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Die Steiermark ist ein bedeutender Industriestandort. © Shutterstock
Stärkste Wirtschaftskraft, größter Arbeitgeber: Die Steiermark ist ein bedeutender Industriestandort. Hochkarätige Vertreter steirischer Leitbetriebe über die Herausforderungen in Sachen Fachkräftenachwuchs, über Risiken und Chancen für die Region und über die ehrlichen Erwartungen, aber auch reizvollen Angebote an junge Menschen.
Die steirische Industrie beschäftigt rund 116.500 Menschen. Jeder zweite Arbeitsplatz in der Steiermark ist direkt in einem produzierenden Betrieb oder hat unmittelbar damit zu tun. Die steirische Industrie steht derzeit jedoch auch verstärkt im Spannungsfeld von strukturellem Wandel, Absicherung der Wettbewerbsfähigkeit und Fachkräftemangel.
Was spricht in herausfordernden Zeiten für den Standort Steiermark?
Joachim Schönbeck: Die steirischen Unternehmen sind bedeutsame Arbeitgeber und sie sind führend in den Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Es gibt auch eine Vielzahl renommierter Bildungseinrichtungen und enge Vernetzungen mit den Betrieben, das ist sehr positiv. Das Ausbildungssystem hält allerdings nicht dem Tempo stand, mit der die Digitalisierung und damit Erfordernisse etwa in der IT und in der Automatisierung voranschreiten. Ich finde es eigentlich absurd, dass man heutzutage Matura machen kann, ohne eine Programmiersprache zu beherrschen. Das sollte Standard werden.
Herbert Ritter: Wir haben einen guten Nährboden für Gewerbe und Industrie, in den letzten zehn Jahren hat die Automatisierungstechnik starken Zuwachs erhalten. Die Herausforderungen liegen unter anderem aber auch darin, gerade in den Regionen diesem Wachstum mit einem entsprechenden Angebot an Fachkräften zu begegnen.
Gerold Grill: Es ist absolut wesentlich, dass ein Standort für Mitarbeiter gut erreichbar ist. Gerade in der Weststeiermark gibt es grobe Verzögerungen beim Ausbau der Infrastruktur, hier müssen wir deutlich aufholen. Engagement und Eigeninitiative – etwa die Offenheit, mit der Schulen wie die HTL Deutschlandsberg mit der Wirtschaftsingenieure-Maschinenwesen-Ausbildung auf Betriebe zugehen – beruhen oft auf Persönlichkeiten, die etwas vorantreiben. Das ist nicht systematisch verankert. Da braucht es viel mehr Offenheit und Initiative auch von Seiten der Schulen, sie müssen breiter aufgestellt sein.
„Es sollte künftig zu den Grundfertigkeiten gehören, eine Programmiersprache zu beherrschen.“, Joachim Schönbeck, Andritz AG“
Wie brisant ist der Status quo in Sachen Fachkräfte derzeit in Ihren Bereichen?
Hansjörg Tutner: Die positiv zu bewertende Bildungslandschaft mit Lehrausbildung, HTLs, Fachhochschulen und Universitäten schafft noch eine gute Quelle in der Steiermark. Die Situation ist nicht so hochdramatisch wie bereits in Deutschland, der Engpass wird aber größer. Einen Zuzug qualifizierter Fachkräfte gibt es nicht wirklich. Man muss als Unternehmen immer proaktiver agieren und selbst in das Thema Bildung investieren. Unsere Arbeitswelt wird laufend komplexer, die Änderungsgeschwindigkeit von Technologien nimmt ständig zu. Permanentes Lernen ist unabdingbar, gerade auch in der Fahrzeugin-dustrie. Wir stellen daher entsprechende Angebote selbst zusammen.
Joachim Schönbeck: Auch wir bilden seit Jahrzehnten Lehrlinge aus, viele bleiben bei uns. Es gibt derzeit keinen Mangel, aber die demografische Entwicklung spielt uns nicht in die Hände. Aktuell haben wir 800 Lehrlinge weltweit in der Andritz-Gruppe, 140 sind es in Österreich. Fast ein Drittel davon ist weiblich.
Gerold Grill: Für uns in Deutschlandsberg ist es nicht einfach, gute fertig ausgebildete Leute für die Elektronik-industrie zu finden. Daher nehmen auch wir sukzessive mehr Lehrlinge auf. Für fünf Lehrstellen hatten wir um die 50 Bewerbungen, das ist durchaus gut. Grundsätzlich halte ich aber noch mehr Spezialisierung bereits in den Schulen für wesentlich.
Wie begegnet man dem Anspruch nach möglichst viel Spezialwissen?
