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Auf Mut bauen

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Alexander Passer © TU Graz/Lunghammer

Alexander Passer, Inhaber der neuen Professur „Nachhaltiges Bauen“ an der TU Graz © TU Graz/Lunghammer

Der Bausektor gilt als großer Einzelverursacher von Treibhausgasen. Wie man dem entgegenwirken kann und vor allem muss, weiß Alexander Passer, Inhaber der neuen Professur „Nachhaltiges Bauen“ an der TU Graz.

Rund 40 Prozent des EU-weiten Energieverbrauchs und etwa 36 Prozent der CO2-Emissionen können dem Bausektor zugerechnet werden. Gebäude und Infrastrukturbauwerke sind damit erwiesenermaßen die größten Einzelverursacher von Treibhausgasen. Einer, der es sich zum Ziel gesetzt hat, diesen Negativ-Trend zu verändern, ist der steirische Bauingenieur Alexander Passer. Ein Experte, dessen Lebenslauf die Leidenschaft aufzeigt, mit der er sich dem Thema Klimaschutz verschrieben hat. Passer leitet unter anderem die „Arbeitsgruppe Nachhaltiges Bauen“ an der TU Graz, ist wissenschaftlicher Leiter des Universitätslehrgangs „Nachhaltiges Bauen“ von TU Graz und TU Wien sowie Vorstandsmitglied des Climate Change Centre Austria (CCCA). Kürzlich wurde er als wissenschaftlicher Berater für den Bereich Bauwesen in den vom BMK eingesetzten „Klimarat der Bürgerinnen und Bürger“ nominiert. Und mit der im Jänner 2022 gestarteten Stiftungsprofessur „Nachhaltiges Bauen“ an der TU Graz widmet sich der Bauingenieur nun noch intensiver den Schwerpunktthemen Klimaneutralität im Bauwesen, der Modellierung des Gebäudelebenszyklus und Methoden der lebenszyklusbasierten Nachhaltigkeitsbewertung.

Alexander Passer
„Der Bausektor birgt als großer Einzelverursacher von Treibhausgasen enormes Potenzial im Kampf gegen die Klimakrise.“ Alexander Passer © TU Graz/Lunghammer

Herr Passer, was ist das Ziel derneuen Stiftungsprofessur?
Im Fokus stehen die lebenszyklusbasierte Nachhaltigkeitsbewertung sowie emissionsarme, klimarobuste Bauweisen, die in Forschung und Lehre implementiert werden sollen. Stifter ist der Fachverband der Stein- und keramischen Industrie.

Die Baustoff- und Bauindustrie ist prinzipiell nicht für ihre Innovationskraft bekannt.
Ja, die Baustoff- und Bauindustrie zählt zu den Branchen mit der geringsten F&E-Quote. Die Stiftungsprofessur ist aber einer der Schritte, die zeigten, dass die Industrie im Wandel ist. Die Handlungsbereitschaft, wirklich etwas zu verändern, ist da.

Warum ist es hinsichtlich des Klimawandels gerade so wichtig, im Baubereich anzusetzen?
Der Bausektor birgt als großer Einzelverursacher von Treibhausgasen enormes Potenzial im Kampf gegen die Klimakrise.

Werfen wir einen Blick zurück. Wie hat sich in den letzten Jahren, Jahrzehnten das Denken rund um nachhaltiges Bauen verändert?
Nach den beiden Weltkriegen hat man aufgrund der Ressourcenknappheit sehr ressourceneffizient gebaut. Mit dem Aufschwung der Wirtschaft ist das verloren gegangen. Erst mit der ersten Erdölkrise in den 70er-Jahren ist das Bewusstsein wiederentdeckt worden. Seitdem hat man kontinuierlich versucht, die Betriebsenergie von Gebäuden zu verringern. Heute zählen Niedrig- und Niedrigstenergiegebäude schon zum Standard. Das Thema Energie haben wir also gut im Griff. Jetzt gilt es, weiterzudenken.

In welche Richtung?
Der Fokus muss sich jetzt hin zur Materialität von Gebäuden richten – die sogenannte Graue Energie, die in den Baustoffen drinnensteckt. Das heißt: die gesamte Energie, die vom Gewinnen von Materialien über den Transport von Menschen, Maschinen und Bauteilen zur Baustelle bis schlussendlich zur Entsorgung des Gebäudes aufgewandt werden muss. Dieser Lebenszyklusgedanke ist neu. In der Überarbeitung der Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden wird es erstmals dazu Vorschriften geben.

