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Unternehmertum und Wasserkraft

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Unternehmertum und Wasserkraft

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Ein historischer Rückblick

Alles Leben ist Energie! Was für die Biologie gilt, gilt auch für wirtschaftliche Prozesse. Jede Umwandlung von Rohstoffen in Zwischen- oder Endprodukte benötigt sie, jeder Handel basiert darauf, sogar persönliche und geistige Dienstleistungen kommen nicht ohne das Kraftwerk Mensch aus. Heute sind wir es gewohnt, diese Energie geradezu unerschöpflich in unterschiedlichsten Aggregaten zur Verfügung zu haben. Elektrische Energie beflügelt unsere künstliche Intelligenz, Wind-, Sonnen- und chemische Energie treiben Turbinen, Motoren, formen und wärmen. Nicht die verfügbare Menge scheint derzeit das Problem, sondern die klimatischen Verwerfungen, die uns die Nutzung fossiler Energie beschert.

Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte war die Situation aber diametral entgegengesetzt. Chemische Energie war rar und zumeist mit der Nutzung des Rohstoffs Holz (direkt oder in Form von Holzkohle) verbunden. Für den Rest war man auf die Sonne und auf die Kraft von Menschen und Tieren angewiesen. Am Beginn der Agrarrevolution im 18. Jahrhundert stand beispielsweise der Tausch von Ochs zu Pferd als dominantes Zugtier, was die Produktivität massiv erhöhte – für heutige Begriffe allerdings in einem sehr bescheidenen Rahmen.

Schiffsmühle in Mureck
Schiffsmühle in Mureck © STG | Pixelmaker

Geografische Erforder­nisse und technische ­Innovation

Aber es gab auch geografische Besonderheiten, die erweiterte Möglichkeiten boten. Hier sind zunächst windreiche Gebiete zu nennen, wo man die Energie der Luftströme auf Windräder lenkte, die die beschwerliche Arbeit des Kornmahlens übernahmen oder als Pumpstationen auch für die Urbarmachung von Deichlandschaften sorgten, wie etwa in den Niederlanden. Eine andere Chance eröffneten gebirgige oder hügelige Landschaften mit einem hohen Aufkommen an Wasser. Hier konnte die potenzielle Energie, die sich aus der Kombination von Schneeschmelze, Regen und Gefälle ergab, über Wasserräder abgenommen werden. Diese Topografie war beispielsweise kennzeichnend für weite Teile der Steiermark und würde heute als physischer Standortvorteil bezeichnet werden.

Es ist erstaunlich, welche Vielfalt sich einerseits an technischen Lösungen und andererseits an Anwendungen über die Jahrhunderte aus diesem Potenzial entwickelte. Je nach Wassermenge und Gefälle wurde Wasser von oben (oberschlächtige Räder) oder von unten (unterschlächtige Räder) abgenommen, in ganz speziellen Fällen verankerte man sogar bootsähnliche Konstrukte auf großen Fließgewässern (heute noch bei der Schiffsmühle in Mureck zu bewundern). Es entwickelte sich ein spezifisches Know-how, welche Zuleitungskonstruktionen sowie Schaufel- und Radformen die Wasserkraft bestmöglich in Leistung und Arbeit übersetzen. Nicht zufällig entwickelte sich aus diesem Wissen bald auch eine Wissenschaft, die über Universitäten und Innovationen hin zu industriellen Lösungen führten. Francis-, Kaplan- und Pelton-Turbinen stehen in direkter Verwandtschaft mit jenen Rädern, die heute eher in Freilichtmuseen als im aktiven Einsatz stehen. In der Kombination mit der Wandlung in elektrische Energie ist diese Technologie aus der modernen Welt nicht mehr wegzudenken.

