Wurzeln für die Zukunft
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In Österreich und nicht zuletzt in der Steiermark gibt es eine ganze Reihe von sehr alten Traditionsunternehmen. Doch wie kommen diese Unternehmen zu ihrer Langlebigkeit? Und wie kann davon ein Wirtschaftsstandort profitieren?
Rund 2.600 „Hunderter“ weist eine Datenbank des „Wirtschafts-Compass“ mit Stand 2021 für Österreich aus, rund 340 davon für die Steiermark. Um konkreter zu werden: Mit den „Hundertern“ sind jene österreichischen Unternehmen gemeint, die mindestens 100 Jahre alt sind. Es handelt sich bei dieser Datenbank um eine erste, zum Teil noch recht skizzen- und lückenhafte Bestandsaufnahme. Zu den ältesten steirischen Unternehmen zählen demnach beispielsweise Mosdorfer/Knill (Weiz, bestehend seit 1712), Merkur Versicherung (Graz, 1798), Pengg (Thörl, 1805), Frohnwieser Bau (Mureck, 1848), Sattler (Gössendorf, 1875) oder Elektro Friebe (Graz beziehungsweise Premstätten, 1883).
Wie immer steckt hier der Teufel im Detail. Was auf den ersten Blick einfach klingt, nämlich die Frage, welches Unternehmen älter als einhundert Jahre ist, wird auf den zweiten Blick durchaus kompliziert. Das fängt schon einmal bei der Frage an, ob hier ausschließlich Unternehmen oder auch Betriebsstätten gelten sollen. Wenn also ein alter Unternehmensstandort wie der Mosdorfer-Hammer in der Knill Gruppe aufgeht, zählt das Alter der Betriebsstätte oder jenes der Gruppengründung? Im konkreten Fall ist die Antwort vielleicht deshalb einfach, weil es eine Kontinuität im Eigentum gibt. Das Unternehmen ist seit 1712 in Familienhand und wie es organisiert ist, erscheint zweitrangig. Das Firmenbuch sieht das aber anders: Jede Übernahme, jede Umgründung wird mit einem neuen Datum versehen. Die durchgängige Nachvollziehbarkeit einzelner Unternehmensgeschichten wird dadurch ungemein erschwert (was zur oben erwähnten Skizzen- und Lückenhaftigkeit maßgeblich beiträgt).
Wie auch immer man an die erwähnten Problemstellungen herangeht, die letztlich entscheidende Frage lautet wohl ohnehin: Welche Faktoren machen die Langlebigkeit von Unternehmen prinzipiell möglich? Antworten darauf werden in Forschung und Lehre an der Universität Graz gesucht, wo durch das Institut für Geschichte (Arbeitsbereich Wirtschafts- und Sozialgeschichte), das Institut für Wirtschafts-, Sozial- und Unternehmemsgeschichte und die Österreichische Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (ÖGU) ein hohes Maß an unternehmenshistorischer Expertise vorhanden ist.
Unternehmensgeschichte, Unternehmensführung und Wirtschaftsstandort
Die Welt der Unternehmen ist eine, in der Vergangenes in der Regel schnell abgehakt und der Fokus auf die Gestaltung der Zukunft gelegt wird. Noch bevor der Wirtschaftsprüfer seinen Stempel unter einen Jahresabschluss setzt, beschäftigt sich das Unternehmen längst mit dem Forecast des kommenden Wirtschaftsjahres. Unternehmensgeschichte (Business History) scheint deshalb vorwiegend ein Thema für Festschriften und Firmenjubiläen zu sein, nur selten wird sie aber als Teil der Unternehmensführung verstanden. Das ist ein verkürzter Blick, denn ob als Basis für strategische Überlegungen, als Stellhebel für das Management der Unternehmenskultur oder als Instrument des Marketings – die Summe der Erfahrungen bestimmt nicht nur die Identität eines Individuums, sondern auch die Identität eines Unternehmens. Eine klare Identität wiederum ist ein notwendiges Fundament, auf dem eine stabile und prosperierende Zukunftsentwicklung aufbaut. Wer nicht weiß, woher er kommt, hat große Schwierigkeiten, seinen weiteren Weg zu finden. In der Unternehmenssprache würde man das die Entwicklung von Vision und Mission nennen.
Was nunmehr für Individuum und Unternehmen gilt, gilt auch für die Summe der Unternehmen und Belegschaften in ihrem Lebensraum, dem Wirtschaftsstandort. Ein Standort kann wie ein Ackerboden gesehen werden, in dem die Pflanzen – in diesem Fall die Unternehmen – gedeihen sollen. Physische Ressourcen, Human- und Kapitalressourcen sowie Infrastrukturen (Standortfaktoren) bestimmen sozusagen die Bodenqualität. Aber je besser dieser Boden durchwurzelt ist, desto wertvoller ist er: kompakt, geschützt vor Erosion und selbst nach Unwettern wird bald wieder frisches Grün sprießen.
