege anfangen, ohne sich vorher überlegt zu haben, wie die Situation sein soll, wenn der Krieg gewonnen ist.
Ist der Gesellschaft das Thema Energie egal?
Ganz im Gegenteil. Wir sehen aktuell, dass junge Menschen auf die Straße gehen, da ist zumindest Bewusstsein vorhanden. Wenn sie dann mit Pappbechern auf dem Heldenplatz sitzen, mit ihren stromfressenden Handys Selfies schießen und von Mamas SUV von der Klimaschutzdemo abgeholt werden, sieht das schon anders aus. Hier sieht man den Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Laut globalen Energie- szenarien wird sich etwa der Stromverbrauch bis 2050 verdoppeln. Technologisch könnte das Energieproblem meiner Meinung nach gelöst werden, es ist aber ein generationenübergreifendes Thema. Und global gesehen wird es noch schwieriger: Wenn wir wollen, dass Schwellenländer auf Kohle verzichten, werden wir diese Länder auch finanziell unterstützen müssen. Erklären Sie das mal lokal den Wählern.
Wie sehen das Politiker in Schwellenländern?
Ich habe während meiner Zeit im Weltenergierat schon mit einigen indischen Ministern geredet. Dort wird weiterhin viel schmutzige Kohle verbrannt, auch wenn die öffentliche Meinung Richtung erneuerbare Zukunft tendiert. In Indien argumentiert man zum Beispiel in Richtung Westen gemeinhin so: „Ihr hattet eure industrielle Revolution, wir haben 300 Millionen Menschen in die Mittelklasse gehoben, darauf warten jetzt weitere 400 Millionen, sie alle wollen Autos und Wohnungen. Nun ist unsere Zeit gekommen.“ In China ist es ähnlich. Hier hat die wirtschaftliche Entwicklung Vorrang. Und was machen wir in Europa? Wir feiern China als neuen Partner gegen den Klimawandel, im Gegensatz zur USA unter Donald Trump.
Sie glauben also nicht an die Bemühungen Chinas, „grün“ werden zu wollen?
Nicht wirklich. Die Luft in Peking könnte mit überschaubaren Investitionen sauber gemacht werden, wie es auch in London möglich war, doch das passiert nicht. China sieht das vielleicht als Chance, um seine Technik zu verkaufen, altruistisch gesehen wird es eher nicht zu großen Vorreitern in der Klimasache. Abgesehen davon dürfte China massiv Kohle im System haben und auch nutzen, da die wirtschaftliche Entwicklung absolute Priorität hat.
Das alles klingt wenig optimistisch.
Ich bin grundsätzlich Optimist, ich glaube nicht, dass wir einer Katastrophe entgegengehen, dass Regionen oder Städte unbewohnbar werden. Es wird politischer und sozialer Druck aufgebaut werden, spätestens dann, wenn extreme Wetterphänomene für noch mehr Schäden sorgen und auch Menschenleben kosten. Ich glaube, dann werden in Demokratien Regierungen unter schwerem Handlungsdruck stehen. Im Moment diskutieren wir noch über Stickoxide und Fahrverbote in deutschen Städten, während etwa die deutsche Regierung die Regulierung von Containerschiffen auf europäischer Ebene erschwert hat, deren etwa 400 größte mehr Stickoxide ausstoßen als eine Milliarde Autos.
Geht man in den Vereinigten Arabischen Emiraten anders mit dem Energiethema um? Dort lagern ja angeblich zehn Prozent des weltweiten Erdölvorkommens.
In den VAE ist das Einkommen aus den Erdölvorkommen zurzeit der wichtigste Wirtschaftszweig. Und vielleicht gerade deswegen macht man sich sehr viele Gedanken über die Energiewende und die langfristigen Folgen für das Staatseinkommen. Masdar City, eine Stadt, deren Energie zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen rührt, entstand auf direkte Anweisung der Regierung und ist Standort von Irena, der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien. Hier wird massiv in neue Technologien investiert, um für die Zeit nach der Energiewende gerüstet zu sein.
Sie sagten einmal, dass bis 2060 die Energiewende bewerkstelligt sein könnte. Wie?
In Österreich ist das durchaus möglich. Wir haben im Strombereich schon 70, 80 Prozent erneuerbare Energie. Wir werden noch länger das eine oder andere Gaskraftwerk brauchen, zum Beispiel Mellach, um das Netz zu stützen. Langfristig können wir diese Netzstützung auch erneuerbar herstellen, zum Beispiel mit synthetischem Gas oder Wasserstoff. Für mich ist Gas eine wichtige Brückentechnologie in die erneuerbare Zukunft, nur wird das sehr oft aus ideologischen Gründen verworfen. Für mich ist der Ausstieg aus der Kohle global das wichtigste Ziel. In Australien beispielsweise kippt man den Kohlestaub, der bei der Gewinnung entsteht, ins Great Barrier Reef, das ist eine Riesensauerei.

