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Kontrollierte Fantasien im Zukunftsraum

Unterressort
Stadt der Zukunft
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Futurologische Vorstellungen der Stadt sind nicht selten eindimensional: Stets finden sich Hochhäuser aus Stahl, Beton und Glas im Zentrum und selbstfahrende schwebende Autos dazu

Futurologische Vorstellungen der Stadt sind nicht selten eindimensional: Stets finden sich Hochhäuser aus Stahl, Beton und Glas im Zentrum und selbstfahrende schwebende Autos dazu © Shutterstock

Zukunftsforscher Christian Daye weiß, mit welchen Methoden und Vorstellungen wir uns der Zukunft annähern können. Zukunft habe in erster Linie mit der Gegenwart zu tun, die ein Bild der Zukunft entwirft. Wie CO2-Klimaziele in Graz zu bewerten sind, hat sich das Wegener Center der Uni Graz angesehen.

Geht es um die Frage, wie Zukunft erforscht werden kann, gibt es mit Christian Daye einen Forscher an der TU Graz, der ein ausgewiesener Experte der Zukunftsforschung ist. Er ist am Institute of Interactive Systems and Data Science tätig und eine Vorlesung von ihm lautet schon mal
„Futurology“, in der er darlegt, dass es immer schon Wunsch des Menschen war, über die Zukunft Bescheid zu wissen. „Wir haben jetzt ja ständig mit Zukunft zu tun: Klimaprognosen haben derzeit besonders Konjunktur. Da wird quasi eine Wette aufgestellt darauf, was es heißt, in der Zukunft zu leben“, erklärt Christian Daye.

Natürlich gehe man in der Zukunftsforschung mit einer anderen Art von Wissenschaftstheorie vor. Man habe keine strengen Modelle und Simulationen, da Zukunft immer offener Raum sei. Man nähere sich der Zukunft daher mit Methoden der empirischen Sozialforschung an: mit Interviews von Fokusgruppen etwa. Dabei komme „kontrollierte Fantasie“ zur Anwendung, mehr ein Meinungsbild, Spekulation.

„Wir müssen uns bewusst sein, Zukunft ist die Entscheidung von heute. Das pendelt dann oft zwischen den Polen: ,Übermorgen ist unsicher, aber so schlimm wird’s schon nicht werden‘ und problematischem Alarmismus“, so Daye. Bezogen auf die Klimakrise hieße das: Es ist prägend, was wir heute tun. Alarmismus gehe oft einher mit Entscheidungen von Menschen, die damit eigentlich etwas anderes erreichen wollen, etwa ein „Zukunftswissen“ stabilisieren, das bestimmte „Experten“ bilden.

Technikideale

Für Daye ist bezogen auf die Zukunft zumindest klar: „Welche aktuellen Zukunftsvorstellungen und -bilder es gibt, sagt mehr über die Gegenwart als über die Zukunft selbst aus.“ Das lasse sich rund um die Debatten von Wasserstoff und
E-Fuels gut beobachten: Da werde massiv um die Zukunft verhandelt. Ob Wasserstoff als Energieträger klimaneutraler und zukunftsfähig sein wird, sei offen, da gehe es viel um Forschungsförderung. Bei der Debatte, die über Deutschland auch nach Österreich hereingeschwappt ist, werde auf der Vorderbühne etwas gesagt, was die großen Konzerne auf der Hinterbühne bereits vorbereiten würden: „Es geht nicht um das Auto, es geht um die Mobilität, wenn die Konzerne umdenken und auf Wasserstoff als Alternativmodell zum E-Auto setzen, dann geht es eher um Wasserstoff als Speichermedium und nicht als Treibstoff für die Verbrenner.“ Von solchen Entscheidungen sei aber auch die ganze Gesellschaft und vor allem die Gesellschaften der Zukunft betroffen, so der Forscher.

Daye hat sich auch angeschaut, wie frühere Generationen ihre Zukunftsbilder kreiert haben. Ihm ist etwas aufgefallen: „Fast immer, wenn man sich in den 1950er- und 1960er-Jahren eine Stadt der Zukunft ausgemalt hat, sind im Zentrum Hochhäuser und in der Vorstadt Einfamilienhäuser, die mit schwebenden und/oder selbstfahrenden Autos angesteuert werden. Stets sind die Innenstadtgebäude mit Beton, Stahl und Glas gebaut und in Schachbrettmuster angelegt. Irgendwie kommen mir die Zukunftsbilder so gar nicht radikal vor. Keine verkehrsberuhigte Innenstadt, kein Carsharing, kein Radfahren oder Zufußgehen. Es handelt sich also um hochkonzentrierte Fortschreibung von bestehenden Technikidealen. Bis heute. Auch heute stehen in der Stadt der Zukunft im Zen­trum Hochhäuser. Die Kreativen kommen davon nicht los“, schmunzelt Daye.

Denke man an die Zukunft, müsse einem klar sein: Visionen von der Zukunft werden nicht wahr, weil sich die Rahmenbedingungen ständig ändern. Man denke nur an die neuen Stadtteile Reininghaus und Smart City. Von den ursprünglichen offenen Ideen und Visionen blieb nicht viel übrig.

Murinsel Graz © Steiermark Tourismus/Harry Schiffer
© Steiermark Tourismus/Harry Schiffer
Kunsthaus Graz © Steiermark Tourismus/Harry Schiffer
© Steiermark Tourismus/Harry Schiffer

Kunsthaus und Murinsel. Architektonisches Alien und künstliche Insel sind Gestalt gewordene Zukunftsvisionen
aus den 1960er-Jahren.

