Ressource Mensch
50+ als Ressource
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Über 50, erfahren, aber oft unsichtbar? Dabei sind Mitarbeiter:innen weit mehr als eine Zahl – sie sind ein enormes Potenzial am Arbeitsmarkt. Entscheidend ist der Aufbau einer inklusiven, generationenübergreifenden Arbeitskultur. Wie das gelingt und wie eine Generation wieder durchstarten kann, erklärt Diversity-Management-Trainerin Yvonne Sammer.
Wenn erfahrene Fachkräfte in den Spiegel blicken, sehen sie nicht nur Spuren der Zeit – sie sehen ein Portfolio aus Kompetenz, Leben und ein jahrzehntelang gewachsenes Know-how. Doch im Lebenslauf, so berichten viele Arbeitssuchende mit 50+, werden sie oft einfach übersehen. Ihre Bewerbung landet im Recruitingprozess auf dem Stapel „zu alt“, die Türen bleiben zu. Ein Bias, der nachweislich wirtschaftliches Potenzial verschenkt. Das bestätigt auch eine AMS-Studie, die aufzeigt, dass bei 12 Prozent der Bewerber:innen eine Benachteiligung aufgrund des Alters erfolgt. Besonders kritisch wird es bei Langzeitarbeitslosigkeit: Hier sinken die Einladungschancen zu einem Bewerbungsgespräch signifikant, selbst bei hoher fachlicher Qualifikation. Für Unternehmen bedeutet das, auf wertvolle Ressourcen zu verzichten – wie etwa auf Resilienz, strategisches Denken, Problemlösungskompetenz und ein starkes Teamgefühl. In einer Zeit des Fachkräftemangels ist dies nicht nur ein soziales, sondern auch ein betriebswirtschaftliches Versäumnis.
Ältere Arbeitnehmer:innen können ihre Wettbewerbsfähigkeit gezielt steigern, indem sie ihre Stärken strategisch positionieren und kontinuierlich weiterentwickeln. Dazu gehören praxisorientierte Bewerbungstrainings, Fortbildung im Bereich Digital Skills und die Inanspruchnahme von AMS-Förderungsprogrammen. Aber auch der gezielte Aufbau beruflicher Netzwerke und eine sichtbare Präsenz auf relevanten Karriere-Plattformen erhöhen zusätzlich die Marktpräsenz. Gleichzeitig liegt ein wesentlicher Hebel bei den Unternehmen selbst: Sie müssen eine altersdiverse Belegschaft nicht nur akzeptieren, sondern aktiv fördern. Das bedeutet altersübergreifende Teams zu etablieren, Wissenstransfer systematisch zu nutzen und eine Unternehmenskultur zu schaffen, die Erfahrung als Wettbewerbsvorteil begreift.
BUSINESS MONAT: Welche Herausforderungen begegnen Ihnen häufig, wenn Sie Arbeitssuchende über 50 dabei unterstützen, ihr Potenzial in berufliche Stärken umzuwandeln?
Yvonne Sammer: Weiterbildungen wurden oft aus Zeit- oder Kostengründen vernachlässigt, so fehlt manchmal der aktuelle Stand in bestimmten Fach- oder Technologiebereichen. Männer konnten ihre Chancen auf Fortbildung im Berufsalltag leichter nutzen, besonders in Führungskräfte- oder Fachrollen. Lebensläufe von Frauen hingegen enthalten nicht selten Lücken aufgrund von Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen oder längeren Teilzeitphasen. Dies erschwert die Positionierung am Arbeitsmarkt und führt zu geringeren Pensionsansprüchen. Hinzu kommen stereotype Zuschreibungen und Vorurteile, dass wir mit 50+ zu alt oder weniger belastbar seien.

Welche Strategien empfehlen Sie älteren Bewerber:innen, um Absagen zu vermeiden und ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern?