Franz Pichler (1866-1919)
Strompionier Franz Pichler (1866-1919) © Archivbild

Die Steiermark lieferte und liefert einen bedeutenden Beitrag dazu. In Weiz nutzte ein Franz Pichler zur Jahrhundertwende die alte Tradition der Verwertung der Wasserkraft (der benachbarte Mosdorfer Hammer nutzte den Weizbach bereits seit dem 16. Jahrhundert zur Herstellung von Schmiedeprodukten), um das erste Mehrphasen-Elektro-Kraftwerk Österreichs mit angeschlossener Elektrizitätsversorgung zu errichten. Daraus entwickelten sich wenig später die traditionsreichen ELIN-Werke. Eine turbulente Firmengeschichte später sind es heute Siemens Energy, Andritz Hydro und Elin-Motoren, die aus diesen Wurzeln stammend in Weiz Transformatoren, Generatoren, Motoren und im Falle von Andritz (kombiniert mit anderen Werken) ganze Wasserkraftwerke inklusive komplexer Turbinen in die Welt liefern.

Ähnlich vielfältig wie die technischen Lösungen zeigen sich die Anwendungen und damit das unternehmerische Element, das Möglichkeit und Inspiration aus der Wasserkraft bezogen hat und bezieht. Allerdings wäre hier an erster Stelle nicht die technische Lösung zu nennen, sondern das „Wasserrecht“, also die juristische Grundlage für Berechtigung und Ausmaß der Nutzung. Einerseits war der Besitz eines Nutzungsrechts für ein Gewässer ein außerordentliches Privileg (das natürlich in den allermeisten Fällen mit dem Grundbesitz verbunden war und somit für den Eigentümer Chancen für Nutzung oder Verpachtung eröffnete). Andererseits waren genaue rechtliche Regelungen unerlässlich, um entlang eines gesamten Gewässerlaufes für gerechte und nachhaltige Verhältnisse zu sorgen. Man kann sich vorstellen, welche Freude beispielsweise die Nutzer flussabwärts mit Stauungen oder Entnahmen gehabt hätten, die den Durchfluss auf ein kleines Rinnsal reduzierten oder eine fragliche Gewässergüte bescherten. Solche Fragestellungen stehen heute noch immer im Zentrum aller Gewässernutzungen weltweit und sind oft genug eine verlässliche Quelle für dauerhaften Streit und Hader, manchmal sogar für Kriege.

Wassermühle in Altenberg an der Mürz
Wassermühle in Altenberg an der Mürz © STG | Günther Steininger

Verschiedene Einsatz­bereiche: Branchen, ­Sektoren, Traditions­unternehmen

Wer allerdings im Besitz eines Nutzungsrechts war, dem standen zahlreiche Einsatzbereiche und Möglichkeiten zur Diversifizierung offen. Die für die Steiermark wichtigsten und prägendsten waren: Die Eisengewinnung und Eisenbearbeitung in der näheren und weiteren Umgebung des Erzberges („Eisenwurzen“) wurde ab dem 14. Jahrhundert über die Wasserkraft mechanisiert. Zum Einsatz kamen Blasebälge, die Schmelz- und Schmiedefeuer anfachten, sowie mit Wasserrädern verbundene schwere Hämmer, die einerseits beim Ausarbeiten der Eisenschlacke und andererseits beim Schmieden von Endprodukten (Hacken, Klingen, Sensen, Nägel, …) ihre Verwendung fanden. Wenn man sich heute oft wundert, warum in so engen Tälern – wie beispielsweise dem Thörlgraben – in größere Anlagen investiert wurde: Die vorhandene Wasserkraft ist die Antwort. Viele traditionsreiche Unternehmen, allen voran die voestalpine mit ihren Ursprüngen in der Innerberger Hauptgewerkschaft und später in der Alpine-Montan, sowie private wie etwa die Pengg Austria oder Knill-Mosdorfer lassen sich auf solche Ursprünge zurückführen. Nicht umsonst findet sich in der österreichischen Bundeshymne die Zeile „Land der Hämmer …“.

Ein weiterer Einsatzbereich war die Holzverarbeitung. Auch hier trafen sich Rohstoffangebot, basierend auf ausgedehnten steirischen Wäldern, mit Verarbeitungsmöglichkeiten über zahlreiche nutzbare Gewässerläufe. Über die Jahre entstanden viele, meist eher kleine Sägewerke, die das lokale Umfeld bedienten. Inzwischen ist in dieser Branche eine starke Konzentrationstendenz zu beobachten, wobei ganz große, traditionsreiche Unternehmen wie zum Beispiel Mayr-Melnhof, Hasslacher, Papst oder Schaffer den Ton angeben. Sehr gut sieht man das historische Erbe der Wasserkraft, wenn man von Zeltweg nach Obdach fährt und sieht, wie sich von Weißkirchen über Eppenstein die Werke an den Verlauf des Talbodens anschmiegen.

