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Kopf aus dem Sand!

Unterressort
Stadt der Zukunft
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Lesezeit
9 min
Sven Gábor Jánszky

Sven Gábor Jánszky, Trendforscher © JOERG GLAESCHER

Menschen gruseln sich bei den düsteren Prophezeiungen über die Zukunft in Science-Fiction-Filmen. Der deutsche Trendforscher Sven Gábor Jánszky plädiert auch für mehr Sci-Fi, nur aus einem positiven Blickwinkel. Letztlich gilt auch für Künstliche Intelligenz und Technologietrends: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.

Er ist Trendforscher, Journalist und erklärt in seinen Vorträgen, wie wir in Zukunft arbeiten und leben werden. Statt sich vor Science-Fiction-Szenarien zu fürchten, sieht Sven Gábor Jánszky Chancen in einer technologisch bestimmten Zukunft.

Warum ist es wichtig, dass wir uns um die Zukunft kümmern?
Es gibt zwei Arten, mit der Zukunft umzugehen: Sie auf einen zukommen zu lassen, dann muss man auch richtig reagieren. Bei dieser Variante wird man sich vermutlich eher an das anpassen müssen, was andere vorgeben. Für jemanden, der mitbestimmen will oder Gestaltungsanspruch hat, ist das sicher die falsche Strategie. Der sollte sich aktiv mit der Zukunft auseinandersetzen und ein Bild entwickeln, wohin er in den nächsten fünf oder zehn Jahren möchte.

Wie vorhersehbar ist die Zukunft wirklich?
Unser Job ist, relativ genau zu eruieren, wie sich ein Umfeld in den nächsten zehn Jahren entwickeln wird. Im Moment stelle ich fest, dass alle über Digitalisierung reden, aber keiner wirklich im Blick hat, was sie für das eigene Unternehmen bringen und wie sie die eigene Arbeitswelt verändert wird. Gerade für Unternehmer ist es wichtig, Ressourcen in Zukunftsprognosen zu stecken und eigene Strategien zu suchen.

„Auch wenn es noch so sehr nach Science Fiction klingt: Wir müssen dem eine Chance einräumen.“
Sven Gábor JánszkyTrendforscher

Über welche Trends würden Sie am liebsten nicht berichten?
Schwierig ist es mit großen Herausforderungen und Fragestellungen, auf die wir noch gar keine Antworten haben. Dennoch ist die Frage, wie man mit diesen Themen umgeht, sehr wichtig. Auf keinen Fall sollten wir nicht darüber reden, denn letztlich können wir Dinge nur so beeinflussen.

An welche Themen denken Sie?
Etwa an Technologie und Genetik. Technologisch gesehen dauert es keine zehn Jahre mehr, dass wir Menschen genetisch reparieren können – das ist noch der positive Aspekt – oder Menschen, bevor sie geboren werden, manipulieren bzw. reparieren können, etwa die Augenfarbe aussuchen und so in den natürlichen Prozess der Evolution massiv eingreifen. Nicht auszudenken, was mit der Vielfalt passieren könnte, wenn hier Dinge manipuliert werden, nur weil sie Mode sind! Stellen Sie sich vor, irgendwann haben alle Menschen spitze Ohren, weil man das toll fand. Die Technologie entsteht, ob wir wollen oder nicht. Umso mehr müssen wir darüber reden.

Dasselbe gilt ja auch für künstliche Intelligenz.
Auch wenn wir heute meilenweit davon entfernt sind, aber Computer werden, ich glaube das wird keine 50 Jahre dauern, menschliches Bewusstsein bekommen. Völlig ungewiss ist, was passiert, wenn dann eine intelligente neue Spezies entsteht, die nicht menschlich ist und etwa im Bereich der Kognition den Menschen überlegen ist – der Computer, der besser rechnen, analysieren oder denken kann als der Mensch. Wenn wir heute darüber nachdenken, sind wir im Bereich Science Fiction und der Conclusio: Es wird alles schlimm. Wir Zukunftsforscher sind aber der Meinung, dass dem eine Chance eingeräumt werden soll, man muss schauen, was dabei wirklich rauskommt.

