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Ressource Mensch

Vom Karriereknick zur Karrierechance

Unterressort
Ausbildung & Lehre
Veröffentlicht
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4 min
Yvonne Popper-Pieber

Yvonne Popper-Pieber, stellvertretende Landesgeschäftsführerin des AMS Steiermark © Thomas Luef

Der österreichische Arbeitsmarkt steht vor einer Zeitenwende: Digitalisierung und KI verändern Berufsbilder radikal, gleichzeitig verschärfen Fachkräftemangel und demografischer Wandel den Wettbewerb um Talente. Besonders Frauen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Yvonne Popper-Pieber, stellvertretende Landesgeschäftsführerin des AMS Steiermark, dazu im großen BUSINESS MONAT-Interview.

BUSINESS MONAT: Frau Popper-Pieber, beginnen wir mit einem Blick auf das große Ganze: Wie würden Sie die aktuelle Lage am österreichischen Arbeitsmarkt beschreiben?

Yvonne Popper-Pieber: Der Arbeitsmarkt ist in Bewegung, das lässt sich ganz klar sagen. Wir erleben derzeit eine Phase, in der viele Parameter gleichzeitig wirken: Digitalisierung, ökologische Transformation, aber auch der demografische Wandel. Berufsbilder verändern sich rasant, bestehende Tätigkeiten werden angepasst, neue entstehen. Damit verschiebt sich auch das Anforderungsprofil an Arbeitnehmer:innen – und das verlangt nach einer höheren Qualifizierung. Besonders die Fachkräfteausbildung wird künftig noch wichtiger, weil Menschen mit geringer formaler Ausbildung stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sein könnten.

Sie sprechen den Wandel an. Welche Entwicklungen werden den Arbeitsmarkt Ihrer Einschätzung nach langfristig am stärksten prägen?

Die Digitalisierung ist sicherlich der prägendste Faktor. Tätigkeiten, die stark auf Routinearbeit beruhen, werden zunehmend automatisiert – denken Sie nur an Self-Check-outs oder die Digitalisierung in der Buchhaltung. Doch jede technologische Veränderung eröffnet auch Chancen: Wir sehen neue Berufsfelder entstehen, etwa im Bereich Automatisierung, IT oder Datenanalyse. Wichtig wird es sein, diesen Wandel aktiv zu gestalten. Unser Ansatz beim AMS ist daher „Skill-Matching“ – wir schauen weniger auf starre Lebensläufe, sondern stärker auf Fähigkeiten: Welche Kompetenzen bringt jemand mit? Was kann im Unternehmen noch zusätzlich erlernt werden? Diese Haltung wird für Unternehmen entscheidend, bei der Suche nach Fachkräften.

„Jede technologische Veränderung eröffnet nicht nur Herausforderungen, sondern vor allem auch Chancen.“
Yvonne Popper-PieberStellvertretende Landesgeschäftsführerin des AMS Steiermark

Das klingt nach einem Paradigmenwechsel – weg von klassischen Berufsbezeichnungen, hin zu Kompetenzprofilen. Wie unterstützt das AMS Steiermark Unternehmen und Arbeitssuchende in diesem Prozess?

Wir bieten unter anderem arbeitsplatznahe Qualifizierungen, Stiftungsmodelle und maßgeschneiderte Weiterbildungen an. Ziel ist, Menschen so zu qualifizieren, dass sie genau jene Skills erwerben, die ein Betrieb braucht. Für Unternehmen ist das eine enorme Chance, weil sie nicht mehr darauf warten müssen, die „perfekte“ Bewerberin oder den „perfekten“ Bewerber am Markt zu finden. Und für Arbeitssuchende bedeutet es, dass sie ihre vorhandenen Fähigkeiten erweitern und zukunftssicher einsetzen können.

Kommen wir zu einem Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt: Frauenförderung. Welche Herausforderungen sehen Sie für Frauen am Arbeitsmarkt?