Welche Vorschriften sind vorgesehen?
Zum Beispiel, dass neue Gebäude klimaneutral sein müssen – die öffentlichen schon ab 2027, die restlichen Gebäude ab 2030. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum klimaneutralen Kontinent.

Die Wahl der Baumaterialien ist eine heiß geführte Diskussion – gibt es nun wirklich ein Baumaterial, das am nachhaltigsten ist?
Meiner Meinung nach stellt sich die – meist sehr stark medial geführte – Frage „Was ist besser, was ist schlechter?“ in der reellen Bauwirtschaft oft gar nicht. Gerade in Mitteleuropa haben wir gut etablierte Baumethoden und viele lokale Ressourcen. Man sollte grundsätzlich einfach mitdenken: Woher kommt das Material, wie wird es verwendet und kann ich es wiederverwenden? Deshalb muss man die Wahl der Baumaterialien immer im jeweiligen Kontext sehen.

Wie bewerten Sie den Status quo in puncto Nachhaltigkeit im Wohnbau?
Das Gute ist: Photovoltaik und Co. sind angekommen. Plusenergiesanierungen oder Plusenergieverbund zählen aber noch eher zu einem Minderheitenprogramm. Es ist zu beobachten, dass der Mut bei innovativen Forschungsprojekten da ist. Wenn ich aber viele der aktuell entstehenden Gebäude in Graz ansehe, vermisse ich diesen Mut. Da werden die Gesetzesvorgaben erfüllt, darüber hinaus passiert nichts.

Sie würden sich also mehr Mut wünschen?
Ich weiß nicht, ob ich es mir nur wünschen darf. Wenn ich mir den aktuellen Sachstandsbericht des Weltklimarates anschaue, dann geht uns einfach die Zeit aus. Wir haben 300 bis 500 Gigatonnen an CO2, die wir noch emittieren dürfen – egal ob aus biogenen oder fossilen Quellen. Schätzungen zufolge ist in sieben bis zwölf Jahren unser CO2-Budget verbraucht. Daher müssen wir so schnell wie möglich auf die Klimaneutralität hinarbeiten, sonst ist das 1,5-Grad-Ziel beziehungsweise das 2-Grad-Ziel nicht mehr erreichbar. Das hätte Schäden zur Folge, die uns unendlich viel mehr Geld kosten, als wenn wir jetzt schauen würden, dass wir unsere Emissionen reduzieren.

Sie sagen, dass Österreich besonders von den Klimafolgen betroffen sein wird.
Bei einer globalen Erwärmung von 1,1 Grad sind wir in Österreich aufgrund der kontinentalen Situation doppelt so stark betroffen. Dies hätte exorbitante Auswirkungen auf die Vegetation, Niederschläge und vieles mehr.

Inwiefern müssen wir also umdenken?
Neben der Vermeidung des Klimawandels müssen wir die Anpassung an mögliche Folgen schon heute mitbedenken – also 2050-ready bauen. Das heißt, wir sollten in Bauvorschriften und Normen diese Szenarien jetzt schon berücksichtigen und Gebäude so bauen, dass sie für das Klima 2050 oder sogar 2100 fit sind.

Wie müsste man dafür bauen?
Sie brauchen nur einige 100 Kilometer in den Süden schauen, um zu wissen, wie unsere Sommer in Zukunft sein werden. Altbau-Gebäude sind eigentlich gute Beispiele für nachhaltiges Bauen – kleine Fenster, wenige transparente Fassaden, Jalousien, Dachüberstand. Moderne Bauweisen mit ihren großen Glasflächen sind vielleicht ästhetisch zum Anschauen, nachhaltig sind sie aber nicht.

Gibt es Best-Practice-Beispiele aus dem internationalen Bereich?
Länder, die gerne als Vorreiter genannt werden, sind die Beneluxländer. Diese haben relativ wenig natürliche Ressourcen, deshalb hat dort die Tradition der Kreislaufwirtschaft einen extrem hohen Stellenwert. Im skandinavischen Bereich wird stark auf Holzbau gesetzt. Dort gibt es auch schon lange Großsolaranlagen, wo man bei uns heute noch diskutiert, ob das überhaupt sinnvoll ist oder nicht.

Einen Appell zum Abschluss?
Sowohl bei der Politik als auch bei anderen Institutionen fehlt mir oftmals noch die Ernsthaftigkeit. Wir müssen diese aber endlich erkennen, da die Bedeutung einfach viel zu groß ist. Denn wenn wir die Natur zerstören, nehmen wir uns damit unsere eigene Lebensgrundlage.

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