Sven Gábor Jánszky
Wie leben und wie arbeiten wir? Mit seinen Vorträgen ist Jánszky gut gebucht. © www.andreaslander.de

Sollte man bei gewissen Entwicklungen nicht vorher Einhalt gebieten, damit Szenarien gar nicht eintreffen?
Es weiß ja niemand, ob diese schlimmen Szenarien eintreten. Der einzige Grund, warum Menschen davor Angst haben, ist, weil das Ende in Science-Fiction-Filmen stets ein schlechtes ist.

Welche Instanz sollte entscheiden, wenn es um ethische oder moralische Fragen geht?
Das ist nicht so einfach. Die Menschheit könnte sich etwa über die UNO zusammentun, um bestimmte Dinge oder Technologien zu ächten. Daran müssten sich alle Länder halten. In der Realität ist das eher unwahrscheinlich, es wird immer Länder geben, die sich Vorteile von einer geächteten Technologie versprechen. Dafür brauchen wir aber eine entgegengesetzte Strategie: Statt den Kopf in den Sand zu stecken, aktiv auf das Thema zuzugehen und mitzuentwickeln. Wer das aktiv tut, bestimmt im Prozess der Entwicklung auch die Regeln.

Wo sind Prognosen nur schwer möglich? Das Thema Nachhaltigkeit etwa wird ja viel zitiert, die gelebte Realität sieht dann aber anders aus.
Alle Trends, die in der Welt passieren, sind menschengetrieben, eine neue Technologie kommt nie von allein. Die Welt der Zukunftsforscher bietet zwei verschiedene Herangehensweisen. Die einen behaupten, Nachhaltigkeit sei ein großer Trend. Die anderen, zu denen auch ich gehöre, sagen: Nachhaltigkeit ist ein Premiumtrend, und das nur bei Menschen, die es sich leisten können. In der Gesamtheit der Welt spielt dieser Trend eine minimale Rolle.

Wie kommen diese verschiedenen Prognosen zustande?
Viele Zukunftsforscher beziehen in ihrer Analyse ihr eigenes Wertesystem mit ein, berichten also darüber, was für sie wünschenswert ist.Dann gibt es Institute, die nur Trends beschreiben und sagen, dass die ethische und moralische Bewertung der Trends nicht ihre Aufgabe ist.

Nachhaltigkeit, Umwelt etc. sind ja keine Themen ohne Brisanz. Wer müsste handeln?
Wenn man die EU-Politik ansieht, gibt es die theoretische Idealvorstellung und die Praxis. Theoretisch sollte Politik gemacht werden, Volksvertreter sind dafür gewählt und hoch bezahlt, damit sie die großen Fragen der Gesellschaft diskutieren und im besten Wissen und Gewissen für uns entscheiden. Und was geschieht im EU-Parlament, jetzt, wo viel über technologische Entwicklungen und die damit verbundene Zukunft der Menschheit diskutiert werden müsste? Nichts. Es geht in der Regel um die nächste Wahl. Es ist ein Vakuum entstanden, diesen Freiraum hat nun die Wirtschaft besetzt. Die bestimmt darüber, wie Themen verfolgt werden. Und hier steht wohl eher die Frage im Vordergrund, wie viel Geld man damit machen kann, und nicht, wie es der Gesellschaft dienen könnte.

„Die Wissenschaft, die Wirtschaft werden Technologien entwickeln. Politik und Gesellschaft müssen das letztlich zulassen.“
Sven Gábor JánszkyTrendforscher

Die Wirtschaft schnapst sich also untereinander die technologische Zukunft aus, wie man bei uns so schön sagt?
Sozusagen. Wollte man das beeinflussen, müssten sich die großen, prägenden Wirtschaftsunternehmen der Welt zusammenschließen und zu Verbindlichkeiten kommen, was Ethikleitlinien betrifft, etwa wie man eine Technologie nicht benutzen sollte.

