Avatare in der Megacity
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Die Bionikerin und Nano-Physikerin Ille Gebeshuber skizziert in einer Art Science-Vision, wie die auf unter eine Milliarde geschrumpfte Menschheit in 100 bis 200 Jahren leben wird: In Megacitys entflieht der Großteil der Menschen in virtuelle Träume, versorgt von vollautomatisierten Agrofabriken. Vieles klingt fantastisch und ist doch möglich.
Die Städte der Zukunft unterscheiden sich sehr von den Städten des 21. Jahrhunderts. Makellose Sauberkeit und Modernität kontrastieren noch krasser als heute mit dem weiträumigen Verfall nicht mehr gebrauchter Stadtteile“, kontrastiert die in Kindberg aufgewachsene und in Wien an der TU Wien lehrende Bionikerin und Nano-Physikerin Ille Gebeshuber in ihrer Buch gewordenen Zukunftsvision „Eine kurze Geschichte der Zukunft. Und wie wir sie weiterschreiben“.
Man denkt als Leser sofort an die heruntergekommene und teils entvölkerte Autostadt Detroit in den USA. Die Menschen der Zukunft werden überwiegend in Megacitys leben. „In der Stadt von 2100 werden die Menschen diesen Verfall nicht als störend empfinden“, meint die Autorin, „da sich diese Verfallsgebiete erneuern oder in Grüngebiete verwandelt werden. Die ländlichen Gebiete werden sich weitgehend entvölkern, abgesehen von kleinen vernetzten dörflichen Gemeinschaften.“
Von luxuriösen Zentren …
Gebeshuber entwirft in ihrem Buch kein streng wissenschaftliches Szenario der Zukunft. Sie geht von ihren tiefen Einblicken in Naturprozesse aus und denkt gegenwärtige Forschungsergebnisse weiter. Ihr Zukunftsbefund mäandert zwischen Zuversicht und Apokalypse. Problemfelder, die uns jetzt schon in den Bann ziehen, werden auch in den nächsten 100 bis 200 Jahre bestimmend: Klimawandel, Weltbevölkerung, Digitalisierung, Automatisierung, Landwirtschaft, Ernährung, Städte, Gesellschaft …
Elektronische Erweiterungen und Drohnen überwachen das städtische Umfeld der Zukunft. Kommuniziert wird größtenteils über das Netz. Die Citys weisen luxuriöse Zen-tren mit großzügigen Grünanlagen auf, in denen sich die Elite trifft und aufhält. Wohnen werde diese in den Villen im Grüngürtel zwischen der Innenstadt und der Vorstadt. Die klassischen Geschäftszentren erfüllen lediglich repräsentative Zwecke.
„Das Arbeitsleben wird von den privaten Büros aus und in der virtuellen Welt durchgeführt“, beschreibt die Autorin. Und durch Corona konnten viele von uns schon vertieften Einblick in diese Entwicklung nehmen. Lediglich medizinische Zentren und Serviceeinrichtungen haben Kontakt zu Menschen, das Leben sonst spiele sich zusehends in den virtuellen Welten ab.

… zu trostlosen Träumen
Ein hohes Statusbewusstsein trennt die Menschen der unterschiedlichen Schichten, die überwiegend unter sich bleiben. „Reale Kriminalität existiert so gut wie gar nicht mehr, da Diebstahl in einer Welt der gesicherten Versorgung und größtenteils virtueller Besitztümer wenig Sinn macht“, so die 52-jährige Autorin, die sieben Jahre in Malaysia gelebt und gelehrt hat und im 2017 erschienenen Bestseller „Wo die Maschinen wachsen“ bereits „Lösungen aus dem Dschungel“ präsentierte.
Im aktuellen Buch meint Gebeshuber, in 100 Jahren werde es zersiedelte Slums oder unstrukturierte Wohnblöcke nicht mehr geben: „Diese werden durch große Blöcke ersetzt, die es effizient und kostengünstig erlauben, die Armen zu versorgen. Dort träumen jene, die der trostlosen Welt entfliehen wollen, ihre digitalen Träume.“