Auch die Papierindustrie hat ihre Wurzeln untrennbar mit dem Element Wasser verbunden – einerseits aufgrund des hohen Wasserbedarfs, den der Produktionsprozess an sich benötigt (Papier ist zu Beginn ein Faserbrei – Pulpe – mit weit über 90 % Wasseranteil), andererseits aber auch aufgrund der Energie, die man nutzen konnte. Ein Beispiel der Energienutzung früher Tage: wurden die Fasern für die Papierproduktion nicht aus Holzfasern, sondern aus alten Kleidungsstücken (Lumpen oder Hadern) gewonnen, die in großen Behältern von wasserbetriebenen Schlegeln zerstampft wurden. Nachdem diese Anlagen die Zeitgenossen sehr an Mühlen erinnerten, sprach man auch von „Papiermühlen“. Noch heute ist der englische Begriff für eine Papierfabrik „paper mill“. Die Zellstoff Pöls AG kann ihre Gründung beispielsweise auf eine solche Lumpenfabrikation zurückführen, die die Murauer Schwarzenbergs als Besitzer der Wasserrechte in der Nähe von Pöls um 1700 etablierten.

Berghofer Mühle
In der traditionsreichen Berghofer Mühle werden heute noch Mehl und Kernöl produziert. © Christian Schmidt

Eine geradezu ikonische Verbreitung fand die Nutzung der Wasserkraft freilich im Mühlengewerbe. Die Vermahlung des Getreidekorns zu Mehl war (und ist) einer der essenziellen Vorgänge der Lebensmittelversorgung und benötigt in jedem Fall einen hohen Energieaufwand und mechanische Unterstützung. Der Weg führte über steinzeitliche Reibsteine, Mörser und Handmühlen sowie über Drehmühlen, wo Menschen oder Tiere einen mit Deichseln versehenen Läuferstein über einen Liegestein bewegten, hin zu komplexen mechanischen Gebilden, wo die Arbeit von Wasser- oder Windrädern übernommen wurde. Aufgrund mangelnder Transportkapazitäten war es notwendig, schon sehr kleinen Siedlungsräumen Mühlen zur Verfügung zu stellen, weshalb diese Einheiten für Ökonomie und Topografie, aber auch für die Volkskultur prägend wurden. Es „klapperte die Mühle“ nicht nur „am rauschenden Bach“, bei größeren Gewässern und Siedlungen wurden auch sogenannte „Mühlgänge“ gegraben (wie etwa der Mur-Mühlgang in Graz), um gezähmte und dauerhafte Wasserkraft zur Verfügung zu stellen, die den Betrieb von Mühlen und Gewerben auch mitten in Siedlungen garantierten. Man könnte hier durchaus von Vorläufern heutiger Strom- und Gasnetze im Sinne einer leitungsgebundenen Infrastruktur sprechen.

Berghofer Mühle
Berghofer Mühle © Christian Schmidt

Diversifikation: Von der Mühle zum Wasserkraftwerk

Dieses über lange Zeit eingespielte System der direkten Nutzung von Wasserkraft wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts technologisch infrage gestellt. Die zunehmende Elektrifizierung des Maschinenparks ersetzte die alte Wasserkraftmechanik, die in Effizienz und Produktivität nicht mithalten konnte. Für viele Mühlenbetreiber lag der Ausweg aber auf der Hand: Sie hatten das Wasserrecht, sie hatten Gefälle, sie hatten Wehrbauten und kannten sich mit Wasserführung aus. Also was lag näher, als zu diversifizieren und in das Geschäft der Stromerzeugung mittels Wasserkraft einzusteigen? Im ganzen Land lassen sich in dieser Zeit Projekte beobachten, die aus Müllern zusätzlich Kraftwerksbetreiber machten. Einige gingen noch einen Schritt weiter und investierten in ein Verteilnetz, schlossen Kunden an, boten Installationsdienstleistungen und verkauften den Kunden die Elektrogeräte im eigenen Laden. Aus den Mühlen wurden so zunehmend Energieversorgungsunternehmen, wie etliche Unternehmensgeschichten – auch im vorliegenden Heft – bezeugen.

