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Ressource Mensch

KI, Kultur und Kompetenz

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Herbert Ritter, Karin Ronijak, Gerald Lackner & Helmut Röck

Herbert Ritter, Karin Ronijak, Gerald Lackner & Helmut Röck beim Round-Table-Gespräch mit dem BUSINESS MONAT © Benjamin Gasser

Die steirische Industrie ist ein Kraftzentrum Europas – innovativ, international erfolgreich und tief in der Region verwurzelt. Beim Round Table der WKO Steiermark wird deutlich: Die größte Stärke der Branche ist und bleibt die Ressource Mensch.

Ob Hightech-Sensoren, Fahrzeuginnovationen oder modernste Metalltechnologien – die steirische Industrie gilt seit Jahrzehnten als Motor für Wohlstand und Fortschritt. Im Zeitalter von Automatisierung und künstlicher Intelligenz wächst ihre Bedeutung sogar noch: Denn hinter jeder Maschine und jeder digitalen Lösung stehen Menschen, die mit Ideen, Leidenschaft und Know-how den Unterschied machen.

BUSINESS MONAT: Die Industrie wird oft als Rückgrat der steirischen Wirtschaft bezeichnet. Worin liegt aus Ihrer Sicht die besondere Stärke der Industrie – und warum ist sie so entscheidend für die Zukunft des Standorts?

Helmut Röck: Die Industrie ist der zentrale Wohlstandsgarant der Steiermark. Mehr als ein Viertel der gesamten Wertschöpfung entsteht direkt in diesem Bereich – und das strahlt weit darüber hinaus auf Zulieferer, Dienstleister und den Arbeitsmarkt ab. Diese enorme Hebelwirkung macht die Industrie unverzichtbar für die gesamte Region.

Gerald Lackner: Unsere Stärke ist die Innovationskraft. In der Fahrzeugindustrie entwickeln wir Technologien, die weltweit gefragt sind – von E-Mobilität bis Digitalisierung. Das zeigt: Wir sind nicht nur Produzenten, sondern Gestalter von Zukunft.

Karin Ronijak: Die steirische Elektronik- und Halbleiterindustrie ist global konkurrenzfähig. Wir liefern Hightech, das in Smartphones, Autos oder Medizintechnik steckt. Unsere Stärke liegt darin, Forschung, Entwicklung und Produktion direkt hier zu bündeln – das schafft enorme Dynamik.

Herbert Ritter: Und vergessen wir nicht: Industrie lebt von Kooperation. Ob Hidden Champion oder Leitbetrieb – überall arbeiten hochqualifizierte Menschen zusammen, die mit Leidenschaft an Lösungen tüfteln. Dieses Zusammenspiel aus Know-how, Kreativität und Unternehmertum ist die eigentliche Stärke der Industrie.

Helmut Röck, WKO Steiermark – Industrie
Helmut Röck, WKO Steiermark – Industrie © Benjamin Gasser

Was ist derzeit die größte Herausforderung in Ihrer Branche in Bezug auf Mitarbeiter:innen?

Gerald Lackner: Wir erleben gerade eine paradoxe Situation. In unserem Segment – vor allem bei Ingenieur:innen – ist der Arbeitsmarkt zum Arbeitgebermarkt geworden. Wir haben Zugang zu hochqualifizierten Bewerber:innen, wie wir es vor wenigen Jahren kaum kannten. Aber: Das darf nicht dazu verleiten, weniger in Wertschätzung, Motivation und Sinnstiftung zu investieren. Menschen wollen Aufgaben, die inspirieren, die ihre Talente freisetzen. Nur in einem solchen Umfeld bleiben sie langfristig.

Karin Ronijak: Dem stimme ich völlig zu. In der Halbleiterindustrie
suchen wir Physiker:innen, Chemi-ker:innen, hochqualifizierte Ingen-ieur:innen – und aktuell finden wir sie. Aber Österreich ist ein extrem teurer Standort, teurer noch als Deutschland. Das ist eine große Herausforderung im globalen Wettbewerb. Die Frage ist also: Wo baue ich Teams aus? Kosten sind ein massiver Faktor, der auch über die Attraktivität des Standorts entscheidet.

Herbert Ritter: Wir müssen aber differenzieren: In der Automatisierung sind sowohl Ingenieur:innen als auch Facharbeiter:innen unverzichtbar. Die kann man durch KI nicht ersetzen. Aber das Umfeld hat sich in den letzten Jahren durch Lohnabschlüsse, Bürokratie und Unsicherheit, vor allem bei den europäischen Regulatorien, stark verschärft. Wenn wir nicht gegensteuern, verlieren wir hier weiter an Wettbewerbsfähigkeit – und damit am Ende auch Arbeitsplätze.

