Zum Inhalt springen

Als der Mensch die Freizeit entdeckte

Ressort
History
Veröffentlicht
Lesezeit
5 min
Dampflokomotive

© Shutterstock

Die Geschichte von Gastlichkeit und Tourismus als entscheidender steirischer Wirtschaftsfaktor.

In Österreich gilt die mangelnde Fähigkeit, sich einen jährlichen Urlaub zu finanzieren, als ein statistisches Kriterium für „Manifeste Armut“. Daran ist gut abzulesen, welchen gesellschaftlichen Stellenwert organisierte Freizeit heute einnimmt. Man muss die Zeit nicht weit zurückdrehen, um ein gänzlich anderes Bild zu erhalten: Urlaub oder Reisetätigkeit aus Freude waren die längste Zeit schlicht unbekannt. Im Gegenteil, wer sich bis weit in die Neuzeit herauf auf längere Reisen begab, musste äußerst wichtige Gründe dafür haben, denn sie waren schlicht lebensgefährlich. Die physischen Anstrengungen, die die schlechten Wege und die Querung hoher, rauer Gebirgspässe abverlangten, sowie Wegelagerer und wilde Tiere forderten ihren Tribut. Nicht umsonst pflegten alle, die sich auf längere Reisen begaben, ihre Angelegenheiten vorher zu regeln.

Dramatische Veränderung

Kunden waren weniger Business als verletzliche Geschöpfe, denen Hospize und Klöster Unterschlupf boten. Immerhin waren Pilgerreisen einer der wenigen Gründe, sich auf lange Wege zu machen. Darüber hinaus gab es noch Kaufleute und Handwerker auf der Walz, die „ehrliche“ Gründe für Reisen hatten. Der mobile Rest war den Menschen und Behörden sogar suspekt: „fahrendes Volk“ ohne Bindung und Heimstatt galt als „unehrlich“. An den Handelswegen und Pilgerrouten gab es nur wenige entgeltliche Verpflegungs- und Übernachtungsstationen. An diesem dürren touristischen Bild änderte sich – mit wenigen meist adeligen Ausnahmen von Muße und Lustreisen – lange wenig, bis im Laufe des 19. Jahrhunderts die industrielle Revolution und in ihrer Folge die Verkehrsrevolution das gesellschaftliche Gefüge dramatisch zu ändern begann.

Postkarten historisch
© Shutterstock

Elegantes Vergnügen

Zuerst waren es die neuen, höheren bürgerlichen Schichten, die es sich neben dem Adel leisten konnten, eine längere Zeit im Jahr nicht ausschließlich der Erwerbsarbeit zu widmen. Ausgehend von in Mode kommenden Bad-, Heil- und Kuranstalten etablierte sich die Sommerfrische als elegantes Vergnügen in reizvollen Gegenden, wie etwa Karlsbad, Bad Ischl und das gesamte Salzkammergut. Als schließlich 1857 die Südbahn zwischen Wien und Triest fertiggestellt war, zog nicht nur der Semmering begüterte Sommerfrischler an, immer mehr erkannten den Reiz des Meeres als Destination gehobenen Freizeitvergnügens. Abbazia/Opatja wurde das mondäne Seebad der Monarchie, und Triest, seinerzeit zweitgrößte Stadt der cislei­thanischen Reichshälfte, war nicht nur Hafen, sondern auch Drehscheibe einer ersten mediterranen Touristikwelle, die bald auch das Kreuzfahrtschiff als Freizeitvergnügen entdeckte.

Wintertourismus am Start

Die meisten dieser neuen Vergnügungen konzentrierten sich auf die warme Jahreszeit. Winter war die längste Zeit kein Vergnügen, sondern Mühsal. Das änderte sich mit der Etablierung des Sports als Phänomen für all jene, deren Arbeit nicht mehr mit schwerer physischer Arbeit zusammenhing. Während im Sommer Almen und Berge hoch im Kurs standen, sorgte schließlich der Norweger Fridtjof Nansen für einen nachhaltigen Umbruch in der Wintersaison, indem er 1888 in einer spektakulären Expedition Grönland auf Skiern durchquerte und damit einen regelrechten Boom auslöste. Skilanglauf und Skispringen wurden zu klassischen nordischen Disziplinen. Die Alpenländer steuerten wiederum die Ski-Abfahrt auf steilem Gelände bei. Das erste Ski-Rennen organisierte Toni Schruf 1893 am Stuhleck, 1904 wurden in Mürzzuschlag erste internationale Nordische Spiele veranstaltet. Als Sprungschanze diente übrigens ein Misthaufen. Gewonnen hat selbstverständlich ein Norweger.

Aber auch der Skisport war Anfangs ein Vergnügen für Wenige. Einer breiteren Beliebtheit erfreute sich hingegen das Wandern und der Alpinismus, ebenfalls ein Kind des 19. Jahrhunderts. Die Freiheit der Natur lockte immer mehr Menschen und sie konnten insbesondere auf die Eisenbahn als günstiges Massentransportmittel zurückgreifen, um in beliebte Gebiete zu reisen. Einkehr und Übernachtung waren Begleitelemente dieses Phänomens. Nicht umsonst nannte sich die erste österreichische touristische Fachtagung, die in Graz 1884 stattfand, „Delegiertentagung des Fremdenverkehrs in den österreichischen Alpenländern“.