Konnten die Mühlen mit der technischen Umstellung noch gut umgehen, bedeutete die tiefgreifende Umstellung der Marktordnung in den 1990er-Jahren für viele das Aus. Um die Nahversorgung aufrechtzuerhalten, waren Mühlen über Jahre mit einem sogenannten Mühlenprivileg ausgestattet, also einem Gebietsschutz mit Kontingentierungen. Wettbewerb wurde zugunsten von Sicherheit, aber zu den Kosten von höheren Preisen limitiert. Dieses Privileg blieb in Österreich bis zum Jahr 1995 aufrecht, lief aber dem Wettbewerbsrecht der EU zuwider. Die Folge war, dass der Preis durch große und hocheffiziente Einheiten bestimmt wurde, während die traditionelle kleinstrukturierte Mühlenwirtschaft keinen Platz mehr fand. Einige gaben auf, andere fokussierten sich auf ihre Diversifizierungen (wie etwa Stromerzeugung und Elektroinstallationen) und ganz wenige fanden eine Nische, wo sie mit Spezialprodukten, nostalgiebasierten Dienstleistungen und viel Enthusiasmus überleben konnten. Ein Beispiel wäre die Berghofer Mühle im südoststeirischen Fehring – hier werden die Mühle wie auch das Handwerk der Müllerei als kulturelles Erbe präsentiert.

Nicht nur Mühlen, sondern auch zahlreiche Industrieunternehmen, die eng mit der Wasserkraft verbunden waren, investierten ebenfalls früh in Kraftwerke, die sie aber meist für den Eigenbedarf nutzten. Viele Wehranlagen und Kraftwerksgebäude weisen noch heute darauf hin. Darüber hinaus gab es ab der Jahrhundertwende immer mehr Unternehmungen, die ihre Wasserrechte von vornherein ausschließlich für das Geschäft mit dem Strom nutzten und rund um die Stromgewinnung ein Versorgungsgebiet aufbauten. Vier Beispiele für sehr frühe Investitionen sind die schon erwähnten Pichler-Werke in Weiz, die 1892 das erste Mehrphasenkraftwerk Österreichs installierten, die Steirische Elektrizitätsgesellschaft (STEG), die 1902 von schweizerischen Investoren gegründet wurde und bis zum Ende der Monarchie der größte Player in der Steiermark war (mittlerweile ist die STEG nach ihrem Verkauf an den Verbund 1992 in der Energie Steiermark aufgegangen), die Hereschwerke in Wildon, die 1902 in ein E-Werk investierten, sowie das E-Werk V. Franz in Graz Gösting, das 1903 gegründet wurde. Der große steirische Energieversorger STEWEAG (heute Energie Steiermark) wurde 1921 in der Ersten Republik zunächst als reiner Erzeuger, ab 1924 auch als Verteilnetzbetreiber gegründet.

Die Wasserkraft ist heute aufgrund der CO2-freien Wandlung von Energie gefragter als je zuvor. Allerdings ist sie mit einem Dilemma verbunden: Ihr Potenzial für das Klima schlägt sich mit den Forderungen nach Biodiversität und Renaturierung. Während Aus- und Umbauten bereits vorhandener Nutzungspotenziale weitgehend unbestritten sind, geraten neue Projekte – insbesondere, wenn sie bisher unverbaute Gewässerläufe betreffen – in heftige Diskussionen. Und mittlerweile hat sich noch eine andere Front aufgemacht. Der Klimawandel verändert zunehmend die Wasserführung alpiner Gewässer (Verlust der Speicherfunktion winterlicher Schneefälle sowie geringe sommerliche Wasserführung unterbrochen durch schwer nutzbare, schwallartige Starkwetterereignisse). Dies stellt Selbstverständnisse infrage, die über lange Zeit gegolten haben – eine weitere Herausforderung, auf die man sich künftig einzustellen hat.

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