Ressource Mensch
Leistung braucht Klima
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Während Unternehmen in Rekrutierungskampagnen und Boni investieren, liegt ein entscheidender Erfolgsfaktor oft im Verborgenen: das Klima am Arbeitsplatz. Gelebte Wertschätzung wirkt wie ein Multiplikator – für Motivation, Kreativität und wirtschaftliche Performance. Wertschätzungs-Experte Florian Simon erklärt, wie Firmen diesen Kapitalhebel strategisch einsetzen können.
Im Schmelztiegel der steirischen Industrien – von Grazer Hightech-Scheiden bis zu Maschinenbau-Hidden-Champions im metallverarbeitenden Kernland – tobt ein Kampf um Köpfe, den weder Gehalt noch Prestige alleine gewinnen. Denn die Grüne Mark, einst Horst stabiler Fachkräfte-Zuläufe, steht vor einem demografischen Dilemma: Bis 2040 werden in der Steiermark über 50.000 Arbeitsplätze unbesetzt bleiben – die Alterung der Erwerbsbevölkerung fordert einen tiefgreifenden Strategiewechsel. Der Arbeitsmarkt zeigt die Spannung eindrücklich: Rund 60 Prozent der steirischen Betriebe klagen über akuten Fachkräftemangel, begleitet von über 12.400 offenen Stellen. Lehrlingsmangel verschärft die Schieflage: 2.500 offene Lehrstellen stehen nur 1.500 interessierten Jugendlichen gegenüber (Quelle: orf.at).
Arbeitskultur als Kapital
Gleichzeitig kristallisiert sich eine neue Anforderung an Arbeit heraus: Der klassische 9-to-5-Job verliert an Attraktivität. Mitarbeiter:innen wollen kein bloßes Absitzen, sondern Effizienz, Flexibilität, sinnstiftende Aufgaben und Wertschätzung. Seit der Pandemie nutzen 65 Prozent der österreichischen Beschäftigten regelmäßig Homeoffice. Und auch, wenn die zunehmende Skepsis mancher Geschäftsführungen schwer wiegt, die effizientere Produktivität in kürzerer Zeit ist belegt: Internationale Pilotstudien – etwa zur 4-Tage-Woche – bestätigen Produktionsgewinne von 20 bis 40 Prozent und sind damit ein klares Argument für kluge, nicht bloß längere Arbeit! Laut einer AMS-Statistik aus dem Jahr 2024 fühlen sich 78 Prozent der Arbeitnehmer:innen in einem wertschätzenden Umfeld motivierter und engagierter.
Wer also attraktive Rahmenbedingungen wie etwa flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, familienunterstützende Maßnahmen und ein wertschätzendes Arbeitsklima schafft, kann dem Fachkräftemangel begegnen und die Leistungswelt von „awful 9-to-5“ in „awesome work“ verwandeln. Was aber gelebte Wertschätzung am Arbeitsplatz wirklich bedeutet und wie Unternehmen diesen Vorteil gezielt nutzen können, weiß der Grazer Wertschätzungsexperte und -Trainer Florian Simon.

BUSINESS MONAT: Sie stehen mit Ihrem Coachingcenter in Graz für gelebte Wertschätzung am Arbeitsplatz. Doch wie sieht diese in der Praxis genau aus?
Florian Simon: Wenn Unternehmen im eigenen Team die gelebte Wertschätzung erhöhen möchten, sollten Geschäftsführungen zunächst offen fragen: Wie zeigt sich für dich Wertschätzung im Alltag bei uns? Man muss also aufpassen, nicht nach der „einen“ Lösung zu suchen, sondern individuell zu schauen, was es für meinen Arbeitsplatz oder unser Unternehmen braucht. Aus Befragungen wissen wir aber, dass die konkreten Wünsche in der Regel aus folgenden Bereichen kommen: mehr unmittelbare Anerkennung auf die eigene Arbeit bekommen, mehr Vertrauen und Zutrauen spüren und mehr Interesse für mich als Mensch erhalten.
Inwieweit kann eine positive Arbeitsatmosphäre als Wettbewerbs-vorteil für Unternehmen dienen und wie lässt sich dieser Vorteil messen?
