Zum Inhalt springen

Nächster Halt: Grazenfurt

Unterressort
Stadt der Zukunft
Veröffentlicht
Lesezeit
4 min
Ab Fertigstellung im Jahr 2025 lässt der Koralmtunnel die zwei Landeshauptstädte Graz und Klagenfurt noch enger zusammenrücken, als es A2 und Packsattel jemals vermochten.

Ab Fertigstellung im Jahr 2025 lässt der Koralmtunnel die zwei Landeshauptstädte Graz und Klagenfurt noch enger zusammenrücken, als es A2 und Packsattel jemals vermochten. © ÖBB/Isochrom

Ab Fertigstellung im Jahr 2025 lässt der Koralmtunnel die zwei Landeshauptstädte Graz und Klagenfurt noch enger zusammenrücken, als es A2 und Packsattel jemals vermochten. Die 45 Minuten Reisezeit im Zug wird den Wirtschaftsraum im Süden Österreichs nachhaltig verändern. Aber wie genau?

Rund 400 Menschen schuften derzeit auf der Baustelle des Koralmtunnels. Sieben Tage die Woche im Mehrschichtbetrieb begeben sie sich in die Dunkelheit des Bergmassives, im Endeffekt um die Zugfahrtzeit von Klagenfurt nach Graz von aktuell zwei Stunden vierzig auf unter eine Stunde zu drücken. Was im ersten Moment nach einer komfortablen Erleichterung für pendelnde Studenten klingt, hat weitreichende wirtschaftspolitische Konsequenzen: Zwei Städte wachsen da zusammen, die im wechselseitigen Austausch enorm profitieren können. Die Chancen, die der Koralmtunnel mit sich bringt, sind seit geraumer Zeit auch Objekt von wissenschaftlicher Betrachtung. Konkret damit befasst hat sich der Leiter der Forschungsgruppe Regionalökonomie und Strukturpolitik am Joanneum Research, Eric Kirschner.

„Die Koralmbahn ist das größte sozialökonomische Experiment seit 165 Jahren, als die Semmeringbahn von Carl Ritter von Ghega Graz komplett veränderte“, sagt der Experte für empirische Sozialforschung über die Dimension des Tunnelprojekts. Im Frühjahr hat er eine Langzeitstudie vorgestellt, die sich mit dem „Wirtschaftsraum Südösterreich“ beschäftigt und einen besonderen Fokus auf die anstehenden Veränderungen legt, die vom Koralmtunnel angestoßen werden. „Mit dem Koralmtunnel entsteht eine neue urbane Agglomeration mit ungefähr 1,1 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern, was extreme Vorteile für die Erreichbarkeit mit sich bringt. Der Ballungsraum Graz/Klagenfurt/Villach, teilweise auch Leoben, wächst immer weiter zusammen“, sagt Kirschner. Mit dem Effekt, dass Regionen und Orte, die direkt im Einzugsgebiet der Bahnhöfe sind, gestärkt werden – Menschen ziehen zu, mehr Arbeitskräfte sind verfügbar, neue Firmen siedeln sich an.

Hausaufgaben erledigen

Es gilt aber, Hausaufgaben zu erledigen. Um das Potenzial der neuen Infrastruktur zu nutzen, müssen einige Rahmenbedingungen erfüllt werden, mahnt der Forscher. „So wird es nötig sein, die Flächen rund um die Bahnhöfe zu sichern und strategisch zu entwickeln, weil diese extrem wertvoll werden. Es wird Firmen brauchen, die Wachstumspotenzial haben, die in die Region passen, damit man proaktiv Regionalentwicklung betreiben kann“, sagt Kirschner, der sich innovative Jungunternehmen wünscht, die qualifizierte Arbeitsplätze schaffen – und keine Fastfood-Ketten. In der Studie zum Wirtschaftsraum weist er auch darauf hin, dass es nachhaltige Verbesserung bei der öffentlichen Erreichbarkeit und Schieneninfrastruktur über die 130 Kilometer lange Koralmbahn hinaus brauchen wird. Auch der flächendeckende Glasfaserausbau als Begleitmaßnahme wird unerlässlich sein, um den neu angesiedelten Unternehmen eine ausreichend schnelle Verbindung zum Internet zu ermöglichen.