Strom über Erneuerbare in Österreich zu gewinnen, scheint kein Problem zu sein, wie sieht es mit Wärme und Transport aus?
Grob gesprochen entfällt auf Strom, Wärme und Transport je ein Drittel. Die Probleme sind Wärme und Transport. Letzteres sollte man von Stadt zu Stadt lösen, nicht überall können Radhighways gebaut werden. Im Schwerlastverkehr, würde ich sagen, den Dieseltank gegen Gas austauschen, da kommen wir schon von Stickoxiden und Feinstaub weg. Bei der Wärme bräuchte es für die Häuslbauer am Land einen Anreiz, ihre alten Ölheizungen gegen Biomasse zu ersetzen. Von zentralen Biomasseanlagen würde ich abraten. Überlegen Sie, aus welchem Umkreis die Biomasse kommen müsste, um eine Stadt wie Graz zu versorgen. Da stimmt die Bilanz nicht mehr. Wir müssten uns vielmehr überlegen, wie man bei der Wärme Schritt für Schritt zu einer Verbesserung kommt, und das ohne Ideologieschranken im Kopf. Nur mehr Wind und Sonne, das funktioniert bei der Wärme ohne Speicherung nicht.
Welche Rolle spielt die Digitalisierung?
Die ist sowohl Chance als auch Herausforderung, nehmen Sie den Energieverbrauch des Internets, der bereits höher ist als der für den gesamten Luftverkehr. Und wenn das Hunderte Millionen Inder oder Chinesen auch tun wollen, was, glauben Sie, bedeutet das für den Energieverbrauch?
Das Projekt Desertec ist ja gestorben. Wäre es keine gute Idee gewesen, Strom aus der Wüste zu produzieren?
Dieses Projekt habe ich immer sehr kritisch gesehen. Zehn Prozent des europäischen Stromes hätten über zwei Leitungen aus Nordafrika kommen sollen. Aber wer will von Algerien, Libyen oder Marokko abhängig sein, wenn es keine Möglichkeit der Speicherung gibt? Hierbei wurde immer wieder argumentiert, dass wir ja auch von ölfördernden Ländern abhängig sind. Doch OECD-Länder haben seit der Ölkrise 1973 strategische Öl- und Gasreserven für zwei bis drei Jahre. Ein weiterer Denkfehler des Projektes war es, dass der Strom nicht in den Norden, sondern in den Süden hätte fließen sollen. Es wäre besser gewesen, in Afrika zu investieren, Jobs zu sichern und die Situation dort lebenswerter zu machen. Doch in Afrika ist nun einmal die Konsumentenklasse, die sich keinen Strom leisten kann, da ist das wirtschaftliche Interesse für Investments sehr gering.
Eine bessere Energieversorgung also auch zur Fluchtvorbeugung?
Ganz sicher. Wir müssen vor Ort in Wirtschaftsentwicklung investieren und meiner Erfahrung nach vor allem Frauen als Wirtschaftstreibende unterstützen, etwa mit Mikrokrediten. In Ruanda gab es einen großen Wirtschaftsaufschwung, nachdem viele Frauen nach dem Genozid und dem Tod vieler Männer mehr Teilhabe in Wirtschaft und Politik erlangt haben. Leider sind in Afrika Korruption und Verteilungskämpfe noch immer groß. Wir sollten darum endlich die Entwicklungshilfe überdenken und Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Anstatt gut gemeint Kliniken mit Solaranlagen zu bauen, obwohl es im Umkreis von Hunderten Kilometern keinen Elektriker gibt, sollten wir afrikagerechte Lösungen finden. Ein Beispiel ist die Barefootadacemy, bei der sehr oft analphabetische afrikanische Großmütter in Indien ausgebildet werden, in Afrika Solaranlagen zu reparieren. Warum Großmütter? Weil die im Gegensatz zu jungen Männern in den Dörfern bleiben und nicht in die Städte ziehen.
Letzte Frage: Geht uns jetzt das Öl aus oder nicht?
Nein, auch wenn das medial immer wieder kolportiert wurde. Mich hat während meiner Zeit bei Royal Dutch, als das Thema aktuell war, kein Journalist angerufen und dazu befragt. Als ich das einmal öffentlich sagte, meinte ein Journalist: Hätten Sie uns die Wahrheit gesagt?
Das würde ich mich auch fragen.
Natürlich, was glauben Sie denn. Wie der Schelm denkt, so ist er, oder? (lacht)
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