Ältere Bewerber:innen punkten, wenn sie den Wert ihrer Erfahrungen und den Benefit, den sie für das Unternehmen mitbringen, klar und deutlich kommunizieren, statt sich für lange Karrieren oder Lücken zu entschuldigen. Wer seine Erfolge in Zahlen und Beispielen belegt, wirkt für Arbeitgeber attraktiver. Im besten Fall Soft Skills in den Vordergrund stellen und die eigene Flexibilität betonen. Auch keine Scheu davor haben, persönliche Netzwerke zu aktivieren und für sich zu nutzen. Modern gestaltete Bewerbungsunterlagen oder etwa ein gepflegtes LinkedIn-Profil signalisieren: „Ich bin am Puls der Zeit!“
Welche gesellschaftlichen Vorurteile existieren gegenüber älteren Arbeitnehmer:innen und wie können diese überwunden werden, um eine inklusive Arbeitskultur zu schaffen?
Ältere Mitarbeiter:innen sind häufiger krank als jüngere Beschäftigte oder Ältere sind teurer, außerdem gehen sie bald in Pension … Dieses Bild ist jedoch veraltet. In der Unternehmenskultur sollte es Standard sein, das Alter als Diversitätsfaktor – wie Geschlecht oder Herkunft – zu behandeln. Etwa Erfolgsgeschichten von 50+-Mitarbeiter:innen sichtbar machen, Workshops zum Abbau unbewusster Vorurteile anbieten und Teams bewusst altersgemischt besetzen, um Wissenstransfer und Innovationskraft zu fördern. Aber auch im Personalmanagement müssen Fähigkeiten statt Geburtsjahr in den Vordergrund gestellt werden.
Welche Problemthemen tun sich bei bestehenden Mitarbeiter:innen mit 50+ explizit im Arbeitsalltag auf?
Unterschiedliche Arbeits- und Kommunikationsstile sind zu beobachten. Die Generation 50+ arbeitet oft struktur- und prozessorientiert, während jüngere Kolleg:innen eher spontan und kreativ agieren und gerne digitale Tools verwenden. Schwierig kann es werden, wenn Tool-Updates erfolgen oder neue Prozesse zu schnell eingeführt werden, ohne altersgerechte Schulung. Das kann zu Stress führen und Abneigung erzeugen. Und ja, es können sich Gesundheits- und Energiethemen bemerkbar machen. Hormonelle Veränderungen bei Frauen können die Energie beeinflussen oder zu Konzentrationsschwankungen führen. Die Frage ist eher, ob diese Themen tabuisiert werden oder Lösungen dafür gefunden werden.

Welche Unterstützung können Unternehmen bieten, um diese Phase zu erleichtern?
Klarheit schaffen durch Gespräche und alternative Karrierepfade mit neuen Rollen und Aufgaben ermöglichen – etwa als Senior Expert, durch interne Beratung oder Job-Sharing. Und das betriebliche Gesundheitsmanagement forcieren, wo etwa Menopause oder Andropause offen besprechbar sind und mit konkreten Maßnahmen begleitet werden – etwa die Möglichkeit für Homeoffice, flexible Arbeitsmodelle usw. Und vor allem Generationsunterschiede bewusst nutzen. Zum Beispiel durch altersgemischte Teams, Reverse Mentoring und gezielte Projektrunden, um Erfahrung und neue Ideen miteinander zu verbinden.
Altersgemischt Teams sollen vermehrt in Unternehmen zum Alltag gehören. Welche Vorteile in Bezug auf Innovation und Produktivität sehen Sie in diesem Konzept?
Jüngere Mitarbeitende bringen oft frische Ideen, digitales Know-how und den Mut zum Ausprobieren mit, während ältere Kolleg:innen Fachwissen, Branchenverständnis und erprobte Lösungsansätze einbringen. Jüngere fangen nicht bei Null an, sondern profitieren von bewährten Strategien. Wissen fließt in beide Richtungen. Im Arbeitsalltag kann das bedeuten, dass eine erfahrene Führungskraft dabei hilft, die Vision der Jüngeren in realistische Arbeitsschritte zu übersetzen. Umgekehrt kommen vielleicht durch die jüngere Generation neue KI-Tools zum Einsatz, die diesen Prozess beschleunigen.






