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Ressource Mensch

Wo Menschen Berge versetzen

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Ausbildung & Lehre
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5 min
Christina Holweg

Christina Holweg, Vizerektorin der Montanuniversität Leoben © Thomas Luef

Die Montanuniversität Leoben positioniert sich neu – mit dem Anspruch, im internationalen Wettbewerb ganz vorne mitzuspielen. Vizerektorin Christina Holweg spricht über Nachhaltigkeit als Wirtschaftstreiber, unkonventionelle Wege im Recruiting – und warum „Versetz’ Berge“ weit mehr ist als ein Slogan.

Die Montanuniversität Leoben gilt seit jeher als traditionsreiches Zentrum für Bergbau und Materialwissenschaften. Doch die Welt verändert sich – und mit ihr die Anforderungen an Ausbildung und Forschung. Unter dem Leitbild „Circular Engineering“ hat sich die Universität in den letzten Monaten neu positioniert. Im Gespräch mit dem BUSINESS MONAT erklärt Vizerektorin Christina Holweg, warum Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit keine Gegensätze sind, wie man auf Festivals für Technik begeistert – und was es mit dem neuen Claim „Versetz’ Berge“ auf sich hat.

BUSINESS MONAT: Frau Holweg, die Montanuniversität Leoben spricht von Circular Engineering als ihrer zentralen Positionierung. Was verbirgt sich hinter diesem Ansatz – und wie unterscheidet er sich von der klassischen Circular Economy?

Christina Holweg:Die Kreislaufwirtschaft, wie sie die meisten kennen, konzentriert sich stark auf die Verlängerung des Lebenszyklus bestehender Produkte – also auf Reparatur, Wiederverwendung und Recycling. Circular Engineering geht einen entscheidenden Schritt weiter: Wir betrachten den gesamten Entstehungszyklus eines Produkts – von der Gewinnung der Rohstoffe über die Verarbeitung und Entwicklung bis hin zur Produktion, Nutzung und Verwertung. Damit rücken wir innovative Technologien, neue Materialien und Nachhaltigkeit in jedem einzelnen Abschnitt dieses Kreislaufs ins Zentrum. Im Grunde bildet Circular Engineering die Basis für die Kreislaufwirtschaft – nur umfassender und konsequenter gedacht.

Sie betonen, dass dieser Ansatz nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich entscheidend ist.

Absolut. Nehmen wir die Energiewende: In der Entwicklung von grünem Wasserstoff forschen wir eng mit Industriepartnern zusammen, ebenso im Bereich Recycling seltener Erden aus Elektronikschrott. Auch Unternehmen wie voestalpine, OMV, AT&S oder AMAG arbeiten mit uns, wenn es darum geht, neue Verfahren zu entwickeln – sei es bei innovativen Werkstoffen, in der Photovoltaik oder in der Energietechnik. Nachhaltigkeit ist hier nicht nur ein gesellschaftliches Anliegen, sondern ein Treiber für neue Geschäftsmodelle und Märkte.

International scheint die Montanuniversität längst einen hervorragenden Ruf zu genießen – rund 30 Prozent Ihrer Studierenden kommen aus dem Ausland. Welche Rolle spielt Leoben global in diesem Feld?

Wir sind eine fokussierte technische Universität, die Rohstoffe, Prozesse und Werkstoffe in einer Gesamtsicht behandelt. Diese Spezialisierung macht uns international einzigartig. Unsere Expertise reicht vom ressourcenschonenden Rohstoffabbau über die Weiterverarbeitung bis zur Entwicklung innovativer Anwendungen – etwa in der Medizintechnik, wo heute schon patientenspezifische Implantate im 3D-Druck hergestellt werden. Das internationale Interesse bestätigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

„Unsere Studierenden wollen nicht nur Technik beherrschen – sie wollen die Zukunft gestalten.“
Christina HolwegVizerektorin der Montanuniversität Leoben

Ein zentrales Element Ihrer Neupositionierung ist der neue Claim „Versetz’ Berge“ – international „Move Mountains“. Was bedeutet er für die Universität?

Der Claim ist mehr als ein Slogan. Er verbindet unsere Wurzeln im Bergbau mit unserem heutigen Anspruch, wissenschaftliche Exzellenz und technologischen Pioniergeist einzusetzen, um große Herausforderungen zu lösen. Er spricht Studierende an, die mit ihrem Wissen tatsächlich Berge versetzen wollen, genauso wie unsere Forscherinnen und Forscher, die in Projekten mit ungewissem Ausgang an bahnbrechenden Lösungen arbeiten. Dass wir – gemessen an unserer Größe – den höchsten Anteil an „Cleantech-Patenten“ haben, zeigt, dass dieser Spirit bei uns täglich gelebt wird.