Herbert Ritter: In Gewerbe und Industrie ist heute weit mehr Technologiewissen gefordert. Ein Elektrotechniker muss auch gute IT-Kenntnisse haben, ein Maschinenbauer muss zusätzlich über Steuerungstechnik Bescheid wissen. Wir haben für die Plattform Automatisierungstechnik einen Kompetenzatlas erstellt, in dem derzeit rund 80 Unternehmen, aber auch Bildungseinrichtungen mit ihren Profilen vertreten sind. Er bietet einen Überblick über das Know-how der Branche und zeigt die verschiedenen Schwerpunktsetzungen auf. Als erste Vernetzungsmaßnahme wird es eine Börse für Praktika und Abschlussarbeiten geben, damit sich Schüler und Studierende zielgerichtet dort bewerben können, wo die gewünschte fachliche Ausrichtung gegeben ist.
Hansjörg Tutner: Topqualifzierte Fachkräfte sind das Rückgrat eines Unternehmens. Würden wir selbst nicht ausbilden, würde es das Unternehmen in dieser Form nicht mehr geben. Die Lehre hat wieder an Attraktivität gewonnen, allerdings sind die Niveaus bei den Bewerbungen schon deutlich gesunken – wir arbeiten ja seit Jahren mit standardisierten Aufnahmeverfahren. Da geht es bereits um Grundfertigkeiten wie Lesen und Rechnen. Wir müssen daher auch Kenntnisse trainieren, die wir eigentlich voraussetzen.
„Schulen und Betriebe solllten noch mit viel mehr Offenheit aufeinander zugehen.“, Gerold Grill, SVI Austria“
Wie wirkungsvoll sind die Vernetzungen mit den Fachhochschulen und Universitäten?
Joachim Schönbeck: Wir arbeiten intensiv mit Graz, Wien, Leoben und Linz zusammen, es gibt beispielsweise eine ganze Reihe von Entwicklungsprojekten im Zuge von Diplomarbeiten.
Hansjörg Tutner: Auch wir haben eine gut funktionierende Symbiose mit den Universitäten und Fachhochschulen. Das ist wesentlich, weil der berufliche Weg viele junge Menschen direkt nach dem Studium aus der Steiermark weg oder ins Ausland führt, wir befinden uns da in Konkurrenz mit anderen Standorten. Es gilt daher, junge Menschen früh ans Unternehmen zu binden. Der Anteil an Frauen beträgt übrigens 15 Prozent bei Magna, für ein Unternehmen in der Fahrzeugindustrie ist das gut.
Was erwarten Sie sich von jungen Menschen?
Hansjörg Tutner: Es ist wichtig, selbstständig arbeiten zu können, offen auf Aufgaben zuzugehen und sich auf Neues einzulassen. Fachhochschulen und Universitäten werden da leider ständig verschulter. Die Welt dreht sich immer schneller, darauf sollte man sich einstellen können – dafür gibt es aber auch viele spannende Herausforderungen.
Herbert Ritter: Aus meiner Sicht sind Ehrgeiz, Disziplin, Hausverstand und Durchhaltevermögen wichtig. Alles andere lässt sich erlernen. Wenn man vor allem mit Begeisterung bei der Sache ist, kann man sehr viel bewegen. Diesen Spirit für die Technik gilt es schon früh zu wecken.
Gerold Grill: Es geht auch um die Lust am ständigen Lernen – und überhaupt um die Grundeinstellung, arbeiten zu wollen. Das vermisse ich heute durchaus öfter. Auch ein Unternehmen investiert ja in seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, es ist ein Geben und ein Nehmen.
„Man muss als Unternehmen proaktiv agieren und in Bildung investieren.“, hansjörg Tutner, Magna Steyr Fahrzeugtechnik“
Was dürfen sich junge Menschen denn von Ihnen erwarten?
Hansjörg Tutner: Wir beschäftigen uns mit dem Thema Mobilität. Da geht es um die Arten des Antriebs der Zukunft, aber auch darum, womit sich der Mensch in Zukunft überhaupt bewegen wird. Junge Menschen können sich in vielerlei Hinsicht einbringen. Jeden Tag gibt es neue Diskussionen, ob es um Elektrizität oder Wasserstoff, autonomes oder teilautonomes Fahren geht. Fakt ist: Derzeit stehen wir alle im Stau. Es geht also auch darum, Mobilität noch viel größer zu denken. Das ist unglaublich spannend.
Joachim Schönbeck: Jungen Menschen steht alles offen, sie können heute schon sehr früh Verantwortung übernehmen. In der Andritz-Gruppe haben wir 29.600 Mitarbeiter, jedoch nur zehn Prozent davon sind überhaupt in Österreich tätig. Grundsätzlich ist die Arbeit in der Industrie viel besser als ihr gesellschaftlicher Ruf. Es gibt eine Menge aufregender Tätigkeiten und unendlich viele Möglichkeiten.
„Ist man mit Begeisterung bei der Sache, kann man schon in jungen Jahren viel bewegen.“, Herbert Ritter, HRTec“
Joachim Schönbeck Vorstand Andritz AG, Obmann- Stellvertreter Metalltechnische Industrie der WKO Steiermark
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