Frauen sind nach wie vor mit strukturellen Hürden konfrontiert. Der klassische Karriereknick kommt, wenn Familien gegründet werden. Viele Frauen arbeiten dann in Teilzeit, oft nicht aus freier Entscheidung, sondern weil es an der Kinderbetreuung scheitert. Später übernehmen Frauen auch überproportional häufig die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger. Das alles wirkt sich massiv auf Erwerbsverläufe, Karrierechancen und schließlich auch auf Pensionen aus. Gleichzeitig liegt aber genau hier das große Potenzial. Frauen sind heute besser gebildet als Männer – es gibt mehr weibliche Uni-Absolventinnen als -Absolventen in Österreich. Doch dieses Potenzial spiegelt sich noch nicht in Führungspositionen wider, auch nicht in technischen Berufen, wo wir Frauen dringend brauchen.

Wie reagiert das AMS darauf? Welche speziellen Angebote gibt es für Frauen?

Frauenförderung ist seit vielen Jahren ein integraler Bestandteil unserer Arbeit. Wir geben österreichweit überproportional mehr Mittel für Frauenförderung aus – mit einer Quote von mindestens vier Prozent. Konkret gibt es Programme wie FIT – Frauen in Handwerk und Technik – oder Kooperationen mit Fachhochschulen, die Frauen gezielt in MINT-Bereichen ausbilden. In der Steiermark betreiben wir eigene Ausbildungszentren wie das ZAM, die Frauen bei der Höherqualifizierung begleiten. Ganz neu ist unsere Kampagne „Ausbildung – macht sie! Zukunft – hat sie!“.

Yvonne Popper-Pieber im Gespräch mit CR Lissi Stoimaier
Yvonne Popper-Pieber im Gespräch mit Chefredakteurin Lissi Stoimaier © Thomas Luef

Was ist das Ziel von „Ausbildung – macht sie! Zukunft – hat sie!“?

Damit wollen wir nicht nur Frauen, die bereits bei uns gemeldet sind, informieren, sondern auch jene erreichen, die derzeit gar nicht am Arbeitsmarkt aktiv sind – die sogenannte „Out-of-Labour-Force“. Viele Frauen engagieren sich im Ehrenamt, in Familienarbeit oder sind geringfügig beschäftigt. Genau diese möchten wir ansprechen und Wege zurück in die Erwerbstätigkeit eröffnen.

Ein kritischer Moment ist oft der Wiedereinstieg nach der Karenz.

Wir bieten unterschiedliche Einstiegshilfen, von Teilqualifizierungen über arbeitsplatznahe Qualifizierungen bis hin zu umfassenden Fachausbildungen. Wichtig ist uns, Frauen zu zeigen, dass Weiterbildung gerade in Umbruchphasen eine Chance ist. Wir unterstützen individuell durch Finanzierung der Kurskosten, Fachkräftestipendien, aber auch durch enge Kooperation mit Unternehmen. Besonders interessant für Gründerinnen ist unser Unternehmensgründungsprogramm – und für Ein-Personen-Unternehmen gibt es sogar die Möglichkeit, den ersten Mitarbeiter oder die erste Mitarbeiterin über das AMS fördern zu lassen.

Das Thema Teilzeit ist in Österreich umstritten. Wie sehen Sie die Entwicklung?

Teilzeit ist nicht per se negativ. Für viele Frauen ist sie eine Notwendigkeit – weil Kinderbetreuung oder Pflegeverpflichtungen keine Vollzeit erlauben. Aber sie kann auch ein Modell sein, das Flexibilität schafft, für Arbeitnehmer:innen wie für Unternehmen. Wichtig ist, dass wir Arbeitszeitmodelle neu denken: flexibler, individueller, an Lebensrealitäten angepasst. Und das setzt voraus, dass die Politik bei Kinderbetreuung und Pflege deutlich stärker ausbaut, besonders im ländlichen Raum. Sonst bleibt Teilzeit für viele Frauen eine Zwangslösung – mit allen bekannten Nachteilen bei Einkommen und Pension.

Lassen Sie uns zum Schluss in die Zukunft blicken: Wenn Sie einen Wunsch für den österreichischen Arbeitsmarkt frei hätten – welcher wäre das?

Mein größter Wunsch ist, dass Frauen ihre Fähigkeiten und Interessen konsequent verfolgen können – auch in Bereichen, die heute noch männlich dominiert sind. Wenn mehr Frauen in Technik, IT oder Führungsfunktionen Fuß fassen, verändert das nicht nur ihre persönliche Karriere, sondern auch den Arbeitsmarkt selbst – hin zu mehr Vielfalt, mehr Perspektiven und letztlich auch mehr Innovationskraft.

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