Die schnelle Verbindung zwischen den Tourismusregionen – Vormittag in der steirischen Weinstraße, Nachmittag am Wörthersee – bringe Vorteile für den Fremdenverkehr. Der Kor-almtunnel erleichtere gemeinsame touristische Angebote und erhöhe so den Mehrwert für Besucher. Für die Forschungsstandorte Graz und Klagenfurt sollen sich auch neue Chancen eröffnen. Die unmittelbare geografische Nähe der Universitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen werde vom Koralmtunnel zusätzlich befeuert, was einer engeren strategischen Vernetzung zugutekomme. „Die Herausforderung wird darin liegen, KMU verstärkt in der Wissenschaft zu positionieren. Bereits bestehende Netzwerke und Initiativen können als ‚Enabler‘ für eine tiefergehende Kooperationsbereitschaft zwischen den beiden Bundesländern dienen“, sagt Kirschner, der im zusammenwachsenden Südraum eine höhere wirtschaftliche Dynamik, höhere Attraktivität, stärkere Bildungsinstitutionen und internationale Anziehungskraft ausmacht.

Max-Peter Menzel im Interview
Max-Peter Menzel im Interview © © aau/photo riccio

„Die Veränderung passiert nicht von heute auf morgen“

Was passiert mit zwei Städten, die durch ein Infrastrukturprojekt nah aneinanderrücken? Der Geograf Max-Peter Menzel erklärt den Präzendenzfall anhand des Beispiels Öresundbrücke.

Professor Menzel, über die Auswirkungen des Koralmtunnels kann derzeit viel gemutmaßt werden, genaue Prognosen erweisen sich aber aufgrund der Komplexität der Materie als schwierig. Wie lassen sich dennoch belastbare Aussagen treffen?
Max-Peter Menzel: Indem man Vergleiche sucht, die eine ähnliche Ausgangsposition vorweisen. Die Öresundbrücke zwischen Kopenhagen und Malmö ist dafür ein gutes Beispiel, weil sie eine größere Stadt mit einer kleineren verbindet und ähnlich wie bei Graz und Klagenfurt die Fahrzeit deutlich verringert.

Was lässt sich aus diesem Beispiel lernen?
Eine Studie, die sich mit den Veränderungen in den zehn Jahren nach Bau der Brücke beschäftigt hat, zeigt, dass sich die Prozesse zunächst erst langsam entwickeln. In den ersten paar Jahren nach der Fertigstellung tat sich noch nicht viel. Bis sich etwa die Verflechtungen am Arbeitsmarkt zeigen, dauert es eine gewisse Zeit, weil die Entscheidungen für einen Wohnortwechsel bei den Arbeitnehmern oft erst über einen längeren Zeitraum reifen. So etwas passiert nicht von heute auf morgen.

Als es dann so weit war, wie hat sich der Arbeitsmarkt durch die Öresundbrücke verändert?
Profitiert hat vor allem die kleinere Stadt Malmö in Schweden. Sie erfuhr durch die Brücke eine positive Entwicklung hinsichtlich des Bevölkerungswachstums. Viele Dänen, denen es in Kopenhagen zu teuer war, wurden von den günstigeren Mieten angezogen und haben sich in Malmö niedergelassen. Diese Entwicklung ist gerade aus der Klagenfurter Sicht heraus sehr interessant.

Zahlt sich so ein Zusammenwachsen also vor allem für die kleinere Stadt besonders aus?
Zumindest was den Innovationsaspekt angeht, gibt es dahingehend wissenschaftliche Untersuchungen. Eine Studie hat sich damit beschäftigt, wie sich der Innovationsgrad von Malmö nach der Eröffnung der Öresundbrücke entwickelt hat. Gemessen an der Rate von angemeldeten Patenten war Malmö vor der Eröffnung der Brücke eher unterdurchschnittlich im Vergleich zu Städten wie Göteborg oder Stockholm. Nach der Eröffnung ist der Anteil an Patenten angestiegen, Malmö wurde innovativer als vergleichbare Orte.

