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Nicht zu Tode beruhigen

Unterressort
Stadt der Zukunft
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Bernhard Bauer © Foto Fischer

Bernhard Bauer, Obmann der WK-Regionalstelle Graz, fordert eine Wahlfreiheit in der Mobilität und erteilt der „Entwöhnung vom Auto mit der Brechstange“ eine Absage. © Foto Fischer

Wahlfreiheit der Mobilität, Beseitigung des Verkehrschaos in der Innenstadt, attraktive Freizeitangebote auch im Sommer und neue Förderschienen für den Wohnbau. Bernhard Bauer, Obmann der WK-Regionalstelle Graz, gibt dem Business Monat Einblick in seine Zukunftsvisionen für Graz.

Die Zukunft der Stadt Graz ist Bernhard Bauer, dem neuen Obmann der WK-Regionalstelle Graz, ein Anliegen. Dem BUSINESS MONAT erklärt er „seine“ Zukunftsvisionen für Graz. Doch zuerst macht er seinem Ärger über die aktuelle Verkehrssituation Luft. Denn die Staus in der Stadt infolge der Schienenbaustelle in der Neutorgasse (Innenstadtentflechtung) mit Einbußen für betroffene Geschäfte sieht Bauer als eine Fehlentwicklung der derzeitigen Stadtentwicklung und Verkehrspolitik, hinter der er Methode vermutet. In den Argumenten gegen die aktuelle Politik von Bürgermeisterin Elke Kahr und ihre Vize Judith Schwentner stimmt Bauer mit der Kritik der Stadt-ÖVP überein. Die Kritikpunkte finden sich gleichlautend in ÖVP-Broschüren.

„Kürzlich benötigte ich von Geidorf zum Griesplatz mit dem Auto 45 Minuten. Diese Stadtregierung betreibt die Entwöhnung vom Auto mit der Brechstange. Wir sind der Meinung, jeder darf sein Verkehrsmittel wählen, und wir halten es für völlig überzogen, die Neutorgasse für drei Jahre völlig zu sperren. Das kann man mir als gelernten Architekten und Bauingenieur nicht erklären“, kritisiert Bernhard Bauer das Baustellenmanagement der Großbaustelle.

Seltsam mutet Bauer auch an, dass das Gratisparken für E-Autos abgeschafft worden sei. „Statt Anreize zum Umsteigen zu schaffen, wird man nun abgestraft“, so Bauer, der auch wegfallende Ladezonen in der Heinrichstraße beklagt, die für die Betriebe eine Erwerbsgrundlage darstellten. Selbst Radfahrer, kritisiert Bauer dennoch die zu starke Fokussierung auf den Radverkehr in der Stadt mit den geplanten Radachsen und Radhighways. „Jeder soll seine Mobilitätsform frei wählen können. Autos wird es auch morgen noch geben. Die Politik in Graz spart Gruppen von Menschen aus. Älteren Menschen ist die Nutzung eines Lastenrads nicht zumutbar. Und wenn man die E-Mobilität fördern will, muss man – wie es Wien in viel größerem Ausmaß macht – viel mehr E-Ladestationen errichten. Immerhin gibt es bereits 13 % E-Autos in Graz“, so Bauer.

Der Unternehmer und WK-Obmann gibt auch zu bedenken, dass Graz mit 300.000 Einwohnern eine wachsende Stadt sei, in der der Wohnbau und Flächen für Gewerbe und Industrie wichtig seien. „Graz hat Leitbetriebe und Marktführer wie Magna und AVL, diese gehören auch vonseiten der Stadt unterstützt. Sie und all die anderen Betriebe müssen weiterhin in der Stadt produzieren und Menschen Jobs anbieten dürfen. Und weitere Betriebe müssen angesiedelt werden. Nur so kann der Wirtschaftsstandort Graz weiterhin gut funktionieren. Es braucht auch eine Anbindung des Flughafens an die Koralmbahn mit Haltestelle. Es ist unvorstellbar, dass eine solche nicht vorgesehen ist“, so Bauer.

Kratzer & Partner ZT GmbH
© Kratzer & Partner ZT GmbH
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Die unter Bürgermeisterin Elke Kahrs Vorgänger Siegfried Nagl geplante Surf- und Kajakwelle in der Mur wurde wieder begraben. Bauer dazu: „Das hätte unbezahlbares Flair in die Stadt gebracht – bei überschaubaren Kosten.“

Maßnahmen gegen das Sommerloch

Auch beim Freizeitangebot sieht Bauer Nachholbedarf. Eine Stadt wie Graz mit 50.000 Studierenden müsse auch im Sommer attraktiv bleiben. Dass Graz dennoch jedes Jahr in ein Sommerloch falle, sei schade, so Bauer: „Wir müssen Anreize für Studierende schaffen und dürfen nicht eine Stadt der Verbote werden, in der die Gehsteige hochgeklappt werden. Speziell vermisse ich attraktive Plätze für Skateboarder. Die gehören zum urbanen Raum einfach dazu. Am Grünanger wurde ein neuer Skaterpark versprochen, doch das Versprechen wurde nicht eingelöst. Dabei ist Skaten eine olympische Disziplin.“

Auch nicht verstehen kann der Wirtschaftsvertreter, dass eine unter Kahr-Vorgänger Siegfried Nagl geplante Surf- und Kajakwelle in der Mur nicht umgesetzt wird: „Das hätte unbezahlbares Flair. Warum das nicht kommt – ich versteh es nicht.“

Eine attraktive Innenstadt sei entscheidend, konsumfreie Zonen allein keine Lösung für eine Stadt wie Graz. „Wenn wir in den Erdgeschoßzonen keinen Handel und keine Gastro mehr haben, dann ist das Resultat eine Annenstraße mit 30 Leerständen. Man kann eine Innenstadt auch zu Tode beruhigen, wie Verkehrsplaner Kurt Fallast es formuliert“, sagt Bauer.

Er vermisse Maßnahmen zur Forcierung des Kongresstourismus, damit Graz im Wettbewerb mit Städten wie Maribor und Ljubljana nicht ins Hintertreffen gerate. Doch auch die Verbesserung der Rahmenbedingungen für den Erwerb von Eigentum erwarte er sich: „Wir brauchen wieder Instrumente wie Landesdarlehen und Förderungen wie in den 1970er- und 1980er-Jahren, damit sich Menschen in der Stadt Eigentumswohnungen leisten können. Wir müssen die Leute in die Unabhängigkeit bringen. Sozialwohnungen zu bauen ist nicht genug“, fordert Bauer, der vorrechnet, dass Graz in den letzten 20 Jahren rund 100.000 Hauptwohnsitze gewonnen habe und jährlich über 7.000 Wohnungen gebaut worden seien. Doch es gebe düstere Prognosen, wonach sich die Bautätigkeit bereits 2025 auf 100 Wohnungen jährlich reduziere.

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