Zum Inhalt springen

Anschluss für den Süden

Ressort
History
Veröffentlicht
Lesezeit
2 min
Anschluss für den Süden

© Oebb

Die alten Herzogtümer Steiermark und Kärnten waren geografisch lange voneinander abgeschottet. Erst die Eisenbahn ließ die Bundesländer näher zusammenrücken. Der Koralmtunnel rundet die historische Entwicklung nun ab – ein neuer Wirtschaftsraum entsteht.

Kärnthen ist seit Jahren von seinen Nachbarprovinzen in jeder Beziehung überflügelt worden. Ohne Eisenbahn, gleichsam abgeschnitten aus dem directen Verkehre mit der übrigen Welt, wäre für die Dauer eine Concurrenz unserer Montanindustrie nahezu unmöglich.“

Dass diese Klage aus dem Süden ausgerechnet in der Morgenausgabe der Grazer Zeitung vom 26. Oktober 1852 zu lesen war, spricht Bände. Die Steiermark war ihrem südlichen Nachbarn damals schon zahlreiche Bahnkilometer voraus, die Arbeiten an der Südbahn in vollem Gange. Nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1857 verband sie Wien über den Semmering durch das Mürztal bis Bruck/Mur, von dort der Mur entlang nach Graz führend, weiter nach Marburg, über Laibach mit Triest. Das Kronland Kärnten blieb vorerst auf dem Abstellgleis.

Huldigung Habsburgs

Es sollte bis 1865 dauern, ehe die Bestrebungen zur Errichtung einer Eisenbahnanbindung Kärntens Richtung Norden Fahrt aufnehmen konnten. Ein Privatkonsortium musste zunächst die Finanzierung sicherstellen, der Staat war damals noch recht zurückhaltend, was die Unterstützung des öffentlichen Verkehrs betraf. Dem herrschenden Haus Habsburg wurde dennoch gehuldigt, und zwar mittels -Namensgebung der neuen Strecke: Am 20. Juli 1867 erfolgte die Konstituierung der Aktiengesellschaft „K. k. priv. Kronprinz-Rudolfs-Bahn“, in Anlehnung an die bereits abgesegneten West- und Nordverbindungen, die die Namen des Kaiserpaars trugen.

Als die Kronprinz-Rudolfs-Bahn 1873 schließlich vollständig eröffnet war, entstand die erste kommerzielle Eisenbahnverbindung zwischen Kärnten und der Steiermark. Die Strecke, die von Villach über Klagenfurt, St. Veit und Friesach auf der Kärntner Seite über Neumarkt, Unzmarkt und Knittelfeld nach St. Michael führt, ist heute noch die schnellste Zugverbindung in die Bundeshauptstadt. Aber nicht mehr lange: Mit der Eröffnung des Koralmtunnels im Dezember 2025 fahren Kärntner künftig über Graz nach Wien. Die Fahrtzeit verkürzt sich von vier Stunden auf knapp zwei Stunden und 40 Minuten.

© Oebb

Zehn Stunden nach Klagenfurt

Von solchen Fahrtdauern war zur Zeit der Habsburgermonarchie nicht einmal zu träumen. Die Reise von Marburg nach Villach über die 1864 eröffnete „Kärntner Bahn“ dauerte damals zehn Stunden – eine wesentliche Verbesserung zu den davor üblichen Postkutschen, die nur untertags unterwegs sein konnten und die Strecke von Wien nach Klagenfurt in heute unvorstellbaren fünf Tagen absolvierten. Als die Bahn schließlich dieses träge System obsolet machte, war das öffentliche Interesse überbordend: Ankommende Gäste aus Wien wurden in den Klagenfurter Gazetten mit vollem Namen und Wohnadresse abgedruckt.

Die Bahn brachte aber nicht nur Touristen in den südlichsten Landesteil, sondern auch wirtschaftlichen Aufschwung. Handelsbeziehungen konnten durch den schnelleren Transport von Waren und Rohstoffen vertieft und beschleunigt werden. Konkret profitierte etwa der Transport von Erz zu den großen eisenverarbeitenden Zentren. Das Gleiche gilt für die Steiermark, die ihrerseits mit den diversen Bahnverbindungen den Pfad zur Exportgroßmacht einschlagen konnte. Die Fertigstellung der Koralmbahn ist somit das vorerst letzte Puzzlestück in der gemeinsamen Wirtschaftsgeschichte Kärntens und der Steiermark, die beide Bundesländer immer enger zusammenwachsen ließ – zu einer Wirtschaftsregion Südösterreich.

Themen

  • Nach der Transformation ist vor der Transformation
    History3 Min

    Nach der Transformation ist vor der Transformation

    Immer wieder stand der Wirtschaftsstandort Steiermark vor großen Herausforderungen – und konnte diese im Wesentlichen gut bewältigen. Sich auf den Lorbeeren auszuruhen, ist jedoch keine Option.

  • ACstyria Materials Day
    Mobilität9 Min

    Werkstoff der Zukunft

    Advanced Materials sind weit mehr als ein Forschungsthema. Sie entscheiden darüber, wie effizient, robust, ressourcenschonend und wettbewerbsfähig Mobilität künftig sein kann. Beim Round-Table-Gespräch im Rahmen des ACstyria Materials Day am Red Bull Ring wurde deutlich, warum die Steiermark dafür beste Voraussetzungen mitbringt.

  • Sandra Venus @ Johannes Puch
    Mobilität6 Min

    „Wir müssen auf Spezialisierungen setzen“

    Seit Jänner 2026 ist Sandra Venus die neue Leiterin der Abteilung Finanzen & Controlling und Prokuristin bei der Forschungsgesellschaft Joanneum Research in Graz – und pendelt täglich mittels Koralmbahn aus Klagenfurt. Im Interview spricht die bekennende Optimistin über das Zusammenspiel von Forschung und Wirtschaft, das nicht zuletzt die wirtschaftliche Kraft der Steiermark mit ausmacht.

  • Florian Weitzer
    History1 Min

    Nachgefragt: Florian Weitzer

    „Wenn Alt und Neu im richtigen Verhältnis zusammenkommen, entsteht etwas Echtes“, weiß Florian Weitzer, Geschäftsführer der Florian Weitzer Hotels und Restaurants, aus Erfahrung.

  • Daten & Fakten: Wussten sie, dass ...
    History1 Min

    Daten & Fakten: Wussten sie, dass ...

    … die Geschichte der Hotellerie und Gastronomie weit über 1.000 Jahre zurückgeht? Wir haben faszinierende Daten & Fakten dazu im Überblick.

  • Walter M. Iber & Thomas Krautzer
    History6 Min

    Geschichte als strategische Ressource

    Strategie, Identität, Kultur, Langlebigkeit – eine Auswahl an Parametern, die den Erfolg (oder Misserfolg) unternehmerischen Handelns ausmachen können. An der Universität Graz geht man damit verbundenen Fragestellungen aus historischer Perspektive auf den Grund – mit dem „Grazer Ansatz“ der Unternehmensgeschichte, der in Forschung und Lehre zur Anwendung kommt.

Taboola · Below Article Thumbnails

Nächster Artikel