Wodurch kann man das erklären?
Letztlich wurden dafür zwei Aspekte angeführt. Erstens sind nach Öffnung der Brücke mehr Wissenschaftler nach Malmö gezogen, wohl weil der Standort attraktiver wurde. Zweitens wurden diese auch produktiver. Anscheinend hat die bessere Verkehrsanbindung dazu geführt, dass sie schneller mit anderen interagieren können. So fiel es ihnen leichter, neue Ideen aufzunehmen.

© © ÖBB/Chris Zenz

ZUM PROJEKT

Mit einer Länge von 33 Kilometern verkürzt der Koralmtunnel mit zwei Röhren die Zugreise zwischen den Landeshauptstädten Klagenfurt und Graz auf flotte 45 Minuten. Gebaut wird am Großprojekt seit März 2009, die Fertigstellung wird mit Ende 2025 angepeilt. Schätzungen zufolge soll der Koralmtunnel insgesamt über zehn Milliarden Euro kosten, Förderungen kommen allerdings aus dem Topf für die Transeuropäischen Netze der Europäischen Union.

Themen

  • ACstyria Materials Day
    Mobilität9 Min

    Werkstoff der Zukunft

    Advanced Materials sind weit mehr als ein Forschungsthema. Sie entscheiden darüber, wie effizient, robust, ressourcenschonend und wettbewerbsfähig Mobilität künftig sein kann. Beim Round-Table-Gespräch im Rahmen des ACstyria Materials Day am Red Bull Ring wurde deutlich, warum die Steiermark dafür beste Voraussetzungen mitbringt.

  • Sandra Venus @ Johannes Puch
    Mobilität6 Min

    „Wir müssen auf Spezialisierungen setzen“

    Seit Jänner 2026 ist Sandra Venus die neue Leiterin der Abteilung Finanzen & Controlling und Prokuristin bei der Forschungsgesellschaft Joanneum Research in Graz – und pendelt täglich mittels Koralmbahn aus Klagenfurt. Im Interview spricht die bekennende Optimistin über das Zusammenspiel von Forschung und Wirtschaft, das nicht zuletzt die wirtschaftliche Kraft der Steiermark mit ausmacht.

  • Gernot Deutsch
    History2 Min

    Quelle des Erfolgs

    Das Heilthermen Resort Bad Waltersdorf hat sich in 40 Jahren vom klassischen Bad zum Premium-Resort entwickelt. Geschäftsführer Gernot Deutsch über Qualität statt Masse, Nachhaltigkeit als DNA und warum die Zukunft den Unternehmen gehört, die ihren Mitarbeitenden Sinn geben.

  • Gläserne Weltkugel mit Mobilität-Icons in freier Natur
    Mobilität5 Min

    Vom Automobil- zum Mobilitätscluster

    Anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums des ACstyria-GF luden wir GF Christa Zengerer & Wirtschaftslandesrat Willibald Ehrenhöfer zum Interview über die Zukunft der Mobilität.

  • Grüner Graf in der Wüste der mit seinem Wachstum auch das Land begrünt
    Klimaschutz8 Min

    Wirtschaftsfaktor Klimaschutz

    Der renommierte Klimaökonom Karl Steininger im Gespräch über die wirtschaftlichen Folgen der Erderwärmung, die Rolle von CO2-Bepreisung und warum schnelles Handeln jetzt entscheidend ist.

  • Julia Schwager © Foto Fischer
    Arbeitswelt2 Min

    Zukunft braucht Menschen

    Die Fahrzeugindustrie verändert sich rasant. Entscheidend für ihre Zukunft sind nicht nur neue Technologien, sondern vor allem die Menschen, die Wandel möglich machen. Julia Schwager, Head of Global HR bei AVL DiTEST, im Gespräch.

Taboola · Below Article Thumbnails

Nächster Artikel

BUSINESS-MONAT-Chefredakteurin Lissi Stoimaier im Gespräch mit der Expertenrunde
6 Min
Stadt der Zukunft

Quo vadis, Graz?

Quo vadis, Graz? Eine Frage, auf die sich nicht leicht eine Antwort finden lässt. Wir haben trotzdem einen Versuch gestartet und im großen Round-Table-Gespräch spannende Aussichten gefunden.