Wertschätzung ist mittlerweile ein wichtiger Teil des Unternehmenserfolgs, der in allen Bereichen mitgedacht werden sollte. Konkrete positive Auswirkungen sind: höhere Arbeitszufriedenheit, Vorteile im Recruiting, stärkere Bindung ans Unternehmen und gesteigerte Kreativität sowie Innovation. Die Vorteile kann man einerseits direkt über Mitarbeitenden-Befragungen messen und andererseits indirekt über unternehmerische Kennzahlen wie Fluktuationsrate, Fehlzeitenquote, Produktivitätskennzahlen oder Kundenzufriedenheitsmessungen.
Und welche praktischen Schritte können Unternehmen veranlassen, um eine Kultur der Wertschätzung zu etablieren?
Es ist wichtig, den Begriff der Wertschätzung zu konkretisieren – durch Gespräche oder interne Befragungen. Viele Wertschätzungs-Initiativen scheitern daran, dass sie von einer engagierten Gruppe im Alleingang durchgezogen werden, was aber von vielen als verordnet wahrgenommen wird. Um die Chancen auf echte Kulturveränderung zu erhöhen, ist es wichtig, von Anfang an möglichst alle Gruppen wie Geschäftsführung, Führungskräfte, Mitarbeitende und Betriebsrat einzubeziehen. Wertschätzung sollte über aller Hierarchiestufen hinweg verteilt sein. Es dürfen demnach auch positive Rückmeldungen des Kunden oder eines Kollegen gefeiert werden. Im Endeffekt ist das Ziel, einen Schneeball-Effekt der Wertschätzung zu erzeugen: Wer Wertschätzung am eigenen Leib erlebt, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst wertschätzend verhalten.

Unsere Arbeitsplätze sowie Ansprüche an den Arbeitsalltag entwickeln sich weiter. Wohin aktuell eigentlich genau?
Wenn man aktuelle Studien ansieht, sind die wichtigsten Themen bei Arbeitnehmer:innen ganz klar Arbeitsplatzsicherheit, Arbeitsklima im Büro und die Flexibilität des Jobs. Bei Unternehmer:innen zeigt sich 2025 ein etwas anderes, aber eng verwandtes Prioritäten-Set: stark geprägt von Fachkräftemangel, Digitalisierung und sich wandelnden Marktbedingungen. Darüber hinaus rückt das Thema der KI-Integration immer mehr in den Vordergrund.
Wie hat sich die Arbeitsatmosphäre in Unternehmen durch die Einführung von Homeoffice und hybriden Arbeitsmodellen verändert?
Mitarbeitende können seit der Einführung von Homeoffice meist konzen-trierter und fokussierter arbeiten. Für bestimmte Aufgaben sind die Bedingungen zu Hause häufig günstiger, weil es weniger Störungen der Arbeit gibt, was die Produktivität deutlich steigert. Das lässt sich auch durch die aktuelle Studienlage gut untermauern. Aktuelle Umfragen belegen auch, dass flexible Arbeitszeiten und hybride Modelle die Rückkehrquoten von Müttern erhöhen sowie den Wiedereinstieg für Mütter insgesamt erfolgreicher gestalten machen.
Welche spezifischen Bedürfnisse und Erwartungen hat die Generation Z in Bezug auf Work-Life-Balance und wie können Unternehmen darauf reagieren?
Arbeit steht nicht mehr im alleinigen Werte-Zentrum und dadurch ist auch die „Always-on“-Mentalität nicht mehr so verbreitet wie früher. Leistung und beruflicher Erfolg sind weiterhin ein wichtiger Wert, jedoch im Kontext und in Balance mit anderen Werten wie Sinn, Freude, Selbstverwirklichung, Arbeitsatmosphäre oder soziale Verantwortung. Unternehmen können darauf reagieren, indem sie auf der sozialen Ebene wie etwa in ihre positive Unternehmenskultur investieren sowie ihren unternehmerischen Sinn transparent machen bzw. auf der strukturellen Ebene zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle anbieten oder Weiterbildungszeit als integralen Bestandteil der Arbeitszeit implementieren.