In dieser Analogie stellen Traditionsunternehmen und ihr Umfeld das Wurzelgeflecht dar, welches das Land wertvoller und grundsätzlich auch zukunftsfähig macht („Wurzeln für die Zukunft“). Die Obersteiermark beispielsweise kann auf Generationen von metallverarbeitenden Betrieben blicken. Fast möchte man meinen, die Menschen der Region sind bereits genetisch auf Eisen und Stahl und deren Verarbeitung programmiert. Es gibt weltweit nicht viele Gebiete, die aus solch einem geschichtlichen Reservoir schöpfen können. Dass seitens des voestalpine-Konzerns das weltweit modernste Edelstahlwerk zuletzt in Kapfenberg gebaut wurde, hat mit einem Rückgriff auf traditionsgeleitete Humanressourcen zu tun.

Erfolgsgeheimnisse für ein langes Leben
Allerdings würde Tradition kein Vorteil sein, wenn sie zu Verkrustung führt – so geschehen gerade in der Verstaatlichten Industrie der 1970er- und 1980er-Jahre (Obersteiermark). Und: Um als Traditionsunternehmen bezeichnet zu werden, bedarf es nicht unbedingt eines „runden“ Hunderters; auch Unternehmen, die 50, 70 oder 90 Jahre alt sind, können sich als Traditionsunternehmen etabliert haben. Jedenfalls sind essenzielle Erfolgsgeheimnisse für ein langes Leben in der Regel:
... die Fähigkeit, Tradition und Innovation sinnvoll miteinander zu verknüpfen. Das bedeutet, dass Unternehmen, ausgehend von ihrem über viele Jahre gewachsenen Know-how, eine gesunde Resilienz an den Tag legen, indem sie technologische Veränderungen nicht als Hemmnis, sondern als Chance wahrnehmen. Einmal mehr sei hier als Beispiel das Unternehmen Mosdorfer bemüht, das in der Monarchie einst als Sensen- und Klingenschmiede groß wurde und seine Kompetenz in der Schmiedetechnik heute weltweit in der Herstellung von Armaturen für Hochspannungsleitungen einbringt.
... eine geschickte Positionierung auf den Märkten, mit Produkten, denen ein hoher Anteil an Forschung und Entwicklung innewohnt und mit denen man starke Marktpositionen einnimmt. Auch Diversifikation kann hier ein adäquates Mittel sein, solange sie sich nicht zu weit vom angestammten technologischen Kern entfernt. Dazu ein Beispiel abseits der Steiermark: Die oberösterreichische Skifabrik Fischer (gegründet 1924) hatte sich durch hauseigene Forschung und Entwicklung im Kunststoffbereich derart viel Fachwissen angeeignet, dass sie in den 1990er-Jahren, als der Skimarkt kriselte, Teile für die Innenausstattung von Flugzeugen (Boeing, Airbus) fertigte und so die Krise durchtauchte.
... in nicht allen, aber doch in vielen Fällen: die strukturelle Aufstellung als Familienunternehmen (Family Business). Während internationale Konzerne in Krisenzeiten Standortprobleme oft mit Schließungen beantworten, haben Eigentümer von Familienunternehmen meist eine emotionale Bindung an das Umfeld, in dem sie aufgewachsen sind. Sie nehmen sehr lange und sehr geduldig schlechtere Rahmenbedingungen in Kauf, ohne eine Schließung oder eine Veräußerung in Betracht zu ziehen. Familienunternehmen besitzen in der Regel eine starke Identität und ein starkes Geschichtsbewusstsein; dementsprechend fällt es ihnen leichter, sich nicht über Quartalsergebnisse zu definieren, sondern ihren strategischen Fokus auf Langlebigkeit zu richten.
... die Bereitschaft, strategischen Zielsetzungen den Vorrang gegenüber strukturellen Gegebenheiten einzuräumen – die berühmte Formel „Structure follows Strategy“ also. Die Geschichte hat oft gezeigt, dass sich ein zu langes Festhalten an althergebrachten Strukturen auf Dauer nachteilig auf den Unternehmenserfolg und in weiterer Folge auf den Wirtschaftsstandort auswirken kann. Bestes Beispiel dafür bietet die bereits erwähnte Eisen- und Stahlindustrie in der Obersteiermark, die Mitte der 1980er-Jahre aufgrund struktureller Unzulänglichkeiten am Rande des Zusammenbruchs stand. Die Standortsicherung war fraglich, wurde aber mit klaren strategischen Vorgaben und mit deutlich schlankeren Strukturen geschafft.
Die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, veranschaulicht aber doch die Bedeutung historischen Denkens und Wissens für eine erfolgreiche Unternehmensführung. Das Verständnis von Traditionsunternehmen als „Wurzeln für die Zukunft“ dient in Wirtschafts- und Standortfragen somit als hilfreiche Leitplanke.