Die Menschheit schrumpft
Denn der technologische und gesellschaftliche Wandel schreitet rasant voran. Das Internet werde sich um 2050 zur „Cumulus“ weiterentwickeln. Eine viel größere Wolke, in der die Datenströme dynamisch verarbeitet werden und jeder Teilnehmer aktuelle und angepasste Informationen bereitgestellt bekommt. In 100 Jahren werden Babys bereits nach der Geburt Basis-Implantate eingepflanzt, die als Schnittstellen für das Eintauchen der Menschen in hybride Welten dienen. So können sie aus der realen Welt aus und mittels eines Avatars in die virtuellen Welten hineinsteigen. Parallelgesellschaften werden sich zu teilweise voneinander isolierten Parallelebenen weiterentwickeln, die in einem hybriden digitalen Universum aufgehen und die „wirkliche Welt als immer ferneren Bezugspunkt haben“, spekuliert Gebeshuber.
Die Ober-, Mittel und Unterschicht entfernen sich weiter voneinander. Die Mittel- und vor allem die Unterschicht werden mithilfe der Implantate „die digitale Alternative zur realen Welt vollends annehmen und alle ihre Bedürfnisse elektronisch befriedigen“, die Zeugung von Nachkommenschaft verliere in den neuen Gemeinschaften ebenso an Bedeutung wie familiäre Strukturen. Die Weltbevölkerung wird, geht es nach Ille Gebeshuber, rapide schrumpfen. Am Ende des 22. Jahrhunderts wird sich die Weltbevölkerung – größtenteils durch natürlichen Rückgang – „weit unter einer Milliarde Menschen“ eingependelt haben (heute sind es rund 8 Milliarden).
Damit lasse sich mit dem Klimawandel besser umgehen. Denn die Versorgung der vielen Milliarden Menschen werde immer problematischer: „Das Klima der Erde gerät nicht aus den Fugen, sondern bewegt sich nur in ein anderes Gleichgewicht. Das Problem dabei ist aber, dass unsere Zivilisation nicht darauf vorbereitet ist, massive Klimaveränderungen zu überstehen. Schon der Ausfall kleiner Teilbereiche kann unsere globalen Produktionsströme derart stören, dass die Versorgung der vielen Milliarden Menschen nicht mehr aufrechterhalten werden kann“, so Gebeshuber. Die durch die Ausdehnung der menschlichen Zivilisation endlich gewordene Erde gerate in vielen Bereichen an ihre Grenzen. Und in einigen Bereichen und Regionen ist dies bereits jetzt schon der Fall

Rückgabe an die Natur
Die Menschen müssen reagieren. „Die Landwirtschaft ist im 22. Jahrhundert zur Gänze auf die Produktion von pflanzlichen Nährstoffen umgestiegen“, so Gebeshuber. Die Produktion der Basismaterialien, vor allem Soja, erfolgt in vollautomatisierten Fabriken. Neue Ackerbaugebiete hin zu den Polen werden neue landwirtschaftliche Flächen entstehen lassen. Der verbesserte Umsatz der Sonnenenergie in Nährstoffe und der Bevölkerungsrückgang wird die Rückgabe von Gebieten an die Natur ermöglichen, Fortschritte beim Umweltschutz werden die Gewalt des Klimawandels abschwächen.
Energieoptimierte Werkzeuge werden die energiearme Produktion von Gütern (etwa Nahrung) revolutionieren. Für den Großteil der Menschheit (jenseits von Elite und Mittelschicht) geschieht die Zubereitung der Speisen über ein maschinelles Terminal mit fixem Zubereitungsablauf und je nach Kundenvorliebe. Logistik sei die Lösung. Einkauf, Lagerung und Zubereitung erfolgen vollautomatisch …
Ein vollständiger Recyclingkreislauf ist um 2100 längst Standard. Die Städte generieren den überwiegenden Großteil der benötigten Rohstoffe aus sich selbst und was extern zugeführt werden muss, wurde nachhaltig erzeugt. Wie die Inhalte der virtuellen Welten werden auch Fahrzeuge zunehmend geteilt. Diese fahren – wenn sie der Besitzer nicht benötigt – selbständig durch die Straßen und wer ein Fahrzeug braucht, kann es für einen geringen Betrag nutzen. Mit dem Fortschreiten der Zeit werden die Menschen aber immer weniger reisen; und wenn, dann überwiegend virtuell oder über Transportdrohnen. Mit der Verfügbarkeit leistungsfähigerer Energiespeicher erlauben Letztere, die dritte Dimension für die Mobilität weiter zu erschließen. Das weit überdimensionierte städtische Straßensystem wird dann nicht mehr benötigt und der gewonnene Raum kann den Menschen zurückgegeben werden. Indem Gemeinschaftsräume und zusätzliche Grünflächen geschaffen und die Städte immer mehr zu Gärten werden, spendet die Autorin denn doch auch etwas Trost.
ZUR PERSON
Ille Gebeshuber (eigentlich Ilse Christine Gebeshuber), geboren am 10. April 1969 in Bruck an der Mur, besuchte das Bundesgymnasium in Kapfenberg. Nach dem Studium der Technischen Physik an der TU Wien und der Habilitation in Experimentalphysik war Gebeshuber sechs Jahre Professorin am Institute of Microengineering and Nanoelectronics der Nationalen Universität Malaysia; seit 2016 ist sie als Professorin am Institut für Angewandte Physik an der TU Wien tätig.
Ihren Vornamen änderte Ille Gebeshuber, da dieser geschlechtsneutral ist und sie gerade in ihren Anfangszeiten – inder Frauen in der Wissenschaft oftmals geringer geschätzt wurden – einfacher publizieren konnte.