Viele Traditionsuniversitäten ringen mit dem Spagat zwischen Herkunft und Zukunft. Wie ist es Ihnen gelungen, die Tradition Leobens mit einem modernen Auftritt zu verbinden?

Indem wir die Stärken unserer Vergangenheit bewusst als Fundament nutzen. Unsere Expertise im Bergbau oder in den Materialwissenschaften ist unbestritten – doch wir ergänzen sie um Recyclingtechnologien, Umwelt- und Energietechnik. Das ist nichts völlig Neues, aber es wurde bislang zu wenig sichtbar gemacht. Heute sprechen wir stärker darüber und zeigen, wie sehr diese Kompetenzen die zentralen Zukunftsthemen der Gesellschaft berühren.

Apropos Sichtbarkeit: Sie sind als Universität auf Festivals wie dem Frequency oder bei Maturareisen präsent – ein ungewöhnlicher Ansatz. Wie kam es dazu?

Die Idee entstand, weil solche Großveranstaltungen enorme Mengen an Abfall produzieren. Da war es naheliegend, dass wir als Problemlöser auftreten. Unsere Studierenden und Professoren zeigen dort live, wie Recycling funktioniert – etwa beim Einschmelzen von Aludosen oder beim Upcycling von PET-Flaschen zu 3D-gedruckten Produkten. Die Atmosphäre ist locker, man kann selbst mitmachen, und gleichzeitig lernen die jungen Menschen unsere Universität und ihre Menschen ganz unmittelbar kennen. Das kommt enorm gut an.

Vizerektorin Christina Holweg im Gespräch mit BUSINESS MONAT Cherfredakteurin Lissi Stoimaier
Vizerektorin Christina Holweg im Gespräch mit BUSINESS MONAT Cherfredakteurin Lissi Stoimaier © Thomas Luef

Viele junge Menschen sind bei der Studienwahl noch unsicher. Wie gewinnen Sie diese „unentschlossenen Köpfe“ für MINT-Fächer?

Wir setzen sehr früh an – schon ab der zweiten Schulstufe. Mit unserem Lehr-Lern-Labor haben wir seit 2021 über 6.000 Kinder vom Volksschulalter bis in die Sekundarstufe begeistert. Später folgen Kooperationen mit Gymnasien und HTLs, Sommercamps und Workshops. Wichtig ist dabei auch, Berufsbilder greifbar zu machen: Was macht eigentlich eine Klima- und Umweltschutztechnikerin? Welche Karrierewege eröffnet Recyclingtechnik? Wer das praktisch erlebt, versteht schnell, wie vielfältig die Möglichkeiten sind.

Rund ein Drittel Ihrer Studierenden sind Frauen – ein bemerkenswert hoher Wert für eine technische Universität. Wie erklären Sie sich das?

Wir haben einerseits Studienrichtungen, die von Natur aus stark nachgefragt sind, etwa Umwelt- und Klimaschutztechnik, Materialwissenschaften oder Recyclingtechnik – dort liegt der Frauenanteil sogar über 50 Prozent. Andererseits sprechen wir seit einiger Zeit gezielt junge Frauen an. Denn wir sind überzeugt: Alle unsere Studiengänge bieten enormes Potenzial für Frauen, auch in Bereichen, die traditionell als „männlich“ gelten.

Ein Blick nach vorne: Welche Regionen möchten Sie künftig stärker ansprechen?

Wir sind bereits sehr gut in Südosteuropa vertreten, auch in Teilen Afrikas und Asiens. Südamerika sehen wir als spannenden Zukunftsmarkt. Grundsätzlich ist für uns klar: Marketing ist ein kontinuierlicher Prozess – unsere Zielgruppe rotiert permanent, weil Studierende nur eine bestimmte Zeit bei uns verbringen. Umso wichtiger ist es, unsere Inhalte sowohl national als auch international sichtbar zu machen.

Wenn wir in fünf Jahren wieder miteinander sprechen – woran würden Sie messen, dass die Neupositionierung der Montanuniversität ein Erfolg war?

Daran, dass unsere Botschaft klar verstanden wird: Leoben ist keine reine Bergbau-Universität mehr, sondern ein internationaler Hotspot für Circular Engineering, Recyclingtechnik und nachhaltige Werkstoffentwicklung. Wenn Studierende und Partnerunternehmen uns genau dafür aufsuchen – und wenn wir gleichzeitig weiterhin Spitzenforschung betreiben und Patente hervorbringen –, dann haben wir unser Ziel erreicht.

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