Schifahren historisch
© Shutterstock

Touristische Dynamik steigt

Aber das Phänomen Tourismus betraf lange Zeit vorwiegend wohlhabende Schichten, die sich längere Freizeit leisten konnten. Mit Ausnahme einiger Vorläufergesetze für Angestellte dauerte es bis zum Jahr 1919, dass Beschäftigte generell gesetzlichen Anspruch auf bezahlten Urlaub zugestanden bekamen, zunächst eine Woche, bei längerer Dienstzeit dann zwei (heute stehen wir bei fünf respektive sechs ab 25 Dienstjahren). Es ist kein Zufall, dass schließlich die 1920er- und 1930er-Jahre eine zunehmende touristische Dynamik sahen.

Freilich war noch ein deutlicher Sprung im Wohlstand notwendig, um einen veritablen Boom auszulösen. Der kam dann mit dem Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre. Als Beispiel für die Aufwärtsentwicklung können die Marshallplan-Investitionen in Seilbahnen und Lifte genannt werden, die die Bergwelt für die breite Masse erschließen sollten. Bürgeralpe, Haus im Ennstal, der Dachstein und etwas später Schlad­ming waren wesentliche steirische Beispiele dafür.

Sommerurlaub historisch
© Shutterstock

Wein, Kulinarik und Thermen

In der Steiermark setzte man in Sachen Tourismus in der Folge noch auf zwei weitere Themen: Wein, Kulinarik und Thermentourismus. Mit der Eröffnung der sogenannten „Weinstraße“ in der Südsteiermark 1955 erhielten die lokalen (Wein-)Bauern die breitere Möglichkeit, ihre Produkte als Direktvermarkter „ab Hof“ in den legendären „Buschenschenken“ zu verkaufen. Heute – einen Weinskandal 1985 später – zählt das Weinland zu den populärsten Tourismusdestinationen des Landes und die hochstehende Gastronomie, Hotellerie und Weinwirtschaft zu wirtschaftlichen Säulen der Region mit zuletzt 12.000 Gästebetten und 840.000 Übernachtungen.

Was die Thermen anbelangt, brachten die 1970er-Jahren den großen Schub. Bei der Suche nach Öl stieß man in der Nähe von Loipersdorf auf heiße Thermalquellen mit spezieller Heilwirkung. Heute gilt die Anlage als größte Therme Österreichs. Zusammen mit sechs anderen Thermen in der Südoststeiermark und fünf weiteren Thermen-Standorten im Rest des Landes hat man in eine umfassende Infrastruktur investiert, die aber nicht überall ihre Erwartungen erfüllen konnte.

Bad Gleichenberg historisch
Bad Gleichenberg © Bad Gleichenberg

Heute stellt der Tourismus nicht nur einen wesentlichen Wirtschaftszweig dar, er ist zu einer tragenden Säule der Lebensqualität der Menschen geworden. Freilich gilt für ihn das Gleiche wie für viele andere Dienstleistungen: Er kann nicht von sich selbst leben, sondern nur in Symbiose mit einer kräftigen und prosperierenden Gesamtwirtschaft.

Thomas Krautzer
Univ.-Prof. Mag. Dr. Thomas Krautzer ist Professor für wirtschaftliche Standortfragen und Leiter des Instituts für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmensgeschichte der Universität Graz. © Thomas Luef

Themen

  • Walter M. Iber & Thomas Krautzer
    History6 Min

    Geschichte als strategische Ressource

    Strategie, Identität, Kultur, Langlebigkeit – eine Auswahl an Parametern, die den Erfolg (oder Misserfolg) unternehmerischen Handelns ausmachen können. An der Universität Graz geht man damit verbundenen Fragestellungen aus historischer Perspektive auf den Grund – mit dem „Grazer Ansatz“ der Unternehmensgeschichte, der in Forschung und Lehre zur Anwendung kommt.

  • Gerhard Fabisch
    History3 Min

    200 Jahre Steiermärkische Sparkasse

    200 Jahre Tradition und doch immer am Puls der Zeit. Ein Gespräch mit Gerhard Fabisch, Vorstandsvorsitzender der Steiermärkischen Sparkasse, über 200 Jahre Steiermärkische Sparkasse und seine 21 Jahre an der Spitze des Unternehmens.

  • Nach der Transformation ist vor der Transformation
    History3 Min

    Nach der Transformation ist vor der Transformation

    Immer wieder stand der Wirtschaftsstandort Steiermark vor großen Herausforderungen – und konnte diese im Wesentlichen gut bewältigen. Sich auf den Lorbeeren auszuruhen, ist jedoch keine Option.

  • Dieter Lugitsch und Herbert Lugitsch jun. © Günther Linshalm
    History2 Min

    Erfolgsfaktor Vorausdenken

    Das Familienunternehmen Herbert Lugitsch u. Söhne Ges.mbH hat sich seit seiner Gründung 1909 stetig weiterentwickelt. Die Geschäftsführer Dieter Lugitsch und Herbert Lugitsch jun. geben einen Rückblick und einen Ausblick auf die Erfolgsgeschichte dahinter.

Taboola · Below Article Thumbnails

Nächster Artikel

Christine Fasching, ­Geschäftsführerin Miele Center Fasching
1 Min
Interviews

Nachgefragt: 6 Fragen an Christine Fasching

„Mitarbeiter:innen sind das Wichtigste“, bestätigt Christine Fasching, ­Geschäftsführerin Miele Center Fasching in der Grazer Keplerstraße 105.