Gerald Lackner, Vorsitzender Fahrzeugindustrie CEO AVL DiTEST
Gerald Lackner, Vorsitzender Fahrzeugindustrie CEO AVL DiTEST © Benjamin Gasser

Bleiben wir bei diesem Punkt. Hohe Kosten, Bürokratie, regulatorische Unsicherheit – was bedeutet das langfristig für die Industrie?

Karin Ronijak:Wenn wir es nicht schaffen, attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen, riskieren wir eine Abwärtsspirale. Hochqualifizierte Menschen suchen sich herausfordernde Aufgaben – wenn sie die hier nicht finden, gehen sie woanders hin.

Herbert Ritter: Genau. Es ist gefährlich, wenn wir durch überbordende Bürokratie die Innovationskraft ausbremsen.

Karin Ronijak, Vorsitzende Elektro- und Elektronikindustrie, Vice President ams Osram
Karin Ronijak, Vorsitzende Elektro- und Elektronikindustrie, Vice President ams Osram © Benjamin Gasser

Trotz dieser Herausforderungen: Wie schaffen es Unternehmen, ihre Mitarbeiter:innen nicht nur zu gewinnen, sondern langfristig zu halten?

Karin Ronijak: Das Wichtigste ist Zugehörigkeit. Menschen wollen Teil eines Ganzen sein. Flexible Arbeitszeitmodelle helfen, aber entscheidend ist die Unternehmenskultur. Wertschätzung, Teamgeist und das Gefühl, wirklich gebraucht zu werden. Dann geht man gerne zur Arbeit.

Gerald Lackner: Absolut. Führung bedeutet, ein gemeinsames Ziel zu geben, an das alle glauben – und gleichzeitig den Freiraum, eigene Wege dorthin zu finden. Wenn das passt, ist Homeoffice oder Teilzeit zweitrangig. Menschen wollen Sinn, und wenn sie ihn spüren, bringen sie enorme Energie ein.

Herbert Ritter: Man darf nicht vergessen: Für viele ist inhaltliche Verwirklichung wichtiger, als ein kleiner Gehaltszuwachs. Wer sich mit seiner Aufgabe identifiziert, erbringt Spitzenleistungen – und genau diese brauchen wir im Projektgeschäft.

Herbert Ritter, Vorsitzender AT Styria, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Steiermark
Herbert Ritter, Vorsitzender AT Styria, Vizepräsident der Wirtschaftskammer Steiermark © Benjamin Gasser

Oft wird diskutiert, ob die junge Generation weniger arbeiten möchte und stärker auf „Work-Life-Balance“ setzt. Erleben Sie das so?

Gerald Lackner: Nein, ganz im Gegenteil. Die Erzählung, dass junge Menschen weniger arbeiten wollen, ist ein Mythos. Wenn sie ein Ziel bekommen, das begeistert, legen sie los – auch über die Norm hinaus. Erfahrung ist wichtig, aber Begabung und Begeisterung sind oft entscheidender.

Karin Ronijak:Sehe ich genauso. Ich habe viele junge Kolleg:innen im Team – und die ziehen oft an den Älteren vorbei, was Ambition und Leis-tungsbereitschaft betrifft. Der Unterschied ist nur: Heute spricht man offener über Rechte und Ansprüche.

Welche Erfolgsgeschichten zeigen, dass Mensch und Technologie in der Industrie kein Gegensatz sind, sondern ein starkes Team?

Karin Ronijak: Ein Beispiel aus unserem Bereich: Vital-Parameter-Messung. Wir haben über 200 Patente allein in diesem Feld, von Smartwatches bis hin zu innovativen Anwendungen wie einem Sensor, der im Ohr oder am Finger eingesetzt werden kann. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist aber der „Kuh-Sensor“: Ein kleiner Chip, der die Körpertemperatur einer Milchkuh misst – lebenslang. Solche Lösungen zeigen, wie Technik konkret das Leben erleichtert – und immer steckt menschliche Kreativität dahinter.

Gerald Lackner: Das ist der entscheidende Punkt: Hinter jedem Patent, hinter jeder Innovation steckt eine menschliche Leistung. Technologie ist Werkzeug – die eigentliche Ressource bleibt der Mensch.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Was ist das optimale Zusammenspiel von Mensch, Technologie und Unternehmenskultur?

Herbert Ritter: Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, dass künstliche Intelligenz oder Automatisierung den Menschen ersetzt. Sie sind Hilfsmittel –Innovation, Leidenschaft und Verantwortung bleiben menschlich.

Karin Ronijak: Genau. Kultur und Kompetenz sind das Bindeglied. Technologie allein zieht keine Talente an. Aber wenn Unternehmen eine klare Orientierung geben, Menschen Freiraum lassen und internationale Offenheit zeigen – dann bleibt die Industrie der attraktivste Arbeitsplatz überhaupt.

Gerald Lackner:Der Mensch ist und bleibt der entscheidende Erfolgsfaktor. Technologie verstärkt nur, was wir mit unseren Ideen und unserer Führung daraus machen.

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