Auch wenn Sie eher Technokrat zu sein scheinen, sind Sie nicht manchmal froh, in der analogen Welt groß geworden zu sein?
Ich bin froh darüber, vergleichen zu können und das alte System gekannt zu haben. Aber wenn mir von einer LP, für die ich damals 20 Mark gezahlt habe, nur zwei Songs gefallen haben, war das auch wieder teuer. Heute habe ich ein Musik­abonnement um 9,99 Euro und kann überall hören, was mir gefällt. Das lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen. Analog empfinden wir deshalb einfacher, weil wir damit groß geworden sind. Nicht die Technologie ist schwierig, sondern die Veränderung.

Wie wird die Technologie das Thema Ernährung verändern? Technologisch gesteuerte Massenproduktion sticht Bio?
Ich glaube, wir werden in den nächsten zehn Jahren mit zwei Ideologien zu tun haben: Wir sagen „Zurück zur Natur“, machen alles biologisch und führen entsprechende Regeln ein, was Bioanbau bedeutet. Die Folge wird sein, dass alles teurer wird und neue Ungleichheiten entstehen, weil sich viele Menschen teurere Lebensmittel nicht leisten können. Der zweite Weg wäre, neue Technologien zu nutzen. Das bedeutet, man unterwirft sich nicht der Natur, sondern man versucht, die Natur zu optimieren. Beim Fleisch würde das bedeuten, es künstlich herzustellen, wie es das Unternehmen Beyond Meat tut, das Hackfleisch aus Proteinen aus Soja und Erbsen erzeugt. Das hat zwar mit Fleisch nichts mehr zu tun, schmeckt aber so und sieht auch so aus. Fleisch könnte so billiger werden.

Ihre erste Variante gefiele mir da aber besser.
Aus meiner Sicht ist das eine ideologische Glaubensfrage: Im Moment ist noch die Generation der 68er an der Macht, Chefredakteure, Parteichefs, in der Wirtschaft, die alle der Generation „Zurück zur Natur“ nachhängen. Deshalb sind Fragen zu Nachhaltigkeit etc. auch so populär. Doch diese Position wird uns nicht die Antwort geben, die wir brauchen, weil sie zu neuen Ungleichheiten führt. Wenn wir Gleichberechtigung für alle Menschen wollen, müssen wir neue Technologien benutzen. Ich persönlich finde nicht schlimm, wenn Lebensmittel kostengünstig werden, schlimm finde ich, wenn sie zu schlechten Bedingungen hergestellt werden.

Auch hier wieder die Frage: Wer soll die Weichen stellen?
Die Wissenschaft, die Wirtschaft, die neue Technologien entwickeln müssen. Die Politik und die Gesellschaft, die das zulassen. Beide Seiten sind in der Verantwortung.

Bisher muss ich sagen: Ihre Ausführungen versetzen mich schon etwas in Grusel-Science-Fiction-Stimmung. Womit müssen wir noch rechnen?
Mit dem Quantencomputer. Wir werden in den nächs­ten fünf bis zehn Jahren eine neue Art von Computer haben, die billiger sind als unsere bisherigen, anders funktionieren, aber wesentlich leistungsfähiger sind. Diese Computer sind permanent in der Lage, die nahe Zukunft zu prognostizieren, was zu einem veränderten Leben und Arbeiten führen wird. Sie geben etwa Infos, wie Ihr körperlicher Gesundheitszustand sein wird, wenn Sie anfangen, sich anders zu verhalten, was Sie tun müssen, wenn Sie nicht krank werden wollen, wie Sie Ihren Lebensstil optimieren können oder anders essen. Das wird enorme Auswirkungen auf die Menschheit haben. 2050, wenn die meisten der heutigen Jobs von Robotern und KI übernommen werden, wird es auch für die Menschen Veränderungen bedeuten, weil sie nicht mehr acht Stunden am Stück arbeiten werden. Es wird dann ein Grundeinkommen geben, den Sinn müssen sie sich die Menschen, die sich nicht mehr über Lohnarbeit definieren, dann selbst geben. Hier haben auch wir Zukunftsforscher noch keine Idee, wohin sich alles entwickeln wird.