Stärkere Ambitionen bei CO2-Emissionen

In die Zukunft weisen auch die Maßnahmen, die gegen den Klimawandel gesetzt werden – ob sie ausreichend sind, werden vor allem die jüngeren Generationen am eigenen Leib verspüren. Die Wissenschaft eruiert die Fakten, die zeigen, wie diese Maßnahmen greifen (oder auch nicht) und wie und ob mit diesen Maßnahmen auch die Klimaziele erreicht werden können.

Stefan Schleicher und Josef Kirchengast von der Uni Graz beziehungsweise vom Grazer Wegener Center haben etwa in einem Monitoring von 2022 die österreichischen Treibhausgas-Emissionen bis 2021 erhoben und einen Ausblick bis 2030 im Rahmen der europäischen Klimaziele gegeben. Trotz Coronapandemie haben die Emissionen nach einem Rückgang 2020 von 6,5 % (erstes Pandemiejahr) 2021 „ungebrochen wieder das Niveau von 1990 erreicht“.

„Die Rückkehr 2021 zum seit 1990 nach über 30 Jahren weiterhin noch nicht nach unten durchbrochenen Emissionsniveau stammt primär aus neuerlichen fossilbasierten Zuwächsen bei Verkehr (Öl für Treibstoffe), Grundstoffen (etwa Kohle für Stahlproduktion) und Gasverbrauch (Haushalte & Industrie)“, so die Autoren.

2021 stieß Österreich 78,4 Millionen Tonnen CO2-Emissionen (ETS) aus. Um die Klimaziele für 2030 zu erreichen, müssten die CO2-Emissionen, so rechnen die beiden Forscher vor, auf dann 45,4 ETS gesenkt werden. Eine Klimaneutralität 2040 würde eine „noch etwas stärkere Ambition notwendig“ machen.

Innenstadtentlastung Graz © achtzigzehn/artgineering
© achtzigzehn/artgineering

Die Innenstadtentflechtung der Stadt Graz geht einen Schritt in die richtige Richtung, generell sind die Klimaschutzmaßnahmen aber noch nicht ambitioniert genug, meinen Forscher des Grazer Wegener Centers.

Wird es reichen?

Der Sektor mit dem steilsten notwendigen Reduktionspfad ist der Verkehr (ohne Flugverkehr): von 23,5 ETS (2021) muss auf 12,8 ETS (2030) abgesenkt werden. Bei Gebäuden sei eine einfachere
Zielerreichung möglich (von 8 ETS auf 6,6 ETS), die Landwirtschaft muss ihre Emissionen beinah halbieren (8 ETS auf 4,2 ETS). Stefan Schleicher und Josef Kirchengast: „Bei emissionsintensiven Sektoren, vor allem beim Verkehr, besteht nur wenig Spielraum, um das Gesamtziel nicht zu gefährden.“ Auf Bundesseite geschieht wenig in diese Richtung, in der Landeshauptstadt Graz sind Klimaschutzmaßnahmen auf der Agenda der Stadtregierung. Es gibt einiges zu tun.

Laut dem 1. Fortschrittsbericht zum Klimaschutzplan Graz von Ende April 2023 betrugen die Gesamtemissionen im Stadtgebiet 2018 1,52 Mio. Tonnen CO2, davon macht der Sektor Industrie und Gewerbe 37 % aus, private Haushalte folgen mit 28 % und 21 % stößt der Verkehr aus. Konsumbasiert erhöhten sich die Emissionen, die die Stadt Graz mit ihren Bewohner:innen und ansässigen Unternehmen verursachte, auf ca. 3,9 Mio. Tonnen Treibhausgasemissionen. Maßnahmen seien die Reduktion der Emissionen im Raum Graz um 90 % bis 2030, für das gesamte Stadtgebiet soll „bis 2040 produktionsbasiert nahezu Klimaneutralität erreicht werden“, heißt es in dem Papier. Und zwar mit Maßnahmen, die vorwiegend von privaten Haushalten und von Unternehmen „von sich aus“ umgesetzt werden sollen. Ob dieser Ansatz reichen wird?

Wenig ambitioniert

Wie schwierig es ist, Klimaschutzprojekte jenseits von gut klingenden Überschriften konsequent und effizient zu realisieren, haben ebenfalls Forscher vom Wegener Center gezeigt. In einem „Scientific Report“ vom März 2022 haben sie geförderte Klimaschutzprojekte des Klimaschutzfonds der Stadt Graz, immerhin mit 30 Millionen Euro dotiert, evaluiert und ernüchternde Erkenntnisse gewonnen. Fazit: meist zu wenig ambitioniert (etwa das Sprühnebelsystem am Tummelplatz) und kaum transformative Entwicklungspfade. „Es fehlt an der Einbettung in eine klar erkennbare städtische Klima­strategie, etwa einen Klimaschutzplan mit messbaren politischen Zielen (THG-Budget, Klimaneutralität)“, konstatiert man.

Der aktualisierte Klimaschutzplan der jetzigen rot-grün-roten Stadtregierung scheint ambitionierter zu sein. Ob er von mehr Erfolg gekrönt sein wird, wird sich zeigen. Eine der Schlussfolgerungen aus dem Scientific Report weist in eine zuversichtliche Richtung: „Der Klimaschutzplan hat das Potenzial, die diversen kurz- und mittelfristigen Maßnahmen und Projekte strategisch zu verknüpfen und die Dekarbonisierung der treibhausgasintensivsten Sektoren ins Zentrum der städtischen Klimaschutz-Anstrengungen zu rücken. Ein transformativer Entwicklungspfad verknüpft ökologische und gesellschaftliche Visionen. Ein mittelfristiges Ziel könnte etwa eine autofreie Stadt Graz sein, in der alle Wege bequem und sicher per Fahrrad, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden.“ Daran führt offenbar kein Weg vorbei.

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