Haben Sie zumindest eine Idee, wie das Grundeinkommen dann finanziert werden soll?
Wenn die Wertschöpfung in einer Gesellschaft nicht mehr aus Lohnarbeit kommt, sondern aus dem Kapitaleinsatz in Maschinen, wird auch nicht mehr die Lohnarbeit besteuert werden. Insofern wird es eine Art Steuer auf Maschinen geben. Schon jetzt sagen die Chefs der großen Technologieunternehmen, dass das Grundeinkommen in den nächs­ten 50 Jahren kommen wird.

Das Wort Maschinensteuer kommt in der Wirtschaft aber gar nicht gut an.
Wenn jetzt eine Maschinensteuer eingeführt würde, würden jene Unternehmen, die heute auf Innovation setzen, benachteiligt gegenüber denen, die keine Maschinen einsetzen. Unternehmen, die uns quasi die Zukunft bringen, würden schlechtergestellt. Aus diesem Grund wäre aus heutiger Sicht eine Maschinensteuer kontraproduktiv, weil sie Innovationen verhindern würde. Die Politik müsste jetzt sinnvolle, realistische und faire Lösungen finden, wie man kurzfristig Innovationen befördert und langfristig einen Umverteilungsmechanismus einführt.

Wenn wir bitte zum Thema Mobilität wechseln. Wie sähen intelligente Verkehrskonzepte für Ballungsräume aus?
Die Logik sagt mir, dass es Flotten von selbstfahrenden Robotaxis auf E-Motorbasis braucht. Elon Musk sagte kürzlich, dass seine Tesla-Autos schon dieses Jahr selbst fahren können, 2020 würden in den ersten Städten Tesla-Robotaxi-Flotten zur Verfügung stehen. Man kann zwar die Schnelligkeit bezweifeln, schließlich hat das mit Regulierung etc. zu tun. Doch die Grundlogik, wonach die Kosten für einen Kilometer im Robotaxi nicht mehr als zehn Cent betragen werden, ist wohl überzeugend. Und da hat Musk die Wettbewerbssituation durch andere Taxiflotten noch gar nicht eingerechnet. Vor diesem Hintergrund – dass also die Fahrt mit dem Robotaxi nahezu kostenlos ist – müssen wir den Verkehr in Ballungsräumen sehen.

Was ist mit dem Öffentlichen Verkehr?
Wozu braucht es Bus und Straßenbahn, wenn es fast kos­tenlose Taxis gibt? Robotaxis sind wie Kleinbusse mit acht bis zwölf Sitzplätzen, die nicht auf bestimmten Routen oder Linien fahren, sondern Menschen dort abholen, wo sie gerade sind bzw. hinwollen. Die Anzahl von Autos, in denen Menschen alleine sitzen, geht dramatisch nach unten. In unseren Berechnungen bedeutet der künftige Stadtverkehr zwar nicht weniger Autos, aber die Verkehrsmittel sind besser aufeinander abgestimmt. Weil die Autos miteinander kommunizieren, gibt es alles, was Staus hervorruft – schnelles Fahren, Spurwechseln – nicht mehr.

Letzte Frage: Welche Innovationschancen sehen Sie für Unternehmer?
Diejenigen, die Kundenkontakt haben, müssen mitgestalten und mitprägen, wie Menschen leben werden, schließlich hängt davon ab, ob die Produkte gekauft werden oder nicht. Es war noch nie so einfach, leicht, billig und schnell, durch Nutzung von digitaler Technologie völlig neue Geschäftsmodelle aufzubauen und neue Kundensegmente zu erschließen. Zugleich muss man sagen: Wenn Neues entsteht, geht Altes kaputt. Für Unternehmer, die ihr bestehendes Geschäftsmodell weiterverfolgen und schützen wollen, wird es also kompliziert.

© Roman Walczyna

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